Forschungsprojekt zu gesundheitlichen Folgen von SED-Unrecht Interview: "SED-Unrecht führt zu körperlichen Schmerzen und Langzeitfolgen"

Drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung wird in einem groß angelegten Forschungsprojekt zu den seelischen und körperlichen Langzeitfolgen von Betroffenen geforscht, die Überwachung, Gewalt und Zersetzung durch das SED-Regime in der DDR ausgesetzt waren. Zwölf Teilprojekte sollen zu verschiedenen gesundheitlichen Aspekten Ergebnisse liefern. Prof. Dr. Bernhard Strauß vom Universitätsklinikum Jena spricht über das länderübergreifende Projekt zur Anerkennung von Langszeitfolgen von SED-Unrecht.

Kundgebung und Demonstration zum Thema Aufarbeitung von DDR-Unrecht der Organisationen OvZ-DDR e.V
Noch immer ist das SED-Unrecht nicht vollständig aufgearbeitet. Besonders über langfristige gesundheitliche Folgen der Betroffenen durch beispielsweise Gewalt oder Überwachung ist wenig bekannt. Dabei können diese körperlichen und seelischen Schäden auch generationsübergreifend wirken. Bildrechte: IMAGO / IPON

In dem Forschungsprojekt "Gesundheitliche Langzeitfolgen von SED-Unrecht" geht es darum, Folgen politischer Traumatisierung für die Gesundheit zu untersuchen. Warum ist das, gerade auch 31 Jahre nach der Wiedervereinigung, heute so notwendig?

Prof. Dr. Bernhard Strauß: Da gibt es mehre Antworten. Das Projekt heißt "Gesundheitliche Langzeitfolgen" und wir gehen davon aus, dass Erfahrung mit Unrecht im weitesten Sinne langfristige Folgen haben, die auch Jahrzehnte später bedeutsam sind. Das ist der eine Grund. Der andere ist: Die bisherige Forschung war sehr punktuell. Das Thema war für die Forschungsförderer außerdem nicht besonders attraktiv.

Prof. Dr. Bernhard Strauß
Bildrechte: Prof. Dr. Strauß, Universität Jena

Über den Interviewpartner Prof. Dr. Bernhard Strauß leitet an der Universität Jena ein Teilprojekt des gesamten Forschungsverbundes zur Anerkennung von Langszeitfolgen von SED-Unrecht. Seit 1996 ist er Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Ihr Aufgabenbereich oder Fachgebiet ist die Psychosomatik. Ein Teil Ihrer Forschungen werden unter anderem psychobiologische Folgen der SED-Haft sein. Können Sie das näher erläutern? Mit welchen Folgen haben Betroffene der SED-Haft bis heute zu kämpfen?

Ganz grundsätzlich gehen wir in der Psychosomatik davon aus, dass körperliche und psychische Schäden und Störungen letztendlich sehr stark auf erlebte Belastungen bezogen sind. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird das als Stress bezeichnet. Stress, insbesondere wenn er dauerhaft anhält oder wiederkommt, führt dazu, dass unser Körper ganz spezifische Reaktionen ausbildet. Wenn das dauerhaft ist, führt es dazu, dass Fehlfunktionen aufrecht erhalten werden und diese wirken sich ganz unterschiedlich und individuell auf körperliche Systeme aus. Wie beispielsweise das Herz-Kreislauf-System, das Verdauungssystem oder den Bewegungsappart.

Das ist eine wichtige Perspektive, weil man in erster Linie bislang darauf geschaut hat: Welche psychischen Störungen sind eigentlich die Folge von SED-Unrecht und bisher hat kaum auf die körperlichen Folgen geschaut. Und bei unserem Projekt sind körperliche Maßnahmen, wie Doping oder die Anti-D-Prophylaxe-Impfung, Aspekte, die körperliche Folgen haben müssen und direkt in das biologische System eingreifen.

Wie können Betroffene von SED-Unrecht am Projekt teilnehmen?

Sie haben in der ehemaligen DDR Unrecht erfahren? Sie leiden noch heute an den gesundheitlichen Folgen? Sie möchten die Forschung unterstützen und dazu beitragen, die Mechanismen dahinter besser zu verstehen? Kontaktieren Sie die AnsprechpartnerInnen der Teilprojekte, die zu Ihnen passen. Hier bekommen Sie weitere Informationen zum Forschungsprojekt.

Was konkret wollen Sie mit Ihrem Teilprojekt erreichen?

Wir wollen herausfinden, ob dauerhafte Belastungen, die mit dem SED-Unrecht in Verbindung stehen, kurz- und langfristige oder wenn möglich auch über die Generationen hinweg, tatsächlich körperliche und seelische Dysfunktionen mit erklären können. Dieser generationsübergreifende Aspekt ist auch noch einmal Argument dafür, dass wir das jetzt untersuchen. Wir wissen aus vielen anderen Kontexten, dass politisch motivierte Unrechtserfahrungen nicht nur für die Personen, die unmittelbar betroffen sind, sondern für deren Kinder und nachfolgenden Genrationen bedeutsam sind. Das erklärt man sich damit, dass Eltern in ihrem körperlichen und seelischen Befinden geschädigt sind, dass auf das familiäre Klima und den Umgang der Eltern mit ihren Kindern auswirkt. Dementsprechend kann man erwarten, dass unter Umständen auch die nächsten Generationen von solchen Erfahrungen betroffen sind. Das ist sehr gut und sehr genau untersucht. Zum Beispiel für die Folgen des Dritten Reich.

Für beispielweise Gutachter bei Gericht ist es schwer, beispielsweise eine Haft in der DDR als Traumagrund zu erkennen. Es braucht also einen Katalog für solche Gutachter. Kann der Punkt durch das Forschungsprojekt erfüllt werden?

Das ist ein Hauptziel. Die ganze Förderung hat einen politischen Hintergrund. Die Parteien, konkret geht es auf ein Positionspapier der SPD und CDU zurück, haben genau diese Missstände und das mangelnde Wissen in diesem Kontext angeprangert. Und die Verbesserung der Beratung, aber auch der Begutachtung, ist ein ganz zentrales Ziel unseres Projektes.

Wir wollen auf der Basis unserer Untersuchungsergebnisse, aber auch auf der Basis dessen was, man schon weiß, Personen im Beratungskontext im weitesten Sinne informieren und sensibilisieren für das Thema. Da geht es nicht nur um Psychotherapeuten, sondern auch um Pflegepersonal in Alten- und Seniorenheimen und wo PTBS und Langzeitfolgen vorkommen.

Sie haben von körperliche Langzeitfolgen gesprochen. Einige können Rückenschmerzen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein. Was kann noch bei Betroffenen auftreten?

Man kann sich das so vorstellen: Wenn der Körper dauerhaftem Stress ausgesetzt ist, dann ändert sich die Belastungsfähigkeit der Personen im Alltag. Sie werden anfälliger und instabiler in Hinblick auf ihre Immunreaktion. Sie werden zum Beispiel generell häufiger krank oder entwickeln Entzündungen. Entzündungen sind tatsächlich ein Prozess, von dem man ausgeht, dass er maßgeblichen Teil stressabhängig ist. Dieser dauerhafte Stress wirkt sich auf die allgemeine Ermüdung von Organen aus. Da kann man sehen, dass stressbedingte Störungen das Herz-Kreislauf-Systems oder auch das Magen-Darm-System tangieren. Auch Schmerzstörungen, die man sehr schwer mit neurologischen Prozessen erklären kann, haben einen solchen Hintergrund und sind oftmals mit Gewalterfahrungen und Vernachlässigung verbunden. Das sind Erfahrungen, die in der SED-Diktatur durchaus vorkamen.

Wann können wir mit ersten Ergebnissen des Forschungsprojektes rechnen?

Der Bundestag hat uns die Mittel bewilligt. Erstmal für einen Zeitraum von drei Jahren. Ich bin hoffnungsvoll, dass wir dass wir in der Halbzeit, also Ende nächsten Jahres, Anfang übernächsten Jahres, schon konkrete Ergebnisse haben werden.

Finanzierung des länderübergreifenden Forschungsprojektes Das Forschungsprojekt zur Untersuchung gesundheitlicher Langzeitfolgen von SED-Unrecht wird durch Mittel des Ost-Beauftragten der Bundesregierung Marco Wanderwitz in Höhe von 2,4 Millionen Euro gefördert, im kommenden Jahr übernimmt das Jenaer Team die Koordination des Verbundes.

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