"Das unsichtbare Visier" Die Spionage-Serie mit dem eigenwilligen Genossen

1973 wird Armin Mueller-Stahl gefragt, ob er in der neuen TV-Serie den Spion spielt. Der Schauspieler verpasst der Figur seinen eigenen Anstrich - ob das im Sinne der Stasi war, die im Hintergrund die Filmfäden zog?

In der Spionage-Reihe "Das unsichtbare Visier" steht Armin Mueller-Stahl als Stasi-Offizier Walter Bredebusch von 1973 bis 1976 vor der Kamera. Unter dem Decknamen Achim Detjen verfolgt Bredebusch die Spuren alter Nazis, die sich nach Südamerika abgesetzt haben. Die Serie wird ein Renner im DDR-Fernsehen.

Was dem Mfs wichtig war

Die Zutaten für die Spionage-Serie stimmen - wenn auch vielleicht anders, als es sich das Ministerium für Staatssicherheit wünscht. Die Genossen wollen mit der Filmreihe das Bild vom moralisch besseren Deutschland verbreiten, allen voran mit einem integren, moralisch untadeligen Helden und einem klaren Feindbild. Historiker Christoph Classen sagt im Gespräch mit MDR Zeitreise:

Von Anfang an von der Staatssicherheit, ist diese Serie als Teil oder zumindest als Chance gesehen worden, das eigene Image aufzupolieren.  Es war der Versuch die sozialistische Botschaft in einer attraktiven , sehr stark von westlichen Vorbildern inspirierten Verpackung zu präsentieren.

Christoph Classen

Die MfS-Fachberatung sorgt außerdem dafür, dass Details wie Uniformen, Dienstgrade und Dokumente stimmen, und auch Dialoge den richtigen sozialistischen Zungenschlag haben.

Was der Zuschauer im Film suchte

Bei anderen Details ist man dagegen großzügiger und hier und da hapert es an Details, über die sich Film-Fans heute amüsieren, zum Beispiel wenn Automarken, Frisuren oder Kleidung nicht zum Ort der Handlung oder der Zeit passten. Den Zuschauern der 1970er-Jahre ficht all das nicht an - die Serie erlaubt einen kostbaren Blick in eine unerreichbare Welt und in ein spannendes Milieu. Merkwürdigkeiten wie weiße Schauspielerinnen, die mit brauner Schminke auf schwarz getrimmt wurden, tun da der Begeisterung keinen Abbruch.

Lässig und ein ganz eigener Typ

Denn da ist nämlich Armin Mueller-Stahl. Der Mann mit dem eindringlichen Blick und dem damals modischen breiten Schnauzer kommt in seiner Rolle als Walter Bredebusch ungeheuer lässig rüber. Als ihm die Rolle angeboten wird, wagt sich der Schauspieler vorneweg weit aus dem Fenster, obwohl ihn Regisseur Peter Hagen warnte,  wie er MDR Zeitreise erzählt:

Ich sagte, wenn ich das nehme, dann will ich auch meine eigenen Sätze, dann will ich eine Abenteuerfigur draus machen und keinen – sagen wir Mal – Genossen, der nur spurt und gehorcht.

Armin Mueller-Stahl Magazin MDR Zeitreise

Kleine Filmografie von Mueller-Stahl-Filmen

In über hundert Filmen ist Armin Mueller-Stahl zu sehen. Eine kleine Auswahl seiner Rollen ist hier zusammengestellt.

Konsul Jean (Armin Mueller-Stahl) und Bethsy (Iris Berben) Buddenbrook.
"Buddenbrooks", Deutschland 2008 Regie: Heinrich Breloer In der Neuverfilmung des gleichnamigen Romans von Thomas Mann über Aufstieg und Fall einer deutschen Kaufmannsfamilie an der Zeitenwende zur Moderne spielt Armin Mueller-Stahl den Konsul Johann Buddenbrook, genannt "Jean". Seine Filmpartnerin ist Iris Berben in der Rolle der Bethsy. Die Lübecker Familie Buddenbrook hat es durch Getreidehandel über Generatioenn hinweg zu Ansehen und Wohlstand gebracht. Mit seiner Frau und den Kindern Thomas, Christian und Tony genießt Jean das Leben. Doch dann stirbt das Familienoberhaupt und auf die Familie kommen schwere Zeiten zu. In weiteren Rollen: Jessica Schwarz, August Diehl, Mark Waschke u.a. Bildrechte: MDR/Bavaria Film GmbH/Stefan Falke
Konsul Jean (Armin Mueller-Stahl) und Bethsy (Iris Berben) Buddenbrook.
"Buddenbrooks", Deutschland 2008 Regie: Heinrich Breloer In der Neuverfilmung des gleichnamigen Romans von Thomas Mann über Aufstieg und Fall einer deutschen Kaufmannsfamilie an der Zeitenwende zur Moderne spielt Armin Mueller-Stahl den Konsul Johann Buddenbrook, genannt "Jean". Seine Filmpartnerin ist Iris Berben in der Rolle der Bethsy. Die Lübecker Familie Buddenbrook hat es durch Getreidehandel über Generatioenn hinweg zu Ansehen und Wohlstand gebracht. Mit seiner Frau und den Kindern Thomas, Christian und Tony genießt Jean das Leben. Doch dann stirbt das Familienoberhaupt und auf die Familie kommen schwere Zeiten zu. In weiteren Rollen: Jessica Schwarz, August Diehl, Mark Waschke u.a. Bildrechte: MDR/Bavaria Film GmbH/Stefan Falke
Helmut Grokenberger (Armin Mueller-Stahl) hat in Ostdeutschland als Clown gearbeitet. Jetzt versucht er sich in New York als Taxifahrer und lernt dabei als Yo-Yo (Ciancarlo Esposito) kennen.
"Night on Earth", USA 1991 Regie: Jim Jarmusch Musik: Tom Waits In diesem Episodenfilm erzählt Jim Jarmusch fünf Geschichten, die sich zur selben Zeit, aber an verschiedenen Orten der Welt zutragen. In jeder Stadt wird ein Taxifahrer beobachtet. In New York ist der einstige Clown Helmut Grokenberger, gespielt von Armin Mueller-Stahl, als Taxifahrer unterwegs. Doch er spricht kaum ein Wort Englisch. Auch mit der Automatik des Autos kommt er nicht zurecht. Als YoYo als Fahrgast zusteigt, tauschen sie kurzerhand die Rollen. Bildrechte: MDR/Degeto
Krystyna Janda als Hanna und Armin Mueller-Stahl als schweizer Waffenfabrikant Andres
"Glut", Deutschland/Schweiz 1983 Regie: Thomas Koerfer Nach vierzig Jahren treffen sich die polnische Journalistin Hanna (Krystyna Janda) und der Schweizer Waffenfabrikant Andres (Armin Mueller-Stahl) wieder. Bei dieser Gelegenheit wird Andres bewusst, dass er heute das Spiegelbild seines Vaters ist, gegen den er einst vor allem innerlich rebellierte. In weiteren Rollen: Katharina Thalbach, Sigfrit Steiner u.a. Bildrechte: MDR/DEGETO
Jutta Hoffmann als Jugendfürsorgerin Ellen und Armin Mueller-Stahl als ihr Mann Robert und Sigfrit Steiner als Karl
"Geschlossene Gesellschaft", DDR 1978 Regie: Frank Beyer Ellen (Jutta Hoffmann) und Robert (Armin Mueller-Stahl, rechts) verbringen mit ihrem Sohn einige Urlaubstage in einem abgelegenen Bauernhaus. In der ländlichen Abgeschiedenheit brechen zwischen dem Ehepaar unausgetragene Konflikte aus. Beide erkennen, dass nur sie allein für ihr Glück verantwortlich sind. Lediglich im alten Hausvermieter Karl finden sie einen Helfer. Er beeindruckt beide durch seine Lebensweisheit. Bis heute steht der Film für eine genaue Analyse des DDR-Alltags und eine subtile Gesellschaftskritik. Er spiegelt nicht nur eine private Krise wider, sondern auch die Frustrationen der Menschen in der DDR. Die Einsicht der Protagonisten, dass Probleme nicht durch Verdrängung zu lösen sind, sondern Verdrängung krank macht, war Grund genug, den Film immer weiter ins Nachtprogramm des DDR-Fernsehen zu verschieben und nach der Ausstrahlung gar zu verbieten. In weiteren Rollen: Sigfrit Steiner, Walter Plathe u.a. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Armin Mueller-Stahl als Wolfgang Schmidt und Eva-Maria Hagen als Helene
"Nelken in Aspik", DDR 1976 Regie: Günter Reisch Musik: Reinhard Lakomy Armin Mueller-Stahl spielt den untalentierten, dafür wortgewandten Werbezeichner Wolfgang Schmidt. Seine Personalakte macht großen Eindruck bei einem seiner Vorgesetzten in der Hauptverwaltung. Doch durch ein Missgeschick verliert Schmidt einen Schneidezahn - und vschweigt. Schweigend fährt er berufliche Erfolge ein, schweigend sieht er zu, wie sein Ansehen unter den Kollegen wächst, schweigend steigt er auf der Karriereleiter immer weiter nach oben. Nur kurz war diese Komödie mit seinen vielen Anspielungen auf Prominente der DDR im Kino zu sehen - viele Darsteller des Films hatten sich der Protest-Resolution nach der Ausbürgerung Biermanns angeschlossen. In weiteren Rollen: Eva-MAria Hagen, Helga Sasse, Helga Göring, Herbert Köfer u.a. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Armin Mueller-Stahl als Slavovitz, Manfred Krug als Bill
"Kit & Co.", DDR 1974 Regie: Konrad Petzold Ende des 19. Jahrhunderts herrschen in der kleinen amerikanischen Goldgräberstadt Dawson City raue Sitten. Auch Slavovitz (Armin Mueller-Stahl, hinten Mitte) versucht, hier sein Glück zu machen - mit einer Roulettemaschine. In weiteren Rollen: Manfred Krug, Dean Reed, Rolf Hoppe, Renate Blume u.a. Bildrechte: MDR/PROGRESS Film-Verleih/ Manfred Damm
Drei Männer und eine Frau im Saloon. Halbindianer Chris, gespielt von Armin Mueller-Stahl, verdingt sich als Hilfssheriff.
"Tödlicher Irrtum", DDR 1970 Regie: Konrad Petzold Halbindianer Chris, gespielt von Armin Mueller-Stahl, verdingt sich als Hilfssheriff, um den Tod von fünf Häuptlingen aufzuklären und Licht in die Machenschaften einer Ölfirma zu bringen. In weiteren Rollen: Gojko Mitic, Annekathrin Bürger, Rolf Hoppe u.a. Bildrechte: MDR/Progress
Konzentrationslager Buchenwald. Groß ist das Erschrecken, als die Häftlinge Pippig (Fred Delmare, li.) und Höfel (Armin Müller-Stahl) in einem großen zerdrückten Koffer einen kleinen jüdischen Jungen entdecken
"Nackt unter Wölfen", DDR 1963 Regie: Frank Beyer Konzentrationslager Buchenwald, März 1945: Wenige Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges erreicht ein Transport das Lager. Unter den Neuankömmlingen ist auch ein Pole, der einen Koffer bei sich trägt. Darin versteckt ist ein kleiner Junge, der so bisher vor den Nazis geschützt werden konnte. Pippig (Fred Delmare ) und Höfel (Armin Mueller-Stahl) verstecken das Kind und bringen damit nicht nur sich selbst, sondern auch eine Widerstandsgruppe in Gefahr. Doch der Junge ist ihnen ein Zeichen der Hoffnung. In weiteren Rollen: Erwin Geschonneck, Herbert Köfer u.a. Bildrechte: MDR/Progress
Alle (8) Bilder anzeigen

Bruch nach Biermann-Ausbürgerung

Mueller-Stahl behält Recht und die Marke, die er seiner Figur aufdrückt, kommt bei Publikum  und Genossen gleichermaßen gut an – jedenfalls bis 1976. Als sich Mueller-Stahl gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann ausspricht, reagiert das MfS gallig: Die bereits mit Mueller-Stahl gedrehten Folgen werden noch gezeigt, aber ab 1977 schlüpft Schauspiel-Kollege Horst Schulze in die Rolle des Stasi-Spions.

Mueller-Stahl wird zwei Jahre lang keine Filmrolle mehr angeboten. 1980 wird sein Ausreiseantrag genehmigt und Mueller-Stahl zieht aus, sein Glück im Westen zu suchen.