Brigitte Zimmermann: "Geheilt" im Sinne von "gesund"

Brigitte Zimmermann wurde im Winter 1978/79 mit Hepatitis-C-Viren verunreinigtes Anti-D-Globulin gespritzt. Sie leidet bis heute unter den Folgen - sorgt aber mit ihrem Mann für Aufklärung.

Steffen und Brigitte Zimmermann
Bildrechte: Steffen und Brigitte Zimmermann

Sie haben vor einem halben Jahr die Webseite "www.antidhilfe.de" ins Internet gestellt. Warum jetzt nach so vielen Jahren dieser Schritt in die Öffentlichkeit?

Er: Wir wollen aufklären, weil so viele Frauen bis heute gar nicht verstehen, was genau mit ihnen passiert ist. Vor allem geht es uns darum, die unterschiedlichen Folgen einer Hepatitis-C-Virus-Infektion und einer Hepatitis C (Leberentzündung) aufzuzeigen.

Sie: Viele Frauen haben ihre über drei Jahrzehnte anhaltenden Krankheitssymptome und oft auch die Konsequenzen von Interferon-Therapien inzwischen als Teil ihrer selbst angenommen. Ganz so, als wären zum Beispiel die chronischen Gelenkschmerzen und Depressionen Teil ihres Wesens - anstatt einen Zusammenhang zur Infizierung mit dem Hepatitis-C-Virus bzw. den meist mehrfach durchgeführten, einjährigen Interferon-Therapien herzustellen. Vor der Infizierung war ich kerngesund und sogar als Leistungssportlerin erfolgreich. Nach der Infizierung konnte ich nicht mal mehr meinen Beruf ausüben - ich war Schneiderin - und bin seitdem zu Hause.

Wie wurden Sie mit dem Thema Leberentzündung konfrontiert?

Sie: Das wusste ich früh. Kurz nach der Entbindung bekam ich extrem hohes Fieber und der Notarzt war völlig ratlos. Kurz darauf wurde ich zu einer Kontrolle in die medizinische Akademie in Dresden bestellt, ich hatte wahnsinnig hohe Leberwerte und musste am nächsten Tag ins Krankenhaus.

Was wurde Ihnen da gesagt?

Sie: Dass ich sehr hohe Leberwerte habe. So ging es auch den anderen Frauen im Zimmer. Wir waren zu fünft in Quarantäne, durften den Raum nicht verlassen, nicht mal auf Toilette. Das es etwas mit der Spritze zu tun hatte, die wir alle nach der Geburt unserer Kinder erhielten, war uns dann irgendwie klar. Zwölf Wochen lang, jede Woche haben wir gehofft, dass wir endlich rauskommen. Unsere Kinder konnten wir in dieser Zeit nur vom Fenster im ersten Stock aus sehen. Das war schrecklich!

Wussten Sie von anderen Betroffenen?

Sie: Wir hörten von anderen Zimmern mit ähnlichen Fällen, aber nicht, dass auch Frauen in anderen Städten betroffen waren. Vom tatsächlichen Ausmaß haben wir erst viel später erfahren.

Wie ging es nach der Entlassung aus dem Krankenhaus weiter? 

Sie: Wir Frauen wurden zur strengen Geheimhaltung aufgefordert. Komischerweise haben wir damals noch nicht mal unsere Adressen ausgetauscht. 1984 sind wir aufgrund eines 1981 gestellten Ausreiseantrages dann nach Hessen ausgereist. Das war eher problemlos, allerdings ohne alle Papiere und Unterlagen über meine Krankheit. Im Westen angekommen habe ich den Ärzten gesagt, dass ich an einer chronischen Leberentzündung erkrankt bin. Aber leider konnte man mir trotz großer Erwartungen auch dort nicht wirklich helfen.

Er: Andere Frauen - meistens aus dem Raum Berlin und Chemnitz - haben uns erzählt, dass sie bedroht wurden - weniger von den Ärzten, als vielmehr von Mitarbeitern der Staatssicherheit, die sie sogar zu Hause aufsuchten. Ganz so nach dem Motto: 'Es gibt genügend Mittel und Wege, Sie zum Schweigen zu bringen'. Die meisten dieser Frauen haben deshalb auch den Mund gehalten. Diese Vorgehensweise war aber aus heutiger Sicht von Region zu Region unterschiedlich. 

Sie: Die Frauen waren mit dem Thema eigentlich überfordert und ganz auf sich allein gestellt. Es wurde totgeschwiegen, selbst in der Familie war es ein Tabuthema.

Als der Impf-Skandal nach der Wende öffentlich wurde, sollten die Frauen sich melden, zur Begutachtung des Impfschadens, um die Höhe der Entschädigungsrente festzulegen. Haben Sie das auch gemacht?

Sie: Ja, die chronische Hepatitis-C-Virus-Infektion wurde auch bei mir anerkannt und darum bekomme ich bis heute eine kleine Entschädigungsrente. Von 2010 bis 2011 habe ich eine dritte Therapie mit Interferon und Ribavirin gemacht. Die Viren sind seitdem unter der Nachweisgrenze und trotzdem geht es mir heute schlechter als zu Beginn dieser Therapie. Darum kann ich auch nicht verstehen, dass man von den Versorgungsämtern jetzt als "geheilt" im Sinne von "gesund" dargestellt wird. Damit verliert man gleichzeitig den Anspruch auf die Rente sowie die Heil- und Krankenbehandlung.

Er: Die Versorgungsämter übersehen hier, dass der Kontakt mit dem Hepatitis-C-Virus nicht nur zu einer Hepatitis C, sondern vordergründig zu einer Hepatitis- C-Virus-Infektion des gesamten Organismus' führt. Neben anderen Folgeerkrankungen ist die Hepatitis C, also die Leberentzündung selbst, auch nur eine Folge der Virusinfektion.

Sie: Man geht sogar soweit, dass all die Symptome, die seit über dreißig Jahren ununterbrochen da sind, wie Glieder- und  Gelenkschmerzen, Depressionen, Erschöpfungszustände usw. - plötzlich andere gesundheitliche Ursachen haben sollen. Das ist schon dreist!

Er: Mit alledem ist meine Frau kein Einzelfall! Wir wissen aus Berichten von vielen anderen, das auch sie als quasi "geheilt" gelten und deshalb seit Jahren um die Anerkennung der Entschädigungsrente und der Heil- und Krankenbehandlung kämpfen müssen. Inzwischen haben sich mehr als hundert Frauen über unsere Webseite an uns gewandt. Das ist toll, dass wir mit dieser Seite so viele betroffene Frauen erreichen.