Raumfahrt und Astronomie im DDR-Bildungssystem Pioniere greifen nach den Sternen

Die "Digedags" flogen schon Ende der 1950er ins All, Adolar holte seit Anfang der 1970er-Jahre seine Weltraumrakete aus dem Geigenkasten – doch nicht nur die "Mosaik"- und Trickfilmhelden wurden in der DDR von der Weltraumbegeisterung erfasst. Auch das Bildungssystem griff nach den Sternen.

"In den Sommerferien war das für die Kinder aus der ganzen Republik eine Art 'Wallfahrtsort'", erinnert sich Wolfgang Möbius, ehemaliger Leiter des Kosmonautenzentrums "Sigmund Jähn".

"Die Raumfahrt hatte damals für die Kinder in etwa den Stellenwert wie heute Fußball", vergleicht der ehemalige Astronomielehrer. Auf dem Höhepunkt der Weltraumbegeisterung - drei Jahre nachdem der Sowjetbürger Juri Gagarin als erster Mensch ins All geflogen war - wurde 1964 in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) das Kosmonautenzentrum im Küchwald eröffnet. Dort konnten die Kinder etwa beim Gleichgewichts- oder Reaktionstest prüfen, ob sie rein körperlich für die Raumfahrt taugten und am Ende sogar selbst in ein Raumschiff steigen und ins All fliegen – alles simuliert, versteht sich.

DDR-Lehrbuch Astronomie Klasse 10
DDR-Lehrbuch Astronomie Klasse 10 Bildrechte: Verlag Volk und Wissen

Doch das Chemnitzer Kosmonautenzentrum und die vielen Arbeitsgemeinschaften "Junge Kosmonauten" versuchten nicht als einzige im DDR-Bildungssystem, Kindern und Jugendlichen die "Sterne näher zu bringen". Bereits 1959, zwei Jahre nach dem erfolgreichen Start des ersten künstlichen Erdsatelliten "Sputnik" in Sowjetunion, war in der DDR Astronomie als obligatorisches Lehrfach für alle Schüler der allgemeinbildenden Schulen eingeführt wurden. Dass es die Sowjetunion war, die das "Kosmische Zeitalter" eröffnet hatte, war dabei sicher nicht unwesentlich. Seit Ende der 1960er-Jahre schossen Schulsternwarten wie Pilze aus dem Boden. Bis zum Ende der DDR gab es rund 150 derartige astronomische Beobachtungsstätten. Zudem wurden ab 1973 die Schulen mit Fernrohren – und zwar mit dem eigens für diese Zwecke entwickelten Zeiss-Schulfernrohr Telementor - ausgestattet.

"Heutzutage ist ein bemannter Weltraumflug ja alltäglich, aber Gagarins Flug damals war weltweit der erste. Nicht nur in der DDR wurden Leute, die Erstleistungen vollbrachten, vom Volk verehrt. Die politische Vereinnahmung kam erst hinterher.", meint Möbius. Die Überlegenheit der sowjetischen Raumfahrt war in den ersten zehn Jahren offensichtlich: In dieser Zeit gingen fast alle Pionierleistungen auf das Konto der Sowjetunion. "Politisch an der Sache war, dass das sozialistische Lager stolz darauf war, dass sie die ersten waren". In der Bundesrepublik dagegen führten vor allem die Mondlandungen der US-Amerikaner ab 1969 zu einem Umdenken der Bildungspolitiker. Ab 1972 war es dann in der Oberstufe möglich, Astronomie als fakultatives Fach in der 12. und 13. Klasse zu wählen.

Kinder mit Kopfhörer und Raumfahrtanzug spielen Kosmonaut an einem nachgestalteten Raketen-Cockpit im Kosmonautenzentrum im Pionierpark in Karl-Marx-Stadt
Kinder mit Kopfhörer und Raumfahrtanzug spielen Kosmonaut. Bildrechte: dpa

Doch trotz dieses enormen Bildungsangebotes in punkto Astronomie und Raumfahrt gaben die Kinder in der DDR nur selten 'Kosmonaut' als Berufswunsch an. "Journalisten, die zu uns kamen, waren meist enttäuscht, denn keines unser Kinder wollte Kosmonaut werden", erinnert sich der 75-jährige Möbius. "Das war aber auch nie unser Ziel. Die Kinder wussten, wie anspruchsvoll das ist, und dass es nur wenige Menschen gibt, denen das möglich ist." Ramona Glaubitz hatte sich damals mit zwölf Jahren die Position des "Chefpiloten" erarbeitet und durfte das Raumschiff steuern. "Durch den Umgang mit den Besuchergruppen hatte ich aber eher den Wunsch, Lehrerin oder Erzieherin zu werden", sagt die heute 46-Jährige.

Der Astronomieunterricht ist inzwischen in den meisten Neuen Bundesländern abgeschafft worden. Das Kosmonautenzentrum in Chemnitz gibt es noch und zieht nach wie vor Kinder in seinen Bann. Mit einem Unterschied vielleicht - die Kinder von heute wie der 12-jährige Niclas Püschel können sich durchaus vorstellen, einmal zu den Sternen zu fliegen. Raumfahrt scheint inzwischen alltäglicher geworden zu sein.

Quelle: Uwe Walther und Hans-Peter Schneider, Astronomieunterricht in der DDR und in den Neuen Bundesländern, in: NiU-Physik 4 (1993) Heft 20; Dieter B. Herrmann, ASTRONOMIE IN ZWEI WELTEN. Himmelskunde in der Schule – Erfahrungen vor und nach der Wende in Deutschland, 2009.

Zuletzt aktualisiert: 05. April 2011, 13:15 Uhr