Ein Nachruf Liebe Post, wo ist mein Liebesbrief?

MDR-SACHSEN-ANHALT-Redakteur Leonard Schubert war lange Zeit ein großer Fan der Post. Aber in letzter Zeit haben sich zu viele schlechte Erfahrungen gehäuft. Jetzt hofft er, dass beide wieder zusammenfinden. Eine Kolumne.

Leonard Schubert
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Leonard Schubert, MDR SACHSEN-ANHALT

Liebesbrief
Wo ist der Liebesbrief von Leonard? Bildrechte: Colourbox

Liebe Post, wir müssen reden. Ich würde dir ja einen Brief schicken, aber seit neuestem habe ich zu viel Angst, dass der nicht ankommt. Das macht mich traurig, ich war ein großer Fan von dir. Du warst mein Verbündeter im Bewerbungskampf, mein Retter bei vergessenen Unterlagen, mein treuer Kumpan bei Heimweh, mein bunter Streusel auf grauen Herbsttagen.

Ein Briefträger der Deutschen Post fährt mit einem Fahrrad über einen Zebrastreifen.
Der allgegenwärtige Postzusteller Bildrechte: dpa

Wie sehr hast du mein Kinderherz in Freude versetzt mit deinen zahllosen Briefen, Karten und Päckchen, diesen Schimmern aus einer anderen Welt. Du warst das verheißungsvolle Knistern von Umschlägen, Weihnachtsstollen von Oma, kleine getrocknete Blüten und Kleeblätter aus der Schweiz, ein Spritzer Parfum, der durch die Ritzen deiner Umschläge kroch. Du warst krakelige Schrift mit bunter Janoschbriefmarke, Urlaubsgrüße auf Palmenkarten, Zeichnungen und Skizzen aus Köln und Pferdebriefmarken aus Münster. Vor allem warst du zuverlässig.

Geheimnisvolle Briefe

Sophie (Amanda Seyfried)
Szene aus dem Film "Briefe an Julia" Bildrechte: ARD Degeto/Summit Entertainment, LLC

Ich wusste nicht immer, was mich in deinen Briefen erwartet, aber sie kamen an, immer. Deine Briefträger kannten meinen Namen. Sie waren Helden für mich, die selbst bei Sturm und Hagel mit ihren gelben Lastenrädern durch die Straßen ächzten und unsere Gedanken bis an die Haustüren brachten. Den Briefen haftete immer etwas Geheimnisvolles an, diesen Blättern, die kurz bevor noch von fremden Händen berührt, in andern Zimmern gelegen und mit Füllern geschrieben worden waren. An jeder Ecke standen deine Kästen mit dem aufgedruckten Posthorn, und immer, wenn ich einen sah, bekam ich Lust, jemandem zu schreiben.

"Ich kann mich nicht mehr auf dich verlassen."

In letzter Zeit ist das anders geworden, liebe Post. Das liegt nicht nur daran, dass ich älter geworden bin, und du mir statt schönen Briefen gerne auch Rechnungen schickst oder daran, dass deine Preise schon wieder gestiegen sind. Nein, liebe Post, das Problem ist: Ich kann mich nicht mehr auf dich verlassen. Wo hast du meine Bankkarte gelassen, wo die Ehrenamtsinfos, wo das wichtige Buch? Und wieso hast du die Hose nicht dorthin geschickt, wo ich sie haben wollte, so dass ich sie ersetzen musste? Und wieso behauptest du, ich sei unauffindbar, obwohl ich seit drei Jahren am selben Ort mit derselben Beschriftung lebe? Wenn ich dich danach frage, dann redest du nicht mit mir.

Urlaubspost für Sarah und Lars von MDR JUMP-Hörern
Wieviele Postkarten kommen möglicherweise nicht an? Bildrechte: MDR JUMP

Du lässt mich warten, an deiner elektronischen Warteschleife, die automatisiert meine Wünsche abfragt, die in dein Schema F gar nicht reinpassen. Zwischendurch schrillt grausame Musik aus dem Telefonhörer und wenn dann irgendwann endlich ein Mensch drangeht, fragt er mich als erstes, ob mein Name denn auch wirklich am Briefkasten steht, und ob ich vielleicht vergessen habe, dass ich umgezogen bin. Danach verspricht er mir dann, dass jetzt alles besser wird, aber dann, ein paar Wochen später, haben wir schon wieder dasselbe Problem. Liebe Post, ich dachte, wir können einander vertrauen. Wie soll das so gehen?

Das Schlimme ist ja, bei vielen Briefen erfährt man nie, dass sie nie angekommen sind. Selbst wenn 90 Prozent ankommen, was ist mit den anderen 10 Prozent? Die Bank hat sich irgendwann beschwert, aber was ist wohl sonst verloren gegangen? Wäre ich jetzt eigentlich Millionär und hab den Brief nie bekommen? Würde ich jetzt vielleicht Zauberei in Hogwarts studieren? Wie viele Freunde habe ich durch dich verloren? Und schöne Erinnerungen? Vor allem aber würde ich gerne wissen: Wo ist mein Liebesbrief? Ich bin ganz sicher, dass er da draußen irgendwo sein muss. Hast du ihn verschlampt?

Was wäre wenn?

Liebe Post, stell dir vor, ich hätte mich durch diesen Brief verliebt. Ich hätte geheiratet und Kinder bekommen. Sehr glückliche Kinder. Die hättest du dann jetzt indirekt auf dem Gewissen. Das willst du doch nicht, oder?

Ein DHL Paketzusteller nimmt sich die Sendungen für seinen Zustellbezirk in einer Zustellbasis vom Band.
Schlecht bezahlte Mitarbeiter? Bildrechte: dpa

Siehst du, liebe Post, wie wichtig du bist? Manchmal bedeutest du alles. Deshalb will ich mich auch 100-prozentig auf dich verlassen. 97 Prozent reichen mir nicht. Ich habe schon seit einigen Jahren Gerüchte über dich gehört, die einige Fragen aufwarfen. Über schlecht bezahlte Mitarbeiter, pöbelnde Angestellte an Schaltern, verschwundene Briefe und Päckchen. Es kursieren Videos von dir, wie Briefträger Päckchen aufs Dach werfen, Post, weißt du das? Weißt du, was man sich über dich erzählt, und wie dein Ruf leidet? Und was hast du vor, dagegen zu tun?

Denn weißt du Post, ich kann mich nicht so gut wehren. Du sitzt am längeren Hebel mit deiner Monopolstellung. Ich kann natürlich noch mehr Mails schicken und anrufen. Bloß, immer geht das nicht. Und es ist auch nicht dasselbe, wie deine Briefe. Das wissen wir beide.

Also, liebe Post, schlag bitte was vor. Ich brauche dich doch. Ich hoffe, dass wir wieder zusammenfinden. Bis es soweit ist, benutze ich einfach die Eulen aus Hogwarts. Denn wenigstens die finden mich überall. Sogar in meinem Schrank unter der Treppe.

Leonard Schubert
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Leonard Schubert arbeitet seit diesem Jahr in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Seine Interessensschwerpunkte sind Politik, Umwelt und Gesellschaft. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er beim Charles Coleman Verlag, für das Outdoormagazin Walden und beim ZDF. Neben seinem Praktikum arbeitet er an seinem Masterabschluss in Friedens- und Konfliktforschung. Über den Umweg Leipzig kam der gebürtige Kölner 2016 nach Magdeburg, wo er besonders gern im Stadtpark unterwegs ist. In seiner Freizeit steht er mit großer Leidenschaft auf den Poetryslambühnen Sachsen-Anhalts oder sitzt mit einem Eisbärbier am Lagerfeuer, irgendwo in Skandinavien.

Quelle: MDR/ahr

Zuletzt aktualisiert: 10. Februar 2020, 09:13 Uhr

1 Kommentar

Steffen 1978 vor 2 Wochen

Immer wieder bekommen wir falsche Post Namen und Adresse stimmen überhaupt nicht und an mich adressiert ist nicht zustellbar eine riesen Sauerei mit der Post als ob die Mitarbeiter nicht lesen können aber immer schön die Preise erhöhen

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