Der Fall Hilde Benjamin

Wann sind Sie mit dem Namen Hilde Benjamin erstmals in Berührung gekommen?

Sehr früh muss ich sagen, meine Eltern lebten in Berlin-Pankow. 1959 sind sie geflüchtet. Schon als Kind oder Jugendlicher habe ich gehört, wie meine Mutter immer von der "roten Hilde" gesprochen hat, weil einer ihrer Freunde auch vor Gericht gestellt wurde. So war dieser Name für mich wirklich furchterregend im wahrsten Sinne des Wortes.

Besaß Hilde Benjamin überhaupt ein Rechtsverständnis?

Sie war eben sehr ideologisch geprägt und davon überzeugt, dass die Justiz die Funktion als Schwert im Klassenkampf wahrnehmen müsste. Insofern ist für mich vor allem entscheidend diese ideologische Prägung, die die Kommunisten - übrigens ebenso wie die Nationalsozialisten - ausgezeichnet hat, zu sagen: Der Zweck heiligt die Mittel.

Die Zeit, als sie Vizepräsidentin des obersten Gerichtes war, war eben die schlimmste Zeit der DDR, das waren die ersten Jahre, in denen die Diktatur mit großer Brutalität durchgesetzt worden ist. Und sie hat nicht nur selbst über 550 Jahre Zuchthaus ausgesprochen und zwei Menschen unter das Schafott befördert, die dann in Dresden hingerichtet worden sind, sondern sie hat durch diese Urteile auch die Gerichte auf den unteren Instanzen entsprechend instruiert, vorgemacht, wie man die damaligen Gummiparagraphen der DDR auslegen müsste. Dazu gehörte insbesondere die sogenannte Boykotthetze in der DDR-Verfassung, dass es eben ausreichte, wenn man nur die falsche Gesinnung hatte, um dann zu hohen Zuchthausstrafen oder zum Tode verurteilt zu werden.