MDR INVESTIGATIV - Hinter der Recherche (Folge 31) Podcast-Transkript: Vietnamesen in Ostdeutschland - Was ist ihre Geschichte?

Audiotranskription

Menschen aus Vietnam bilden in Ostdeutschland eine der größten migrantischen Gruppen. Viele sind vor der Wende als Vertragsarbeiter in die DDR gekommen. Und heute prägen ihre Läden im Osten das Stadtbild. Nhi Le ist selbst Viet-Ostdeutsche der zweiten Generation und erzählt im Podcast vom viet-ostdeutschen Leben auf dem Land und in der Stadt.

zwei junge Frauen sitzen in einem Restaurant am Tisch
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach der Wende haben wir uns erstmal entschieden, in Deutschland zu bleiben. Und dann haben wir beim deutschen Arbeitsamt gefragt, wie man sich Arbeit sucht oder wie man sich selbstständig macht. Dann haben wir uns für die Selbstständigkeit entschieden.

Herr Nguyen

Tatsächlich möchte ich echt gern selbständig werden. Und ich weiß auch, ich habe einen guten Job und alles. Aber es ist vielleicht auch die Art, wie man halt damals im Imbiss mit seinen Eltern manchmal gearbeitet hat, ne? Du warst irgendwie zehn, zwölf und warst dann in dieser Rolle. Und meine Mama, ihr gefällt das nicht ganz, dass ich auf diese Stände gehe und Essen verkaufen möchte, also das machen will, was eigentlich sie auch macht. Weil eigentlich haben wir den Vorteil gegenüber der ersten Generation. Wir haben viel mehr Optionen.

Linh

Esther Stephan (ES): Sie hören den Podcast "MDR Investigativ - Hinter der Recherche" ich bin Esther Stephan und arbeite für die politischen Magazine des Mitteldeutschen Rundfunks.

Herr Nguyen, den sie gerade am Anfang gehört haben, der ist 1982 in die DDR gekommen, um als Vertragsarbeiter hier zu arbeiten. Jetzt, 40 Jahre später, lebt er in Magdeburg und betreibt dort ein Restaurant. Viele, die damals mit ihm hier angekommen sind, die arbeiten heute in der Gastro. Genauso wie Linh, die haben sie als zweites gehört und Linh ist Viet-Ostdeutsche der zweiten Generation. Und sie möchte sich mit Streetfood selbständig machen. Aber natürlich ist viet-ostdeutsches Leben nicht nur gutes Essen, sondern viel, viel mehr. Und darüber spreche ich heute in einer sehr persönlichen Podcast-Folge. Denn auch meine Nhi Le ist Viet-Ostdeutsche. Und sie hat den Film über Vietnamesen in Ostdeutschland für exactly gemacht. Hallo, Nhi!

Nhi Le (NL): Hallo!

ES: Meistens haben wir hier im Podcast so Themen, wo die JournalistInnen sich in eine Subkultur oder eine Szene reinbegeben und sich dann von außen einarbeiten und dann von außen auch berichten. Wieso hast du diesen Film gemacht?

NL: Ich wollte diesen Film machen, weil Vietnamesen, Vietnamesinnen mit die größte migrantische Gruppe in Ostdeutschland sind. Und diese Geschichte der VertragsarbeiterInnen in der DDR, das ist eine total deutsche und auch ostdeutsche Geschichte. Ich selbst kenne so viele Schicksale. Aber der Mehrheitsgesellschaft ist das meistens nicht bekannt, obwohl das ja auch hier vor Ort abgelaufen ist. Und deshalb dachte ich, das würde ich gerne erzählen. Das würde ich gerne sichtbar machen, denn das ist ja ein Privileg am Journalismus, dass man Geschichten erzählen darf und einem Publikum zugänglich machen kann. Und ich dachte mir auch, dass es wichtig ist, diesen Raum zu nehmen. Denn diese Geschichten, die brauchen Aufmerksamkeit. Und es gibt ja auch nicht nur den einen Osten, nur die eine ostdeutsche Erfahrung. Und ich glaube, dass es unfassbar wichtig ist, auch die migrantische Perspektive damit in den Diskurs zu bringen.

ES: Du hast dich ja selbst auch im vergangenen Jahr super stark gemacht gegen antiasiatischen Rassismus. Gerade im Zuge der Corona-Pandemie kannst du noch mal erzählen, was da los war?

NL: Also das Coronavirus kommt ja aus Wuhan, oder wurde zumindest zuerst in Wuhan in China entdeckt. Und kurz darauf haben Menschen in der ganzen Welt ChinesInnen, aber ja im Allgemeinen auch AsiatInnen mit dem Virus gleichgesetzt. Und so kam es dann zur Diskriminierung. Also, da hieß es: "Das Virus wurde durch die Asiaten, Asiatinnen erschaffen, die sind dafür verantwortlich." Und das kam auch nicht aus einem luftleeren Raum, sondern geht auf uralte Ressentiments zurück. Also Asiaten vor allem als dreckige, unhygienische, fast schon barbarische Menschen, die jetzt durch ihre Lebensweise, diese dreckige Lebensweise, zu dem Virus geführt haben. Und das hat daneben zu verschiedenen Formen von Diskriminierung geführt. Also es gab Ausgrenzung im Alltag, aber auch eben Übergriffigkeiten und Attacken überall auf der Welt. In Frankreich entstand dann schon im Februar der Hashtag #JeNeSuisPasUnVirus. Also #IchBinKeinVirus, das gibt es auch hier auf Deutsch. Das gibt es auch in den USA, wo sich Betroffene dann eben stark gemacht haben. Denn sie wurden dann, vor allem auch zu Beginn der Pandemie, als Sündenböcke der Pandemie dargestellt.

ES: Und hast du das Gefühl, dass sich dadurch, dass sich da im vergangenen Jahr auch weltweit eben so eine Gegenbewegung stark gemacht hat, die Debatte auch verändert hat?

NL: Ich glaube schon, dass sich die Debatte verändert hat. Denn vielen Menschen ist es nicht unbedingt bewusst, dass gerade Ost-,  Südost-AsiatInnen auch Diskriminierung erfahren. Also da wird er von positivem Rassismus gesprochen. Oder das kann man als positiven Rassismus sehen, so wie: "Ja, die sind ja so gut geht integriert, die sind ja so ruhig." Und auch das Klischee der Vorzeigeminderheit ist ja im Endeffekt schädlich, weil es erstens dafür da ist, dass die Minderheiten oder marginalisierten Gruppen gegen andere ausgespielt werden. Zweitens führt es dazu, dass die Bedürfnisse und die Hardships der Betroffenen gar nicht gesehen werden. Sprich: Ja, die sind ja so ruhig und gut und die mucken nie auf. Da passiert ja dann nicht großartig was. Und das führt dann eben dazu, dass gar nicht gesehen worden ist von vielen, dass die eben auch Diskriminierung erfahren, sodass vieles mit dem Rassismus in der Pandemie dennoch für viele neu war. Also da konnte ich natürlich nur müde drüber lachen. Aber viele andere wussten auch gar nicht so wie: "Ah, ich wusste nicht, dass Ost-/Südostasiaten auch Diskriminierung und Rassismus erfahren." Und das ist ja dann extrem sichtbar geworden, also so unsichtbar wie das Virus ist, so sichtbar war dann auch der Rassismus. Und ich glaube, dass zumindest mehr Menschen ein Bewusstsein dafür erlangt haben, dass wir Rassismus erfahren können, auch wenn das natürlich so auf die sehr harte Tour passiert ist.

ES: Du hast ja auch gerade schon gesagt, es ist ja auch tatsächlich einfach gar nicht neu. Der Herr Nguyen erzählt im Film ja zum Beispiel auch voll eindrücklich von seinen Gewalt- und Rassismuserfahrungen. Zum Beispiel erzählt er an einer Stelle, dass seine Familie in einem Jahr sieben Mal angegriffen worden ist. Und wenn er diese Angriffe der Polizei gemeldet hat, dann hat er da überhaupt gar keine Unterstützung erfahren. Also, geschweige denn auch dann von Angriffen wie in Rostock-Lichtenhagen zum Beispiel.

Da ist so viel passiert. Es gab nicht viele vietnamesische Familien. Meine Familie wurde sieben Mal im Jahr angegriffen. Meine Wohnung war kaputt. Meine Sachen wurden geklaut. Ich habe mit jungen deutschen Glatzköpfen gekämpft. Die sagten: Ich schlag dich. Das hab ich dem Ordnungsamt, der Polizei gemeldet. Aber die Unterstützung war sehr gering. 

Herr Nguyen

ES: Aber wenn ich jetzt diese Erzählung von ihm mit dem vergleiche, was du vor einem Jahr bei "Zeit Campus" da geschrieben hast unter diesem Schlagwort "Ich bin kein Virus" - also Anfeindungen gegen asiatisch gelesene Menschen, racial profiling und so weiter - und das eben eben vergleiche mit dem, was Herr Nguyen schon vor 40 Jahren, vor 30 Jahren erlebt hat: Hat sich überhaupt irgendetwas verbessert? Ist irgendetwas besser geworden?

NL: Also ich glaube schon, das es irgendwie ein bisschen besser geworden ist, beziehungsweise jetzt eine andere Intensität hat. Die Hintergründe, weshalb sich dieser Rassismus äußert, diese Anfeindungen, das gibt es auch immer noch. Die Ideologie, die dahinter steckt. Aber ich muss ganz ehrlich sagen, ohne jetzt die aktuellen Zustände verharmlosen zu wollen: Ich persönlich kann’s mir gar nicht vorstellen, wie es war in den Neunzigern zu leben. Also das betrifft ja auch nicht nur Viets. Das betrifft ja alle marginalisierten Gruppen. Dazu gibt es ja auch den #Baseballschlägerjahre zum Beispiel. Die rechte Gewalt, wie die in den Neunzigern eskaliert ist, das gibt‘s auf jeden Fall auch immer noch. Und wenn wir über Hanau oder den Mord an Walter Lübcke sprechen, Halle - das ist ja alles ganz aktuell. Aber ich glaube, die Neunziger, da war der Alltag von diesen Anfeindungen, von dieser ständigen Angst - so stelle ich mir das zumindest vor -ja auch dominiert. Und das ist finde ich jetzt zumindest nicht mehr so intensiv. Also es immer noch in einer anderen Intensität da. Aber ich stelle mir die Neunziger als nicht-weiße Personen so unfassbar dunkel vor. Und ich glaube, dass diese ständige, ständige Angst, dieses absolut feindliche Klima, dass sich das ein bisschen entspannt hat. Ich glaube, man kann das ein bisschen schwer vergleichen. Allerdings finde ich das, was die Menschen in den Neunzigern durchmachen mussten, diese Umbruchszeit auch in der Wendezeit, das hat so eine Intensität, die ich vielleicht auch gar nicht ausgehalten hätte. Ich glaube, das war schon einmal damals doller.

ES: Lass uns noch einmal von dem Rassismus-Thema vielleicht wegkommen. Deine Interviewpartnerin Linh, die erzählt in dem Film nämlich, dass sie sich gerade in Leipzig so wohlfühlt, weil eben hier die Community auch so stark ist.

Wir haben eine richtig große Community eigentlich. Als ich in den Westen ging, viele der Vietnamesen dort, also in meinem Alter, die hatten keine vietnamesischen Freunde, weil die das anders nicht kannten. Und wenn ich nach Westdeutschland fahre, da fehlt mir so eine Community. Da fehlt mir die Kultur, und da fehlt mir zum Teil auch der Dong Xuan Markt.

Linh

ES: Jetzt bist du selbst aber in Thüringen, in der Kleinstadt groß geworden. Wie war das da?

NL: Also der Unterschied zwischen Linh und mir ist auf jeden Fall, dass sie hier immer sehr viel Community hatte und auch viele Anlaufstellen. Dafür, dass sich aus einer Kleinstadt komme, die so 15.000 EinwohnerInnen hat, waren wir mit, ich sag mal so sieben bis zehn vietnamesische Familien eigentlich ziemlich gut aufgestellt. Das ist halt gar nicht schlecht. Das ist wie so eine mini-Community da gewesen. Aber es ist natürlich überhaupt nicht das Gleiche. Es ist immer noch eine extrem weiße Stadt. An meiner Schule gab es pro Jahrgang immer nur eine oder maximal zwei nicht-weiße Personen. Ich weiß nicht wie das mittlerweile ist, aber zu meiner Zeit war das so. Und diese Personen waren halt die vietnamesischen Personen. Und man hat sich schon auch getroffen. Wenn zum Beispiel in einer vietnamesische Familie ein Baby geboren worden sind, dann sind alle dahin gekommen. Oder bei Jugendweihen oder allen möglichen so Festen. Da hat man dann das Restaurant über die Mittagspause geschlossen und dann das Fest veranstaltet. Und dann kamen da alle zusammen. Auch nicht nur unbedingt aus der Stadt selbst. Aber das waren dann so kleine Community-Orte. Also unsere Läden, unsere Geschäfte sozusagen. Aber so etwas ganz Großes oder ein Kulturzentrum gab es hier nicht. Dafür werden im Landkreis weiter zu Weihnachten, werden dann wirklich ganz viele Vietnamesen, Vietnamesinnen aus Südthüringen sich da einfinden. Aber in dem Ort, aus dem ich komme, da gab es Community, aber in einem viel, viel kleineren Rahmen. In einem absoluten Mikrokosmos. Also das, was Linh da erzählt, überhaupt nicht zu vergleichen.

ES: Aber wenn es das nicht in den Film geschafft hat, erzähl doch bitte noch mal, was es mit den chinesischen Restaurants auf sich hat.

NL: Also, sehr sehr gerne. Und ich würde darüber gerne überhaupt einen eigenen Film machen. Keinen Podcast oder nur den Artikel, sondern einen Film. Und ich freue mich, dass du danach fragst. Denn es ist ja so, dass viele chinesische Restaurants im Osten, so dieser Asia-Imbiss, diese Ente süß-sauer, Frühlingsrolle, dass das nie von Chinesen oder Chinesinnen betrieben worden ist. Das waren immer Viets. Mich hat das so interessiert: Wie kommt es denn eigentlich so? Denn ich habe so ein ganz, ganz dolles Erlebnis im Kopf, dass das total prägt. Ich war hier in Leipzig essen. Und wenn man sich dann als Viet outet, dann fragen die Älteren jetzt immer: Oh was machst du? Wo kommst du her? Was machen deine Eltern, blablabla. Ich habe dann gesagt: Na ja, meine Eltern, die haben ein Restaurant. Wo? In Thüringen.  Und der Kellner hier in Leipzig so: Das tut mir leid. Ich so: What? Da meinte der: Da in Thüringen, der muss dort bestimmt noch Ente süß-sauer servieren, ne? Und dieser Laden hier in Leipzig, das war schon ein vietnamesisches Restaurant. Und du wirst es ja selbst gesehen haben, dass hier in Leipzig die vietnamesischen Restaurants richtig dolle aufploppen, gerade in den letzten Jahren. Was für mich dann auch so ein Moment war der Sichtbarkeit, wo man sich dann nicht mehr verstecken muss. Und ich finde das ganz interessant, diese Evolution von in China-Restaurant und Asia-Imbiss, zu teilweise Sushi-Laden, und jetzt vietnamesisches Restaurant und dann noch teilweise wie der Fusion. Ich habe da Herrn Nuyen gefragt, aber auch ganz viel du mit meinem Vater drüber gesprochen. Und er hat mir das so erklärt: Also man hat in den 90er-Jahren, wo man sich dann selbstständig machen musste, überlegt: was können wir jetzt machen? Was können wir jetzt anbieten? Ich glaube Herr Ngyuen meinte, er hat dann das China-Restaurant gemacht, weil das etwas war, was die Leute in der DDR irgendwie kannten. Ente süß-sauer, Frühlingsrollen. Also er wollte nichts komplett Unbekanntes anbieten, so wie zum Beispiel eine vietnamesische Pho oder Sommerrollen. Sondern irgendetwas, was man kulturell, popkulturell, vielleicht mal aufgeschnappt hat. Sodass man das dann anbietet. Mein Vater wiederum, der meinte mal, dass es auch um die Zutaten ging. Also das Fleisch, was dann verarbeitet wird, oder eben das Gemüse und so weiter, dass man das eher gefunden hat. Angepasst hat für die Gerichte, als dass es bei vietnamesischen Gerichten unbedingt der Fall wäre oder dass es einfach leichter war, also vietnamesische Küche, da sind ja auch ganz viele Kräuter drin, Koriander und so weiter und so fort. Und er meinte so auch, daran zu kommen man halt einfach schwer in den Neunzigern. Und da war es einfach leichter, diese chinesischen Gerichte zu kochen. Ich glaube, das sind alles Faktoren, die dann irgendwie mit rein spielen. Aber man hat sich dann ja als Chinesen, könnten also sagen präsentiert. Und in den 2000er, 2010er-Jahren kam es dann so, dass dann ganz viele Viets jetzt Sushi verkauft haben. Also wenn du einen Laden siehst: Das sind keine japanischen Menschen dahinter. Ich hatte dann mit dem US-Konsul gesprochen hier, also mit dem Generalkonsul, der ist japanisch-amerikanisch und der meinte so: Das sind ja gar keine Japaner. Dann habe ich ihm das auch erklärt. Ne, sorry, das sind auch Viets.

ES: Aber voll gut, dass es dann überall so besetzt wurde. Dass die Familien dann auch, damit Geld verdienen können. Also weil es gerade dann auch in der Wendezeit auf auch voll der struggle war, etwas aufbauen zu können. Und zu müssen auch.

NL: Ganz genau, wie du es gerade gesagt hast. Es hat doch immer etwas damit zu tun, dass man halt gerade das anbietet, was gefordert ist oder wo man halt irgendwie Geld verdienen kann. Und mit dem Sushi: Das war dann bei meinem Vater auch so. Der hat dann auch Sushi angeboten im Laden. Weil es einerseits einen Hype gab. Und das wiederum auch als hochwertigeres asiatisches Gericht angesehen worden ist. Also da waren dann die Leute auch mehr bereit zu zahlen als vielleicht bei Ente süß-sauer. Was eher nicht besonders als wertvolle Mahlzeit angesehen wird. Und ich glaube, dass man dann deshalb auf den Sushi-Zug aufgesprungen ist. Und dann irgendwann kam das eben hier auch zu den vietnamesischen Restaurants, wo es mittlerweile viele gibt. Ein anderer Besitzer hier in Leipzig meinte mal zu mir: Das war harte Arbeit, das hier durchzudrücken. Das war total fremd für die Leute, unsere Gerichte hier zu zeigen. Aber wir müssen uns nicht mehr verstecken. Und das fand ich sehr schön, als er mir das erzählt hat.

ES: Essen sowieso ganz offensichtlich eines deiner großen Themen. Also musst du vielleicht wirklich noch einen Film dazu machen. Wir sehen dich ja auch ganz am Anfang des Films schon direkt in einem Bubbletea Laden, die so langsam wiederkommen, habe ich das Gefühl. Lass uns noch mal bitte aufräumen, was da damals los war. Weil ich finde es total wichtig, weil sie komm voll selten dazu, Bubbletea zu trinken, einfach weil es bei mir in der Umgebung, glaube ich, unmittelbar keinen gibt. Dann müsste ich in die Innenstadt fahren. Da bin ich einfach selten. Aber ich trinke voll gerne Bubbletea. Und ich bin froh, dass es das jetzt wieder häufiger gibt. Und Leute das auch ein bisschen mit weniger Scham trinken. Zumindetens weiße Menschen. Ws war damals los mit den Bubbletea-Läden?

NL: Wir sehen jetzt einen Bubbletea-Hype. Aber es ist ja wirklich nicht das erste Mal, dass es in Deutschland Bubbletea gibt. Und zwar 2011, 2012 hatten einige Bubbletea-Läden ja auch schon ein High. Aber das ging dann ganz schnell rum. Denn dieser Erfolg des Bubbleteas in den frühen Zehnerjahren, der war auch immer mit Vorbehalten begleitet. Also zu ungesund oder schädlich. Da hieß es dann auch Erstickungsgefahr, durch die Bubbles, was nie, nie, nie nachgewiesen worden ist. Oder sogar krebserregend. Es gab immer so ein Geraune um dieses Getränk. Und 2012 hat eine Studie aus Aachen dem Bubbletea sozusagen den Todesstoß versetzt. Denn die haben dort die Tapioka-Perlen, also die Perlen im Bubbletea, die Bubbles sozusagen...

ES: Genau, Tapioka ist so Stärke, ne?

NL: Genau, Maniokwurzeln, Stärke. Die wurden da untersucht und seien angeblich schädlich gewesen. Und der Studienleiter nannte das "Dreck". Und das war dann natürlich ganz, ganz schlimm. Also sobald es heißt, das hier irgendwie Lebensmittel dreckig sind, dann verängstigt das natürlich die Kunden und Kundinnen. Kurz darauf wurde dann aber festgestellt, dass die Studienergebnisse falsch waren. Also wirklich falsch durchgeführt, nicht haltbar. Eine Studie über die Studie hat dann sogar gesagt, dass es fast Schmierkampagnen gab durch mediale Berichterstattung. Denn einmal dieses Statement, das ist ungesund, das ist Dreck, zusammen mit diesen Vorbehalten und dem Geraune. Dann war es halt rum für den Bubbletea, im Endeffekt. Und das bedeutete eben auch ein Ende für die meist asiatisch geführten Läden. Und ich finde das Bubbletea irgendwie ein Politikum ist. Also man kann schon sagen: Ich mag den Geschmack nicht, oder ich mag es nicht, oder wie auch imme, ist ja alles okay. Aber wenn man dann eben sagt, dass ist Dreck, oder es ist minderwertig, dann kommen wir wieder zu diesen Vorbehalten zurück, also gegen asiatisches Essen. Einerseits gibt es den Hype, aber andererseits auch immer: das ist minderwertig, das hat nicht so eine gute Qualität, oder es macht krank. Und dieses: Es macht krank. Dafür gibt es sogar eine eigene Bezeichnung, und zwar nennt sich das "Chinese-Restaurant-Syndrom". Das angeblich ein Syndrom bezeichnet, dass man sich schlecht fühlt, wenn man vor allem chinesisches Essen gegessen hat.

ES: Von dem Glutamat dann?

NL: Genau. Das hat sich ja auch als falsch herausgestellt, also dass Glutamat nicht bedenklich ist. Und Glutamat hat glaube ich, einen noch viel schlechteren Ruf als Bubbletea. Also ich glaube, Glutamat wird auch einfach so als Zutat, die halt eigentlich unbedenklich ist, nicht so ein Comeback wieder hinlegen. Aber der Bubbletea hat’s geschafft und ist jetzt wieder ganz beliebt. Die sind verschiedene Faktoren, die da mit reinspielen: Also Begeisterung für südostasiatische Popkultur. Aber auch Social Media. Der Bubbletea sieht ja sehr gut aus und lässt sich dann auch gut posten. Das sind alles Faktoren, die halt dazu beigetragen haben, dass der Bubbletea jetzt auch zum Glück wieder da ist. Ich hoffe, dass das auch anhält. Ich trinke Bubbletea auch sehr gerne.

ES: Und welches ist die beste Kombination?

NL: Also: Ich liebe ja Mangos und Grüntee. Und ich trinke dann immer Mango-Grüntee mit entweder klassischen Tapioka-Perlen oder aber mit Jellys, also diesen Gellee-artigen Stücken, und da Litschi dazu. Und dann finde ich es natürlich ganz toll, wenn ich im Läden bin, die dann auch noch so ein bisschen Minze und frisches Obst reinmachen. Also das finde ich am besten. Aber Grüntee mag ich am liebsten, denn Schwarztee ist mir manchmal ein bisschen zu doll.

ES: Ich muss jetzt mal kurz einen ein bisschen größeren Bogen schlagen. Weil ich kriege langsam ein schlechtes Gewissen, weil ich in der Anmoderation gesagt habe, viet-ostdeutsches Leben ist nicht nur Essen und Rassismus. Und wir haben jetzt 20 Minuten über Rassismus und Essen gesprochen.

Ich höre tatsächlich immer wieder von viet-deutschen FreundInnen, dass sie ein Verhältnis zu ihren Eltern haben, das sie wahrscheinlich als distanzierter wahrnehmen, als in weißen, klassischen Alman-Familien. Ist das so?

NL: Ich glaube, man kann das nicht so richtig verallgemeinern. Ich denke schon, dass es manchmal vielleicht Distanzen gibt. Ich habe ja einen ganz vielschichtigen Hintergrund. Meine vietnamesische Familie, ich bin auch teilweise bei einer deutschen Pflegefamilie mit aufgewachsen. Also gleichzeitig oder Tages-Familie. Und kenne ja so verschiedene Seiten, deshalb. Und ich glaube, dass ich deshalb auch einen vielschichtigen ostdeutschen Blick auf Dinge habe. Es ist ja auch so ein Klischee, die strengen, asiatischen Eltern. Aber ein bisschen steckt wahrscheinlich auch schon drin. Ich glaube, dass halt Kommunikation manchmal auch einfach anders läuft. Und vielleicht ist das mit dem, was man als distanziert bezeichnen möchte, auch einfach etwas Migrantisches. Denn ich denke da viel auch über Sprache nach. Also meine Eltern, die sprechen ziemlich gut Deutsch. Und ich hatte da nie Probleme, mich zu verständigen. Aber sie denken ja auf Vietnamesisch. Und ich denke auf Deutsch. Und mein Vietnamesisch ist wirklich nicht so gut wie mein Deutsch. Und ich habe das Gefühl, es gibt Dinge, die ich dann manchmal auch nicht ausdrücken kann. Und ich bin froh, dass ich dann mit ihnen auf Deutsch drüber sprechen kann. Ich versuche es dann auch mit Vietnamesisch. Aber komplett das, was sich fühle, auf Vietnamesisch dann so rüberzubringen, das kann ich nicht. Und ich glaube, komplett das, was sie dann fühlen, auf Deutsch rüberzubringen, das können sie teilweise, aber vielleicht auch nicht zu hundert Prozent. Sodass ich mir denke, dass ist nicht nur so bei Viets, sondern überhaupt bei migrantischen Familien: Wenn man selbst in der zweiten Generation die Sprache der Eltern nicht so gut kann, immer so ein bisschen was dazwischen stehen wird. Also dass man sich nie so genau ausdrücken kann, wie man es möchte, vielleicht. Und das führt natürlich zu einer Barriere. Also da steht dieses Sprachding immer irgendwie dazwischen. Und ich finde, dass das allein schon so ein bisschen Distanz irgendwie aufbauen kann. Und dann ist es natürlich noch so, dass es vielleicht auch kulturelle Unterschiede gibt, wie man Emotionen äußert. Aber da würde ich auch nicht so unbedingt verallgemeinern. Denn es gibt natürlich auch so distanzierte deutsche Familien ohne Migrationshintergrund. Ich glaube der Sprachaspekt, dass es immer irgendetwas, wo ich mir so dachte: Ja, meine Eltern sind jetzt nicht sonderlich distanziert zu mir. Aber manchmal würde ich ihnen gerne noch mehr meine Gefühle, meine Wahrnehmung mitteilen. Und denke mir so: Boah, auf Vietnamesisch, da würden die das 100 Prozent checken. Auf Deutsch zu, weiß nicht, 80-90 Prozent. Das ist schon richtig toll, aber auf Vietnamesisch wäre es noch besser. Aber irgendwie fehlt das Vokabular dazu total.

ES: Das ist mit Sicherheit einfach auch ein Ding, was in vielen migrantischen Familien auch Thema ist. Zeigt sich das auch so ein bisschen in dem Verhältnis der ersten und der zweiten Generation in Deutschland?

NL: Ja, gerade hier im Osten, wo es die ersten und die zweite Generation Viets gibt, äußert man sich anders, lebt man anders. Und ich denke, dass viele Teile der zweiten Generation, so wie ich, ja auch politisiert sind, Forderungen haben und einfach aktiv sind, was Teilhabe angeht. Und in der ersten Generation gibt es da auch einige. Aber ich habe ja dann auch immer wieder im Film gesagt, das es total schwer ist, mit Menschen darüber zu sprechen. Es gibt verschiedene Gründe, weshalb die erste Generation verschlossener ist, oder vielleicht auch einfach unbemerkter bleiben möchte. Und ich bin da mit vielen anderen aus der zweiten Generation ganz anders. Es gibt Menschen wie Herrn Nguyen, politisch aktive aus der ersten Generation, vor denen ich auch unfassbaren Respekt habe und denen ich sehr dankbar bin für alles, was sie an uns weitergeben. Aber das ist eben dann doch nicht die Mehrzahl. Und dieses sich äußern und laut sein, das ist ganz anders zwischen der ersten und der zweiten Generation. Ich glaube, nicht unbedingt dass es da zu Clashes kommt, sondern dass Viets der zweiten Generation von denen aus der ersten lernen können. Und was sind ja dann doch im Endeffekt nicht so viele. Und ich glaube, dass es dann auch manchmal so ein bisschen auf Unverständnis vielleicht stoßen kann. Also als ich immer mehr angefangen habe, mich mit diesen Themen zu beschäftigen, wissenschaftlich aber eben auch journalistisch, meinte meine Mutter so: "Warum willst du das denn? Du bist doch gar nicht in der DDR geboren. Was hast du denn mit der DDR zu tun?"

ES: Einfach, weil  zu jung bist, ne?

NL: Genau. Also: "Du hast damit nichts zu tun. Du hast das doch nicht mehr erlebt. Warum interessiert dich das denn jetzt? Das Leben ist doch jetzt!" Also ich bin ja '95 geboren. Aber von der Nachwendezeit dann als Kleinkind kriegt man ja nicht so findet. Und in der DDR bin ich ja gar nicht geboren. Und da hatte sie dann erst mal so ein paar Fragezeichen. Also mittlerweile nicht mehr, aber auch am Anfang war es so: Hä? Und in einem Talk meinte dann die Moderatorin zu mir: Ich habe so das Gefühl, viele der ersten Generation, die möchten halt einfach unter dem Radar bleiben, unauffällig sein. Das kann ganz viele verschiedene Gründe haben. Und die zweite Generation, oder die meisten auch nicht alle, aber die, die politisiert sind, die wollen das nicht. Die wollen genau das Gegenteil. Und so sehe ich das ja auch, also dass ich, na ja, mich auch nicht mehr zufrieden gebe mit diesem: Ja, die gut integrierten, die ruhigen und alles, was halt irgendwie so von außen ist, die Labels von außen. Sondern ich möchte das für mich selber definieren. Ich möchte für mich selber definieren, was auch meine viet-ostdeutsche experience, mein Leben im Endeffekt ist. Und als Journalistin kann ich dann natürlich so diese ganzen verschiedenen Aspekte noch irgendwie sichtbar machen mit dem Blick von innen und finde das wichtig, zu sagen: Es gibt diese Diskrepanz zwischen der ersten und zweiten Generation. Warum ist das so?

ES: Gerade die erste Generation, die auch einfach unfassbar hart gearbeitet hat, ne? Mich hat in deinem Film vor allem aber auch das Schicksal der vietnamesischen Vertragsarbeiterinnen, also der Frauen, wirklich betroffen gemacht.

NL: Ja, das ist ein ganz bestimmter Gender-Aspekt. Also bei vielen Vertragsarbeiterinnen aus der DDR war es ja eigentlich so, dass überhaupt nicht an Integration gedacht wurde. Also da war es jetzt gar nicht wichtig, dass man die Sprache gelernt hat unbedingt, oder auch unter Leute kam. Sondern es ging ja wirklich nur ums Arbeiten. Und das war von der DDR so gewollt. Dass es eben einfach nur Arbeitskraft war und von Vietnam auch. Denn man sollte ja einfach neue Fähigkeiten erlernen und dann im besten Fall damit wieder zurückkommen und dann halt im Heimatland dienen. Also so oder so war es nicht gewünscht, dass man ein Leben fühlt, dass man vor Ort wirklich ist oder danach sogar noch hier bleibt. Und bei den Frauen war es so, dass mir eine Zeitzeugin die Mai Phuong Kollath, die Rostock-Lichtenhagen auch miterlebt hat. Sie erzählt halt, dass sie zum Beispiel auch wie viele andere Frauen in ganz vielen anderen Städten auch, in den Heimen, in den Unterkünften war und da meistens ab zehn Uhr abgeschlossen worden ist. Und dann eine Person auch meist mit der Taschenlampe durchging, um zu schauen, ob wirklich alle auch dringeblieben sind. Also von wegen: gar nicht rausgehen und auch gar nicht Sex haben. Denn das könnte ja zu einer Schwangerschaft führen. Und das ist überhaupt nicht gewollt. Also das auf gar keinen Fall. Und da gab es so weit ein Eingriff in diese reproduktiven Rechte, dass diejenigen, die schwanger geworden sind, zur Abtreibung gezwungen worden sind oder Abtreibungen durchführen lassen mussten. Sodass auch eine Zeitzeugin meinte, dass manche Frauen zwei Mal im Jahr eine Abtreibung hatten oder eben so oft, dass sie jetzt gar nicht mehr schwanger werden können. Oder aber dass sie dann halt gleich abgeschoben worden ist. Es gibt halt auch Fälle von Frauen, die ihre Schwangerschaft ganz, ganz lange verheimlicht haben. Denn hochschwanger durfte man dann nicht mehr in den Flieger zurückgeschickt werden. Also sozusagen abgeschoben werden. Und das ging natürlich mit ganz, ganz vielen Schwierigkeiten einfach einher. Also das ist ja so ein extremer Eingriff ins persönliche Leben.

ES: Ja, ich finde das hat es auch einfach noch mal so auf die Spitze getrieben. Also das, was Herr Nguyen vorher schon erzählt hat, das nochmal überdreht. Also er erzählt ja, wie sie einfach in total beengten Verhältnissen gelebt haben. Und dann dieses Schicksal der Frauen noch dazu, überspannt es quasi auch noch mal, wie krass die Situation für die VertragsarbeiterInnen einfach gewesen ist.

NL: Genau, ich weiß auch, dass es da auch Bemühungen gab. Natürlich, wenn man sich verliebt hat, weil man dann hierbleiben wollte, ich hier bleiben zu dürfen und zu heiraten. Und das erzählt Herr Nguyen ja auch in dem Film, dass es superschwer ist. Aber Fälle von vietnamesischen Frauen mit deutschen Männern, das war dann wohl noch viel schwieriger. Die hatten ja dann die Möglichkeit, mit 3.000 DM zurück nach Vietnam geschickt werden. Es war wie so: okay, hier wart ihr jetzt, ciao. Da sollte dann auch der Flug mit abgegolten sein. Es war so wie: Ja geht jetzt mal. Und diejenigen, die dann hier geblieben sind und heiraten wollten - ich weiß nicht, ob man das gut verallgemeinern kann - aber ich kenne ein, zwei Fälle von vietnamesischen Frauen, die hierbleiben wollten und einen deutschen Mann geheiratet haben. Und die wiederum mussten Geld bezahlen, um hier überhaupt sein zu dürfen. Also auch mehrere tausend Mark. Und das es dir dann so schwer gemacht wird, hier zu leben und das dir wirklich auch behördlich in so vielerlei Hinsicht gesagt wird: Wir wollen dich jetzt nicht hier und du musst durch so viele Schwierigkeiten durch, um einfach nur auch leben zu dürfen, das finde ich sagt ganz, ganz viel aus über den Umgang mit den ehemaligen VertragsarbeiterInnen.

ES: Ja, da kann ich auf jeden Fall nur dazu raten, wer das jetzt hört und den Film noch nicht gesehen hat, sich den noch einmal anzuschauen. Der ist in der ARD-Mediathek und auf dem YouTube-Kanal von "MDR Investigativ" zu sehen. Und der Film heißt "Nur Bubble-Tea und Asia-Imbiss? Vietnamesen in Ostdeutschland". Nhi, ich danke dir für das Gespräch!

NL: Ja sehr, sehr gerne. Danke für das Interesse.

ES: Das war der Podcast „MDR Investigativ – Hinter der Recherche“. Wir freuen uns, wenn Sie uns Feedback an investigativ@mdr.de schicken oder uns eine Bewertung bei Apple Podcast geben. Da können Sie zum Beispiel eine Bewertung schreiben oder uns auch einfach nur Sterne hinterlassen. Wir hören uns schon wieder in der nächsten Folge. Die erscheint dann am 27. August. Bleiben Sie bis dahin gesund und bis zum nächsten Mal!

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exactly | 25. Juli 2021 | 10:00 Uhr

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