
80. Jahrestag Warschauer Aufstand Bundespräsident Steinmeier bittet Polen um Vergebung
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01. August 2024, 09:18 Uhr
Zehntausende Menschen wurden 1944 von der SS beim Warschauer Aufstand ermordet. Weitere Zehntausende wurden in Konzentrationslager gebracht. Für diese Taten bat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nun um Vergebung.
Zum 80. Jahrestag des Warschauer Aufstands gegen die NS-Besatzer hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das polnische Volk um Vergebung gebeten. Steinmeier sagte am Mittwochabend bei einer Gedenkveranstaltung in der polnischen Hauptstadt, jedes Wort scheine zu schwach für dieses Grauen. "Darum möchte ich nur einen Satz sagen. Er kommt aber ganz und gar von Herzen und ist ganz und gar ernst gemeint: Ich bitte, gerade heute und gerade hier, um Vergebung."
Steinmeier über grauenhafte Verbrechen
Steinmeier betonte weiter, "Deutscher Nationalismus, Imperialismus und Rassismus" hätten zu grauenhaften Verbrechen geführt. "So weit darf es nie wieder kommen." Steinmeier blickte aber auch in die Gegenwart: "Ich bin sehr froh, dass wir, Deutsche und Polen, zu guten Nachbarn geworden sind". Er verwies auf den wichtigen menschlichen und kulturellen Austausch und auf das von der Bundesregierung geplante Deutsch-Polnische Haus in Berlin.
Der Bundespräsident traf in der polnischen Hauptstadt zunächst mit hochbetagten ehemaligen Teilnehmern des verzweifelten Widerstands gegen die deutsche Besatzung 1944 zusammen. Deutschland sei sich seiner historischen Verantwortung bewusst, sagte er den Männern und Frauen. "Wir Deutschen dürfen nicht vergessen."
Wir Deutschen dürfen nicht vergessen.
An der Gedenkveranstaltung nahm auch der polnische Präsident Andrzej Duda teil. Er würdigte den Aufstand gegen die deutschen Besatzer als "moralische Grundlage für unsere Unabhängigkeit", die Polen erst 1989 wiedererlangt habe. Die polnischen Widerstandskämpfer seien Helden, denen Ehre gebühre.
SS tötete und deportierte Zehntausende
Am 1. August jährt sich der Beginn des Warschauer Aufstands von 1944. Die von der im Untergrund kämpfenden Polnischen Heimatarmee (AK) angeführte Rebellion dauerte 63 Tage, bevor sie am 2. Oktober ebenso brutal niedergeschlagen wurde wie im Jahr zuvor der Aufstand jüdischer Widerstandskämpfer im Warschauer Ghetto. Die sowjetischen Truppen griffen nicht in die Kämpfe ein, sondern marschierten erst am 17. Januar 1945 in das Zentrum von Warschau ein.
Allein in den ersten Tagen des Aufstands töteten SS-Einheiten im Stadtteil Wola zehntausende Zivilisten. Das Massaker von Wola gilt als eines der größten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs. Insgesamt wurden während des Warschauer Aufstands knapp 200.000 Widerstandskämpfer und Zivilisten getötet.
Am 2. Oktober 1944 gaben sich die Aufständischen schließlich geschlagen. Die deutschen Truppen machten Warschau anschließend weitgehend dem Erdboden gleich. Rund eine halbe Million obdachlos gewordene Bürger mussten fliehen. Zehntausende Menschen wurden in Konzentrationslager deportiert.
Jahrestag mit zwei Perspektiven
Noch heute prägt der Aufstand das polnische Selbstverständnis wesentlich mit – als Mythos und als Ereignis, das stark polarisiert. Einerseits wird der Heroismus der Aufständischen gefeiert. Aber schon damals "lehnten gar nicht so wenige den Aufstand ab und hielten ihn schlicht für ein Selbstmordkommando", schreibt der Berliner Historiker Stephan Lehnstaedt in einem kürzlich erschienenen Buch zum Warschauer Aufstand.
KNA,AFP (kar)
Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 31. Juli 2024 | 18:00 Uhr