Pioniereisenbahn damals und heute Wenn bei der Bahn die Post abgeht

01. August 2022, 13:39 Uhr

Pioniereisenbahnen – das war Nachwuchsförderung im besten Sinne. Denn Pioniere waren nicht nur die Fahrgäste, sie führten auch die Lok und knipsten die Fahrkarten. Die Idee kam aus der Sowjetunion, wo es allein 52 solcher Kindereisenbahnen gab.

"Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen" war das ausgewiesene Motto der "Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF)" in der DDR. In puncto Pioniereisenbahnen wurde dieser Leitspruch vorbildlich erfüllt: 14 solcher Schmalspurbahnen für Kinder entstanden nach dem sowjetischen Vorbild.

Vom Messezug zum Kinderzug

Die ersten sogenannten Liliputdampfzüge kamen aus England, dem Mutterland der Eisenbahn, und wurden in den 1920er-Jahren auf Verkehrsausstellungen präsentiert und fuhren europaweit als Attraktion in Ausstellungs- und Vergnügungsparks oder dienten bei großen Messen als Beförderungsmittel. In der Sowjetunion bekamen die Schmalspurbahnen eine ganz andere Bedeutung. In den 1930er-Jahren regte die kommunistische Nachwuchsorganisation Komsomol an, diese Eisenbahnen im Kleinformat für Kinder zu bauen. Zum einen wollte man Kindern und Jugendlichen eine interessante Freizeitbeschäftigung bieten, zum anderen gezielt künftige Eisenbahner heranziehen. Unterstützung gab's vom sowjetischen Eisenbahnministerium, das über akuten Mangel an qualifiziertem Personal klagte– kein Wunder, schließlich hatte das Riesenland das größte Eisenbahnnetz der Welt.

Kindereisenbahnen von St. Petersburg bis Jerewan

Ein Pionier verkauft 1959 Fahrkarten am Schalter der Pioniereisenbahn im Küchwald in Karl-Marx-Stadt
Ein Pionier verkauft 1959 Fahrkarten am Schalter der Pioniereisenbahn im Küchwald in Karl-Marx-Stadt. Bildrechte: Parkeisenbahn Chemnitz gGmbH/Dietel

Die erste dauerhafte Kindereisenbahn ging 1935 in Tiflis (Georgien) in Betrieb, daraufhin wurden in fast allen Hauptstädten der Unionsrepubliken solche Schmalspurbahnen gebaut. Bis zum Ende der Sowjetunion gab es insgesamt 52 Kindereisenbahnen: die südlichsten entstanden in Aşgabat, der heutigen Hauptstadt Turkmenistans, und im armenischen Jerewan, die nördlichste in St. Petersburg. In erster Linie dienten die Bahnen der Nachwuchsförderung und spielten kaum eine Rolle im öffentlichen Verkehr. Eine der wenigen Ausnahmen war die Bahn in Gorki, dem heutigen Nischni Nowgorod. Die 1939 gegründete Schmalspurbahn verband die Autofabrik mit einem der Stadtteile, war also unverzichtbar im Stadtverkehr.

Auch andere sozialistische Länder übernahmen die Idee der Kindereisenbahn vom "großen Bruder" - von China bis Kuba. In der ungarischen Hauptstadt Budapest wurde schon 1945 eine Schmalspurbahn zur Nachwuchsförderung eröffnet.

Gestern Pioniereisenbahn, heute Parkeisenbahn

In der DDR standen die Kindereisenbahnen unter der Aufsicht der Pionierorganisation "Ernst Thälmann", weshalb sie hierzulande "Pioniereisenbahn" hießen. Den Anfang machte Dresden, dort wurde 1950 die erste Bahn für Kinder eröffnet, 13 weitere folgten. Mit der Zerfall der Sowjetunion kam aufgrund der fehlenden staatlichen Förderung für etwa die Hälfte der Kindereisenbahnen das Aus. Aber im Jahr 2007 gab sogar zwei Neugründungen: in der Stadt Kemerow im Westen Sibiriens und in Kasan, der Hauptstadt Tatarstans. Die ehemaligen Pioniereisenbahnen hingegen rollen mit Ausnahme der Magdeburger bis heute über die Schienen - mit einem Unterschied: Heute heißen sie Parkeisenbahnen.

Dieser Artikel wurde erstmals 2014 veröffentlicht.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR um 4 | 22.09.2017 | 16:00 Uhr

Geschichte

Döllnitzbahn
Der "Wilde Robert" beförderte aber nicht nur landwirtschaftliche Produkte. Bis zum Jahr 2001 transportierte er auch Kaolin, ein Rohstoff für die Papier- und Porzellanherstellung, der in der Region um Kemmlitz abgebaut wird. Heutzutage können die Besucher jeden letzten Sonntag und zu vielen Sonderfahrten und Veranstaltungen Eisenbahnromantik mit der Döllnitzbahn erleben. Bildrechte: Denise Zwicker/Döllnitzbahn GmbH