Zerrissene Stasi-Unterlagen Rekonstruktion zerrissener Stasi-Akten könnte noch Jahrhunderte dauern

Noch immer warten rund 15.000 Säcke mit Stasi-Aktenschnipseln auf ihre Rekonstruktion. Der Versuch des Berliner Fraunhofer-Instituts, die Unterlagen digital zusammenzusetzen, scheiterte bereits vor Jahren. Seit 2019 wird die Rekonstruktion zwar wieder fortgeführt – jedoch per Hand. Eine schnellere und präzisere Scantechnologie ist bisher noch nicht in Sicht.

Im Herbst 1989 versuchten Stasi-Mitarbeiter verzweifelt, so viele Akten wie nur irgend möglich zu vernichten. Sie stopften sie in Reißwölfe und zerfetzten sie per Hand. Bürgerrechtler stoppten die Aktion der Geheimdienstler schließlich. Insgesamt blieben etwa 100 Regal-Kilometer Papiere unversehrt. Die zerrissenen Stasi-Akten füllten immerhin gut 16.000 Säcke. Seither konnten davon jedoch nur 500 Säcke zusammengesetzt werden.

Nur der Inhalt von 500 Säcken rekonstruiert

Auch 30 Jahre nach der Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR befinden sich noch immer zerrissene Akten in weit mehr als 15.000 Säcken. Rekonstruiert wurde nämlich bislang lediglich der Inhalt von 520 Säcken. Eine vergleichsweise geringe, für manche sogar lächerliche Anzahl. "Aber wir geben nicht auf", gab sich der Bundesbeauftragte Roland Jahn in einem Interview mit der dpa Anfang 2020 kämpferisch. "Die Stasi darf nicht im Nachhinein entscheiden, was die Menschen lesen dürfen und was nicht."

Roland Jahn
Roland Jahn war der letzte Leiter der Stasiunterlagenbehörde BStU. Bildrechte: imago/Horst Galuschka

Rekonstruktion per Hand dauert hunderte Jahre

Und genau diese Worte sind es, die Christian Booß verärgern. Booß ist Vorsitzender des Bürgerkomitees 15. Januar e.V. Der 1991 aus verschiedenen Bürgerkomitees hervorgegangene Verein hat sich zum Ziel gesetzt, den Machtmissbrauch durch SED und Stasi aufzudecken. Laut Booß sei das Projekt der Rekonstruktion der zerrissenen Stasi-Akten "faktisch tot". Insgesamt ist in über 30 Jahren lediglich der Inhalt von etwa 500 Säcken bearbeitet worden. In einem Interview mit MDR ZEITREISE sagte Christian Booß: "Die vom BStU propagierte angeblich erfolgreiche Rekonstruktion per Hand ist die ineffektivste und teuerste Methode!" Ganz davon abgesehen, dass das Zusammenfügen der restlichen Aktenschnipsel im jetzigen Tempo einige hundert Jahre in Anspruch nehmen würde.

Stasi-Unterlagen
Seit die Stasi-Akten kurz nach der deutschen Wiedervereinigung geöffnet wurden, können ehemalige DDR-Bürgerinnen und Bürger ihre Unterlagen einsehen. Doch nicht alle haben die Möglichkeit der Akteneinsicht genutzt. Bildrechte: imago/epd

Rekonstruktion per Computer ist ausgesetzt

Dass ein manuelles Zusammenfügen der Akten tatsächlich kein aussichtsreiches Unterfangen darstellt, war allen Beteiligten relativ bald klar. Um zügiger greifbare Erfolge feiern zu können, wurde 2008 ein Projekt gestartet, bei dem die zerrissenen Stasi-Akten mittels Computern rekonstruiert werden sollten. Mehrere Millionen Euro flossen in das verheißungsvolle Vorhaben. Nun würde es nicht mehr lange dauern, frohlockte man damals in der BStU. Und es gelang immerhin, Papiere aus 23 Schnipsel-Säcken am Computer zusammenzufügen. Doch das Projekt wurde schließlich wieder eingestellt, weil die technischen Parameter für ein geplantes Massenverfahren nicht ausreichten. Zwar hatte ein Fraunhofer Institut eine durchaus beachtliche Software entwickelt, doch es gab keine voll funktionsfähigen Scanner. Deswegen wurde das Projekt gestoppt und ist bislang auch nicht wieder in Gang gekommen.

"Unrealistische Forderungen"

Christian Booß sieht das alles ein wenig anders. "Die Behörde schiebt die Verantwortung einseitig auf die IT-Technologie." Dies sei wenigstens unredlich. Denn tatsächlich sei es so, dass "Computersoftware und Scanner seit Jahren erfolgreich für internationale Institutionen zur Wiederherstellung von zerstörten Dokumenten eingesetzt würden. Die Stasi-Unterlagenbehörde stellte teilweise absurde technische Anforderungen an das Softwaresystem, die gegenwärtig faktisch nicht erfüllbar sind und das Projekt ineffektiv werden ließen." Roland Jahn betonte in dem Interview, dass ein neuer Vertrag zwischen dem Fraunhofer Institut und BStU über einen tauglichen Scanner vorbereitet würde. Dann könnte das Zusammenfügen der Akten auch wieder anlaufen.

Dr. Christian Booß
Christian Booß kritisiert die schleppende Rekonstruktion der zerrissenen Stasi-Akten. Bildrechte: MDR

Opfer warten vergeblich auf ihre Stasi-Akten

Doch auch über die Auswahl der vorrangig zu bearbeitenden Akten gibt es unterschiedliche Ansichten. "Anders als der BStU behauptet, wurden bisher eben nicht schwerpunktmäßig Akten von Personen, die die Stasi ausgespäht hat, rekonstruiert", sagt Christian Booß. "Gerade die Akten von Opfern sind nie prioritär zusammmengefügt worden." Vorrangig seien Akten diverser Verwaltungseinheiten der Staatssicherheit bearbeitet worden beziehungsweise solche, die die Spionage der Stasi im Westen dokumentieren, so Booß weiter. Viele Opfer würden daher bereits seit Jahrzehnten vergeblich auf ihre Akten warten. Das bestreitet übrigens auch Roland Jahn nicht.

"Gedächtnis der Nation"

Seit 2021 ist das Stasi-Unterlagen-Archiv Teil des Bundesarchivs. Die Akten sind nach wie vor zugänglich. "Ihr Zugang ist eine Errungenschaft der Friedlichen Revolution", betonte Jahn. "Sie gehören zum Gedächtnis der Nation." Nur die übrigen 15.000 Säcke voller zerrissener Stasi-Akten - die fehlen. Seit 2019 übernimmt eine Stabsstelle Rekonstruktion die Fortführung der digitalen Rekonstruktion sowie die Koordinierung der manuellen Rekonstruktion. Eine schnellere und präzisere Scantechnologie ist bisher aber noch nicht in Sicht.

(dpa/St)

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV in "MDR Zeitreise" 12.01.2020 | 22.00 Uhr

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