Elf Jahre alt

1966 sind die „Kinder aus Golzow“, die der Filmemacher Winfried Junge begleitet, elf Jahre alt. Die Kinder sind in der 5. Klasse und überlegen, das Mikrofon in der Hand, was sie im Film zeigen wollen:

"Wie sie sich so verhalten?" schlägt ein Mädchen vor. Aber wollen sie das zeigen, den Lärm, die Rüpeleien und sollen das die Zuschauer echt sehen? So was haben sie ja selbst noch nie gesehen!? Und dann lachen die doch über uns?! - Eine verblüffend zeitlose Diskussion, die da 1966 in Golzow geführt wird. Eine verblüffende Analogie zu Diskussionen, die Jahrzehnte später im Zeitalter von Instagram, Facebook und Snapchat auch wieder geführt werden.

Denn bei den Kindern von Golzow geht es 1966 in der Pause zu wie auf Schulhöfen zu allen Zeiten: Es wird halb ernst, halb spielerisch geschubst, getuschelt und gestritten, und dann kommt der Lehrer und sein strenger Anpfiff. Die längere, strenge Schweigezeit, bis sich alle setzen dürfen, lässt auch den Zuschauer unwillkürlich tief Luft holen. Ist es die Kameraführung oder die eigene Schulerfahrung, die plötzlich wieder da ist? Beklemmende Momente aus der Schulzeit - plötzlich wieder lebendig.

Was haben die Eltern eigentlich gelernt?!

Winfried als Junge mit Kopfhörern.
Bildrechte: rbb/PROGRESS Film-Verleih

Es ist der erste Film der Golzow-Reihe, der einzelne Kinder in den Fokus nimmt, mit ihren persönlichen Interessen, wie Winfried, den Bastler, der daheim gerne lötet und sich Kopfhörer bastelt – und seine Basteleien gern im Unterricht heimlich den anderen zeigt.

Auch Eltern kommen zu Wort - berührende Momente, wenn ein Vater erzählt, dass er selbst nur vier Jahre in die Schule gegangen ist, "weil dann der Krieg kam", und sein Sohn 1966 feststellt, "Ich glaube, die haben früher nicht so viel gelernt" - weil sein Vater ihm bei den Schulaufgaben kaum noch helfen kann.

Politik kann man singen

Dokumentarfilmer Winfried Junge ist auch ganz nah dran an den Kindern, wenn sie im Musikunterricht lauthals singen "Anmut sparet nicht noch Mühe, Leidenschaft nicht noch Verstand, dass ein gutes Deutschland blühe, wie ein andres gutes Land" – hier zeigt der Filmemacher, wie der Sozialismus den 11-Jährigen spielerisch-musikalisch ins Ohr geht.

Er zeigt aber auch, wie die Kinder neugierig auf die Welt werden: "Ich möchte mal wissen, wie die allerersten Tiere entstanden sind ... die Menschen ... warum die USA gegen Vietnam Krieg machen ... wie die Bilder auf das Fernsehgerät kommen ... " Noch ist die Welt für die Elfjährigen aus Golzow ein Rätsel und ihre Neugier ist auch in dieser Dokumentationsfolge bestechend offen und nahe festgehalten.   

Zuletzt aktualisiert: 30. Oktober 2016, 00:20 Uhr

Momentaufnahmen aus den ersten drei Folgen

Kinder stehen in der Schule auf
So beginnt der erste, 13-minütige Teil der Dokureihe, von der damals keiner ahnt, das sie Filmgeschichte schreiben wird. Bildrechte: DEFA-Stiftung
Kinder stehen in der Schule auf
So beginnt der erste, 13-minütige Teil der Dokureihe, von der damals keiner ahnt, das sie Filmgeschichte schreiben wird. Bildrechte: DEFA-Stiftung
Winfried als Junge mit Kopfhörern.
"Nach einem Jahr - Beobachtungen in einer ersten Klasse" - der Titel kommt weniger spielerisch-leicht daher als der Auftaktfilm 1961. Bildrechte: rbb/PROGRESS Film-Verleih
Barbara und Winfried Junge
Barbara Junge, Russisch- und Englisch-Dolmetscherin, arbeitete seit 1969 bei den DEFA-Dokumentarfilmen und ist zunächst Synchronredakterurin für fremdsprachige DEFA-Filme. Seit 1978 betreute sie die Archivdokumentation des Golzowprojekts, ab 1978 Montage der Junge-Filme, und ab 1992 Co-Regisseurin. Bildrechte: MDR/JOURNAL Film
Winfried Junge
Filmemacher Winfried Junge ist mit den Kindern von Golzow alt geworden. "Wir mussten Freunde werden" - anders geht es bei einem solchen Projekt nicht, sagt er später. Bildrechte: IMAGO
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