Vor 50 Jahren Fluchtversuch aus der DDR: Flugzeugentführung des Ehepaares Wehage

Am Morgen des 10. März 1970 gehen 17 Passagiere an Bord eines Flugzeuges vom Typ Antonow. Ihre Reiseroute: Von Schönefeld nach Leipzig. Doch diese Interflug-Maschine wird nie ihr Ziel erreichen. Denn zwei der Fluggäste haben andere Pläne.

Stewardess Monika Heine ist auf dem Weg, um ihren Flug von Schönefeld nach Leipzig anzutreten. Schon zu Dienstbeginn fällt ihr ein Paar auf. "Als ich mit dem Bus hoch zur Abfertigung fahren wollte, sind die beiden mir aufgefallen. Eigentlich weil es ein sehr hübsches Paar war", erzählt die Zeitzeugin.

Plan der Flugzeugentführung

Es sind die Eheleute Wehage, beide Anfang 20. Sie haben vor, mit diesem Flieger in den Westen zu flüchten. Eckhard Wehage ist in Berßel im Harz geboren. In seinem Elternhaus wird das DDR-System vehement abgelehnt. Schon als Jugendlicher will er nach "drüben" abhauen. Und so reift im Laufe seines Lebens der Plan der Flugzeugentführung. Auch Christel Wehage steht hinter dem Fluchtplan mit Waffengewalt und sieht darin für sich den einzigen Ausweg. Sie wächst in Wolmirstedt bei Magdeburg auf und arbeitet dort im Krankenhaus. Ihren Job als Physiotherapeutin hätte sie gern an die Ostsee verlegt, wo ihr Mann stationiert ist. Lange bemüht sie sich dort um eine berufliche Perspektive und eine gemeinsame Wohnung – vergeblich.

Eine Stunde Zeit für die Geißelnahme

Die Besatzung ist inzwischen startklar. Stewardess Monika Heine verschließt die Cockpit- und eine Zwischentür. Inlandsflüge von Berlin nach Leipzig sind damals üblich und dauern planmäßig nicht mal eine Stunde. Christel und Eckhard Wehage sind fest entschlossen, während dieser knappen Stunde die Besatzung zum Kurswechsel nach Hannover zu zwingen. Als die Antonow den Luftraum über Wittenberg erreicht, nimmt das Drama seinen Lauf: Mit zwei Schusswaffen der Marke Makarow halten sie die Insassen in Schach.  

Doch woher kommen die Waffen? Eckhard Wehage führt sein scheinbar systemtreues Leben bei der Volksmarine an der Ostsee. Als Berufssoldat hat er hier Zugang zur Waffenkammer. Bei passender Gelegenheit entwendet er die Schusswaffen. Weil auf Inlandsflügen der Interflug damals nur locker kontrolliert wird, können die Entführer die Pistolen im Handgepäck an Bord schmuggeln.

Er hielt mir die Pistole an den Kopf. Seine Begleiterin ist in der Kabine rumgelaufen und hatte die Pistole auf die Passagiere gerichtet.

Erst jetzt erkennt die Besatzung den Ernst der Lage und beschließt, auf keinen Fall die Cockpit-Tür zu öffnen. Man lässt den Entführern mitteilen, dass der Sprit niemals bis Hannover reicht. Eckhard Wehage verliert die Kontrolle und will unbedingt das Cockpit stürmen. Die Tür geht zwar auf, aber nur die vom Zwischenraum. Der Weg zum Cockpit bleibt ihm weiterhin versperrt. Wieder greift er zur Waffe - auch auf die Gefahr, dass jemand verletzt oder die Druckkabine beschädigt wird.  

Ich habe gesagt, wenn diese Zelle verletzt wird, kann das Flugzeug auseinanderfliegen und dann sind wir alle tot. Und da sagte er, da drauf kann er keine Rücksicht nehmen.

...und dann ein Schuss!

Wehage fühlt sich von Monika Heine provoziert. Die Situation eskaliert, wieder fallen Schüsse. Einer trifft durch die Tür auf das Piloten-Fenster. Zum Glück prallt die Patrone ab. Auch die Cockpit-Tür hält weiter stand. Aber die Crew muss dringend reagieren, um die Lage zu beruhigen. Sie lässt die Entführer wissen, dass man umkehrt - und verspricht eine Landung auf dem Westberliner Flughafen Tempelhof. Eckhard Wehage merkt wenig später, dass das ein Täuschungsmanöver ist. Denn das Flugzeug landet nicht in Tempelhof, sondern wieder in Schönefeld. Die Entführung ist gescheitert. Als Stewardess Monika Heine einen Schuss hört, läuft sie nach hinten: "Da sah ich den Fußboden voller Blut."

An Bord der Interflug-Maschine haben sich die Eheleute selbst erschossen. Christel Wehage wurde 23, Eckhard Wehage 21 Jahre alt.

Stasi: Tod "durch tragischen Verkehrsunfall"

Die Westmedien kriegen Wind von der Entführung. So muss auch die DDR-Presse reagieren. Unter Berufung auf Interflug ist von zwei Banditen die Rede. Dass ein DDR-Ehepaar in den Westen flüchten wollte, wird verschwiegen. Und die Eltern der Entführer müssen als offizielle Todesursache "durch einen tragischen Verkehrsunfall" angeben. Die Interflug-Besatzung und die Passagiere werden von der Stasi aufgefordert, die Entführung zu verschweigen. Christel und Eckhard Wehage hinterlassen Abschiedsbriefe. Sie hatten das schlimmste Szenario offenbar einkalkuliert: ihr eigenes Ableben. Das Foto der Toten hält die Stasi zwanzig Jahre lang unter Verschluss.

Auf dem Westfriedhof in Magdeburg haben Christel und Eckhard Wehage ihre letzte Ruhestätte gefunden - anonym.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR Umschau | 18.09.2018 | 20:15 Uhr