Ehemaliger Stasi-Häftling Frank Karbstein vor dem Rathaus Gera
Ehemaliger Stasi-Häftling Frank Karbstein vor dem Rathaus Gera. Bildrechte: MDR/Kelch

Ehemaliger Stasi-Häftling Frank Karbstein erzählt "Die Stasi hatte die Macht, Menschen verschwinden zu lassen"

Es war am Morgen des 5. April 1984. 6 Uhr klingelte es an einer Wohnung in Gera. Beamte der Staatssicherheit waren gekommen um den Puppenspieler Frank Karbstein zu verhaften. Der Tatbestand: Staatsfeindliche Hetze. Nach Wochen der Inhaftierung wurde er verurteilt und sollte schließlich in die BRD abgeschoben werden. Doch dazu kam es nie.

von Johanna Kelch

Ehemaliger Stasi-Häftling Frank Karbstein vor dem Rathaus Gera
Ehemaliger Stasi-Häftling Frank Karbstein vor dem Rathaus Gera. Bildrechte: MDR/Kelch

Ein Buchstabe seiner Schreibmaschine hing. Auf den Flugblättern konnte man das deutlich erkennen. Als Beamte der Staatssicherheit dem Puppenspieler Frank Karbstein in den Verhören die Blätter vorlegten wusste er: "Jetzt gibt es kein Leugnen mehr." Dabei war er sich sicher, dass niemand von der Aktion wusste. Doch da hatte er sich geirrt. 

Wiederstand gegen zunehmende Militarisierung der DDR

Als Frank Karbstein Anfang der 1980er Jahre nach Gera an die Puppenbühne Oestreich-Ohnesorge kam, war er gerade 20 Jahre alt. Die damalige Leiterin der Puppenbühne - Ingrid Fischer - nahm sich die künstlerische Freiheit, schwierige Themen in Theaterstücke umzusetzen. Daher zog sie besonders junge  Menschen an, die etwas bewegen wollten. Als 1983 die drohende Raketenaufstellung in Ost und in West bekannt wurde - die Stationierung von SS-20-Atomraketen in der DDR und von Pershing II und Cruise-Missiles in der Bundesrepublik - wollten sie ein Zeichen setzen und organisierten eine Schweigeminute. Mit Teelichtern sollte vor dem Kongresszentrum das Wort "Frieden" gelegt werden. 

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Do 14.11.2019 09:20Uhr 01:43 min

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"Jeder, der da steht, wird verhaftet"

"In diesem Zusammenhang haben wir irgendwie eine rote Linie überschritten und der Staat hat mit Repressionen reagiert", erzählt der 60-Jährige Frank Karbstein. "Am 18. November 1983 wurde die gesamte Stadt abgeriegelt mit zwei großen Kreisen. Ein Außen- und ein Innenring sollten verhindern, dass irgendjemand auf diesen Platz kommt um eine Kerze anzuzünden." Um diese groß angelegte Polizeiaktion nach außen vor den Bürgern zu rechtfertigen wurde erzählt, ein Kind sei verschwunden. "Nach innen, also zu uns, wurde aber klar kommuniziert: Jeder der da steht, wird verhaftet und kommt ins Gefängnis." Da die Puppenbühne genau gegenüber der Zentrale für Staatssicherheit lag, sahen die Puppenspieler, dass Punkt 18 Uhr Stasi-Mitarbeiter in die Stadt ausschwärmten, um ihren Worten Taten folgen zu lassen - und blieben wo sie waren.

Flugblätter als Weihnachtsgabe

Für Karbstein war es der Auslöser, in die, wie er sagt, "Illegalität zu gehen". "Ich habe gesehen, dass es nicht möglich ist, öffentlich harmlose Zeichen zu setzen. Man muss das anders angehen, habe ich mir gedacht." Zusammen mit drei anderen bildete Karbstein ein Quartett: Nur sie vertrauten sich, trafen sich heimlich. "Naja, und da fiel uns nichts besseres ein, als Flugblätter herzustellen", erinnert sich der heutige Medienpädagoge. Als Weihnachtsgabe wollten sie 2000 Blätter am 23.12. in die Briefkästen werfen und einen Gedankenanstoß mit in die Feiertage geben. Die Aktion gelang, Karbstein und die anderen waren stolz, hatte doch niemand etwas von der Aktion mitbekommen. Dass sie sich geirrt hatten, erfuhr Frank Karbstein erst bei seiner Verhaftung. Ein befreundetes Ehepaar hatte Flugblätter bei einem Besuch auf dem Tisch gesehen und der Stasi gemeldet. 

"Heißt es 'Ziel vernichtet': Fallen sich die Soldaten vor Freude in die Arme. An die Leser: So lange Sie noch Arme haben, verhindern Sie die Vernichtung des Zieles."

Inhalt des Flugblattes Der erste Satz war ein Merksatz für sowjetische Offiziere aus einem Militärbuch.

Einzelhaft, Tränen, Verzweiflung

"Als sie mich am 5. April abholten, wurde mir klar, dass die die Macht haben, Menschen verschwinden zu lassen. Niemand wusste, wo ich war. 14 Tage lang kein Lebenszeichen von mir - obwohl mich die Kollegen gesucht hatten." Er wurde in die Untersuchungshaftanstalt Amthorplatz gebracht. Es folgten endlose Verhöre. Gepaart mit Isolationshaft. Keine einfache Zeit. "Gerade Abends, wenn man in die Zelle kam, rollten schon erst einmal die Tränen. Vor allem weil ich nicht wusste: Bleibe ich Monate oder Jahre hier, komme ich jemals wieder raus." Das Zeitgefühl ging verloren bis er bemerkte, dass man leise die Glocken des Rathausturmes hören konnte. 

Blick durch vergittertes Fenster in Gefängnishof
Der Gefängnishof: Ausgang wurde 20 Minuten pro Tag alleine genehmigt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der innerliche Zusammenbruch kam erst, als die Stasi uns verhaftet hatte. Bis dahin fühlten wir uns wie ein kleiner König. Als dann die Flugblätter auf den Tisch gelegt wurden, in dem Moment fiel die Klappe runter. In dem Moment, tja, das ist, wie ob alles weg ist. Eine innere Leere. Und das haben die Beamten gesehen. Da war dann kein Leugnen mehr möglich.

Frank Karbstein

Nach Wochen wurden alle vier Aktionisten angeklagt. Karbstein galt als Rädelsführe. Er bekam ein Jahr Freiheitsstrafe. Eine Erleichterung für Karbstein, denn angedroht waren fünf Jahre. Außerdem hatte ihm seine damalige Freundin gesagt, sie werde nur ein Jahr warten. Doch er kam schneller raus als gedacht, denn "irgendwie bin ich in die Mühlen des geheimen Häftlingsfreikaufes geraten."

Gefängnisgang
Blick auf die Gefängnistüren in der Untersuchungsanstalt. Bildrechte: MDR/Kelch

"Heute gehts los. Auf Transport. Wir wurden Freigekauft."

Nach seiner Verurteilung kam Karbstein nach Naumburg in eine Einrichtung für politische Häftlinge. Alle dort hatten Ausreiseanträge gestellt, galten als Staatsfeinde oder waren bei einer Flucht erwischt worden. "Mitten in der Nacht bin ich am Arm gerüttelt worden: 'Stehen Sie auf, kommen Sie mit, machen Sie leise'." Frank Karbstein kam in einen Raum. "Dort saßen alle mit strahlenden Gesichtern: 'Heute gehts los. Auf Transport. Wir wurden Freigekauft.'" Die Fahrt ging zum Kaßberg bei Karl-Marx-Stadt in die Abschiebehaft. Doch Karbstein wollte nicht in die BRD. Er wollte in Gera bleiben. Bei seiner Freundin. Am Theater. 

Stasizentrale Gera 3 min
Stasi-Zentrale Gera Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Und dann passierte etwas, was Karbstein erst aus seinen Stasi-Akten erfuhr. Da er sich weigerte in die BRD auszureisen, offiziell aber aus Naumburg "verschwunden" war, die internen Abläufe kannte, konnte er nicht wieder zurück in Haft gesteckt werden. Ohne seine Anwesenheit gab es einen erneuten Gerichtsprozess, wo er freigesprochen wurde. "Am 5. Dezember 1984 wurde ich direkt aus Karl-Marx-Stadt in die Freiheit entlassen." Seine Freundin - übrigens heute seine Frau - holte ihn in Gera vom Bahnhof ab. Doch Karbstein war alles andere als "geheilt". Er lehnte sich nicht nur gegen sein Berufsverbot auf und durfte wieder arbeiten. Er war einer der Mitbegründer des Neuen Forums. Heute gibt er Führungen in der Gedenkstätte Amthordurchgang in Gera - und erzählt von seiner Zeit als Stasi-Häftling.

Akten
In der heutigen Gedenkstätte Amthordurchgang stapeln sich die Stasi-Akten der knapp 3000 Gefangenen, die während des DDR-Regimes dort einsaßen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: MDR Zeitreise | 01.12.2019 | 22:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Dezember 2019, 10:50 Uhr