Jurek Beckers bekannter Roman verfilmt Einzige Oscar-Nominierung der DDR für "Jakob der Lügner"

Jurek Becker, der als Kind in die Konzentrationslager Sachsenhausen und Ravensbrück deportiert wurde, beschäftige sich später in seinen Büchern oft mit der Shoa. Mit dem Leben im KZ, den Ängsten, dem ständigen Misstrauen und was dieses mit einem macht. Sein wohl bekanntester Roman "Jakob der Lügner" wurde 1974 verfilmt, kam 1975 in die Kinos - und hatte als einziger DDR-Film die Chance auf einen Oskar.

Jurek Becker
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Wenn einer am besten über das Leben im Ghetto und über die Angst vor der SS schreiben konnte, dann Jurek Becker. Geboren 1937 in Łódź (vermutlich, denn sein Vater machte ihn später älter, um ihn vor der Deportation zu bewahren), wurde er im Alter von zwei Jahren ins Ghetto von Łódź deportiert. 1944 kam er mit seiner Mutter in das KZ Ravensbrück und später nach Sachsenhausen. Sein Vater kam nach Auschwitz. Jureks Mutter, Anette Bekker, starb nach ihrer Freilassung an Unterernährung. Sein Vater, Mieczysław Bekker, zog mit Jurek 1945 nach Ost-Berlin.

Mit Manfred Krug in einer WG

Schauspieler Manfred Krug während Dreharbeiten zu "Liebling Kreuzberg" in der Rolle des Anwalts Robert Liebling.
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Zehn Jahre später machte Becker sein Abitur, fing an Philosophie zu studieren und trat in die SED ein. Mit Manfred Krug teilte er sich eine Wohngemeinschaft und fing 1960 an, für die DEFA Texte zu schreiben. Unter anderem ein Drehbuch für "Jakob der Lügner". Doch das wurde - 1965 - abgelehnt. Ein Jahr später erschien das Skript als Buch - Becker hatte es zum Roman umgeschrieben.

Jakob: Der Hoffnungsträger des Ghetto

Vlastimil Brodsky (li.) als Jakob, Erwin Geschonneck als Kowalski
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"Jakob der Lügner" spielt 1944 in einem Ghetto im besetzten Polen. Die Bewohner dürfen nicht raus, bekommen nichts mit von ihrer Außenwelt. Die Deportationen nehmen zu, der Lebenswillen sinkt. In dieser Situation verbreitet der jüdische Friseur Jakob Heym die Nachricht, er hätte ein Radio und könne damit täglich Nachrichten hören. Mit einer erfundenen Nachricht über den Vormarsch der Roten Armee versucht er, die Laune der Eingeschlossenen aufrechtzuhalten. Tagtäglich wollen alle Ghetto-Bewohner von ihm wissen, wie der Frontverlauf ist, was es in der Weltpolitik gibt und vieles mehr.

Erwin Geschonneck in dem Film "Jakob der Lügner"
Erwin Geschonneck in dem Film "Jakob der Lügner" Bildrechte: RBB/Progress Film

Die täglichen erfundenen Nachrichten zeigen Wirkung: Hoffnung breitet sich aus, die Selbstmorde hören auf. Die Bewohner träumen von einem Leben ohne gelben Stern. Und Jakob begreift: Diese Nachrichten sind wichtiger als das tägliche Stück Brot. Doch allmählich wird die Illusion zum Selbstbetrug. Jakob erträgt die Last, die er sich selbst aufgebürdet hat, nicht mehr und vertraut sich seinem Freund Kowalski an.

Oscarverdächtige DEFA-Besetzung

Nachdem die DEFA das bereits 1965 abgelehnte Drehbuch doch noch mal vorgelegt bekam, bewilligte sie den Dreh. Mit einer hochkarätigen Besetzung. Regie führte Frank Beyer. Henry Hübchen spielte den jungen Mischa, Erwin Geschonneck den Kowalski und Vlastimil Brodský spielte Jakob.

Am 22. Dezember 1974 lief der Streifen im DDR-Fernsehen. In die Kinos kam er am 17. April 1975. Ausgezeichnet wurde der Film mit dem "Nationalpreis der DDR zweiter Klasse" und war als erster DEFA-Film im offiziellen Programm der Berlinale vertreten. Brodský bekam als bester Schauspieler den "Silbernen Bären". 1977 wurde der Film schließlich als erster und einziger DEFA-Film für den Oscar nominiert.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: MDR | 27.01.2020 | 23:05 Uhr