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Bildrechte: Detlev Müller

Mittelsächsisches Theater Freiberg: Giacchino Rossini: Der Barbier von SevillaEin Faktotum der Stadt

17. Oktober 2023, 17:18 Uhr

"Machen Sie Platz für das Faktotum der Stadt, Machen Sie Platz - per un barbiere di qualita." So stellt sich Figaro in Giacchino Rossinis komischer Oper "Der Barbier von Sevilla" in seiner Eingangsarie vor. Figaro ein Friseur, aber auch ein Spaßmacher und Intellektueller mit revolutionären Gedanken, eine Figur aus Pierre Augustin Caron de Beaumarchais spanischer Trilogie. Im zweiten Teil dieser Trilogie, in "Der Hochzeit des Figaro", wird Figaro ein Dienstmädchen jenes Grafen heiraten, dem er zuvor zur Braut verholfen hat. Nun spielt er im mittelsächsischen Theater Freiberg wieder als Rossinis "Barbier von Sevilla" seine "tollen" Streiche.

von Bernhard Doppler, MDR KLASSIK

Der Barbier von Sevilla, die erste Folge einer Soap

Die Inszenierung von Barbara Schöne macht deutlich, dass es sich in der Tat um eine Fortsetzungsgeschichte, eine Art Soap aus dem 18. Jahrhundert handelt: Der "Barbier von  Sevilla" ist der Anfang.

Graf Almaviva will über Intrigen Rosina, ein junges Mädchen, die bei ihrem Oheim Dr. Bartolo lebt, entführen und heiraten.  Es wird – Mozarts "Hochzeit des Figaro" zeigt es dann – in der zweiten Folge, eine unglückliche Ehe von Graf und Gräfin.

Der "Barbier von  Sevilla", eine Art Soap aus dem 18. Jahrhhundert. Bildrechte: Detlev Müller

Wenn in der Freiberger Produktion diese Geschichte erzählt wird, werden die Rezitative auf Deutsch geboten, gesungen wird jedoch Italienisch. Dabei werden nicht die Texte der italienisch gesungenen Musiknummern übertitelt, zu lesen ist lediglich eine Zusammenfassung und ein Kommentar der Vorfälle.

Dabei wird die Handlung gegenüber dem Original ein wenig verändert: Aus der Bediensteten Berta macht die Inszenierung zum Beispiel die Haushälterin Marcellina, eine Figur aus der "Hochzeit des Figaro", die mit Dr. Bartolo ein Verhältnis hat.

Rosina eine Barbie-Puppe

Die  Figuren werden jedoch keinesfalls psychogisch vorgeführt, die Bühne und Ausstattung von Janine Cleemen ist abstrakt und orientiert sich auch in den Kostümen nicht an einer bestimmten Zeit, barocke Perücken zwar, aber auch zeitlose Harlekinkostüme.

Rossinis "Barbier von Sevilla" – obwohl 30 Jahre nach Mozarts Figaro uraufgeführt – wird dabei als Vorstufe vor Mozarts Werk gesehen, als eine traditionelle Commedia dell'arte mit Dottore, Gesangslehrer, Spaßmacher.

Lindsay Funchal als Rosina, Bartolos Mündel und Beomseok Choi als Figaro. Bildrechte: Detlev Müller

Bei Rossini wären, so die Interpretation Barbara Schönes, noch nicht die ambivalenten Gefühle wie bei Mozart ausgelotet. Das Geschehen funktioniert in seiner opera buffa hingegen über Figurentypen wie bei einem Uhrwerk – freilich nur wenn ordentlich "geschmiert" wird: mit Bestechung und viel Trinkgeld für jede Intrige.

Dabei wird jede musikalische Wendung bis ins Detail als Geste karikiert und choreographiert. Vor allem Rosina erinnert an ein Spielzeug – eine Barbie-Puppe.

Gespenster und Gewittermusik

Man könnte darüber  streiten, ob man Rossini in die Gefühlswelt Mozarts zurückversetzen soll, auch bei ihm gibt es ja immer wieder existentielle Einbrüche. Barbara Schönes Inszenierung deutet sie vor allem gegen Schluss auch an.

Die Gewittermusik vor dem Finale ist ein Alptraum des Mädchens Rosina: Alle Figuren treten bei diesem Gewitter nämlich als Gespenster mit weißen Masken – als heimtückische Gewitterwolken auf.

Auch das bei Rossini sehr kurze Finale ist nicht so richtig lustig. Rosina scheint da schon zu ahnen, auf welchen Mann sie sich da bei Almaviva als Braut eingelassen hat.

Besetzung

Attilio Tomasello, Musikalische Leitung
Barbara Schöne, Regie
Jeannine Cleemen, Ausstattung
Inkyu Park, Graf Almaviva
Beomseok Choi, Figaro, Barbier
Angus Simmons, Figaro, Barbier
Frank Blees, Bartolo, Doktor der Medizin
Kirsten Scott, Rosina, Bartolos Mündel
Lindsay Funchal, Rosina, Bartolos Mündel
Gregor Roskwitalski, Don Basilio, Musikmeister
Heain Youn, Berta, Haushälterin Bartolos
Frank Unger, Fiorillo / Offizier
Stefanie Metzler, Ambrogio, Diener Bartolos

Musikalisch überzeugend

Musikalisch lässt die Produktion kaum Wünsche offen. Attilo Tomaselli und die mittelsächsische Philharmonie lassen Rossinis Dynamik genussvoll spüren. Und auch das Ensemble des Mittelsächsischen Theaters überzeugt wieder.

Etwa Frank Blees als Bartolo und ganz besonders Lindsay Fuchail als "Barbie" – Rosina brilliert. Zwar sind es nun nicht Belcanto-Spezialisten, aber gerade ihre Vielseitigkeit macht den Reiz eines Stadttheaters aus.

Frank Bleesals Bartolo, Doktor der Medizin, Inkyu Park als Graf Almaviva und Park und Lindsay Funchal als Rosina. Bildrechte: Detlev Müller

Beomseok Choi als Figaro und Inkuij Park als Almaviva haben zuvor die etwas expressiveren Partien in Rigoletto und den Herzog in Verdis Oper gesungen. In gewisser Weise ist ja auch Rigoletto und der Frauenheld in Verdis Oper eine Fortsetzung der Barbiere-Konstellation, die zum Vergleich einlädt.

Viel Premierenapplaus

Der "Qualitätsbarbier", das zeigt diese Produktion, ist noch immer sehr gefragt. Vor Figaro trat im Mittelsächsischen Theater Falstaff aus Nicolais "Lustigen Weibern von Windsor" und der traurige Hofnarr Rigoletto auf.

Freiberg ist sicherlich nicht Windsor, nicht Mantua und auch nicht Sevilla. Ins Theater und ins Stadtgespräch einer Kleinstadt passen diese Figuren, diese Spaßmacher, passt Figaro noch immer gut. Viel Premierenapplaus.

Bildrechte: Detlev Müller

Weitere Vorstellungen:Termine 2023 in Freiberg:
28.11., 9.12., 22.12., 28.12
19:30 Uhr

Termin 2023 in Döbeln (der zweiten Spielstätte des Mittelsächsichen Theaters)
16.12.
15:00 Uhr

Premiere war am 25.11.2023

Dieses Thema im Programm:MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 27. November 2023 | 09:10 Uhr