Logo aus dem ersten "Polizeiruf 110", 1971
Bildrechte: MDR/DRA

Der DDR-Krimi "Polizeiruf 110" - Die Alternative zum "Tatort"

Der "Polizeiruf 110" greift Konflikte auf, die der sozialistische Staat am liebsten gar nicht hätte. Damit wird die beliebte Sendung in der DDR zum Spiegel der Gesellschaft.

Logo aus dem ersten "Polizeiruf 110", 1971
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Frühjahr 1971. SED-Chef Honecker spricht ein Machtwort gegen die Langeweile im DDR-Fernsehen, fordert Spannung und Unterhaltung. Die bot bis dahin vor allem der Klassenfeind. Denn wenige Monate zuvor war im Westfernsehen der "Tatort" auf Sendung gegangen. Da schauten auch die Werktätigen des Arbeiter- und Bauernstaates begeistert zu. Deswegen wird eilig eine eigene, sozialistische Krimireihe aus der Taufe gehoben – der "Polizeiruf 110".

Kein Alkohol, keine Zigarette

Im Klassenkampf um jeden Fernsehzuschauer steht von vornherein fest: Der Sozialismus duldet keine Übeltäter. Wer die 110 wählt, der setzt einen gut gerüsteten Polizeiapparat in Bewegung. Die Ermittler zeigen Vorbildwirkung, sind moralisch unantastbar. Nie sieht man sie rauchen, Alkohol trinken oder lässig gekleidet. "Wir haben zwar alle gequalmt, aber es war nicht erwünscht, dass wir dort rauchende Kriminalisten sehen", erinnert sich Kurt Großkopf, Fachberater für den "Polizeiruf" beim Ministerium des Innern.

Rauchverbot für DDR-Fernsehkommissare 1 min
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Spannung ohne Action

Die Täter sind entwurzelte Einzelgänger, Irrläufer der Gesellschaft, soziale Außenseiter, unbelehrbare Ganoven und Faulenzer, ihre Verbrechen: Einbruch, Erpressung, Diebstahl. Morde kommen selten vor. Auch politisch motivierte Straftaten finden keinen Platz. Blut und Action-Szenen sind kaum zu sehen. "Es ging uns nicht um spektakuläre Fälle, sondern um eine möglichst nahe Position zum wirklichen Leben", betont Erich Selbmann, der stellvertretende DDR-Fernsehchef.

Erich Selbmann 2 min
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Geschichten aus dem Leben

Dennoch offenbart die Reihe, was im offiziellen Selbstbild der DDR gern ausgeblendet wird - die real existierenden Schattenseiten des Sozialismus: Alkoholismus ("Die flüssige Waffe", 1988), Vergewaltigung ("Der Mann im Baum", 1988), Jugendkriminalität ("Der Einzelgänger", 1980), Kindesmissbrauch ("Minuten zu spät", 1972). "Wir haben die Kriminalfälle genommen, um die Gesellschaft zu durchleuchten", sagt Autor Eberhard Görner. "Der Zuschauer bekam eine Realität erzählt, die mit seiner Realität identisch war." Die Folge "Schuldig", die die Wohnraumknappheit kritisiert und damit eine weitere Schattenseite des DDR-Alltags aufgreift, darf nach der Ausstrahlung 1978 allerdings nicht wiederholt werden. Regisseur Rolf Römer bekommt danach keine namhaften Aufträge mehr. Gänzliches Sendeverbot erhält die Folge "Am hellerlichten Tag" zum Thema Kindessexualmord, an der 1974/75 gearbeitet wurde.

Unter Brüdern

Knapp ein Jahr nach dem Fall der Mauer 1989 kam es auf den deutschen Fernsehschirmen zu einem denkwürdigen Ereignis: Die BRD-"Tatort"-Kommissare Horst Schimanski und Christian Thanner ermitteln zusammen mit den DDR-"Polizeiruf 110" Kommissaren Leutnant Thomas Grawe und Hauptmann Peter Fuchs in der gemeinsamen TV Produktion "Unter Brüdern".
"Polizeiruf 110" trifft "Tatort: Fuchs und Grawe treffen auf Schimanski und Thanner Bildrechte: MDR/WDR/Lange

Am 28. Oktober 1990 wird der erste gesamtdeutsche Krimi zeitgleich in der ARD und im DFF ausgestrahlt. In der Folge "Unter Brüdern" treffen die "Tatort"-Kommissare Schimanski und Thanner auf die "Polizeiruf"-Ermittler Fuchs und Grawe, um einen grenz-überschreitenden Kunstschmuggel aufzuklären. Endlich dürfen die Ex-Genossen fast so wild sein wie der draufgängerische "Tatort"-Kommissar. Mit der Abwicklung des DDR-Fernsehens scheint auch das Schicksal des "Polizeirufs" besiegelt zu sein. Doch schon anderthalb Jahre später wird die erfolgreiche Serie wieder produziert - und läuft bis heute. Aus dem "Genossen Hauptmann" wurde der "Hauptkommissar", Wartburg und Lada als Dienstwagen haben ausgedient. Und aus den Vorbild-Ermittlern von einst sind Menschen mit Ecken und Kanten geworden, die ein Privatleben haben und manchmal auch eine rauchen.

Zuletzt aktualisiert: 15. April 2009, 11:25 Uhr