Industrienormen in Ost und West Mit zweierlei Maß: TGL und DIN

Ein Blatt Papier mit den Maßen 21,0 cm mal 29,7 cm - das ist DIN A4, kennt jeder. Auch in der DDR wurde das Format im Volksmund so genannt. Doch offiziell hieß es TGL 0-476, denn die DDR kam 1955 mit einem eigenen Standard daher: den Technischen Normen, Gütevorschriften und Lieferbedingungen - TGL.

Ohne die sogenannten DIN wäre unser Alltag wohl von Chaos geprägt, der Kauf einer Steckdose gliche etwa einer Lotterieteilnahme und grenzübergreifender Handel wäre kaum möglich. Seit dem 22. Dezember 1917 kümmert sich in Deutschland eine eigene Organisation um einheitliche Standards für unterschiedlichste Produkte.

Normungs-Katalysator: Erster Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg beschleunigte diese Entwicklung zu mehr und genaueren Vereinheitlichungen. Hindenburg-Regierung und Industrie versprachen sich davon eine Rationalisierung bei der Herstellung von Rüstungsgütern.

Der "Normenausschuß der deutschen Industrie" entwickelte die sogenannten Deutschen Industrie-Normen, die bald mit DIN abgekürzt wurden.

Die Organisation, seit 1920 ein eingetragener Verein, heißt seit 1975 Deutsches Institut für Normung e.V. (DIN) und wurde im selben Jahr von der Bundesregierung als einzige Norminstanz in der Bundesrepublik anerkannt.

TGL waren Vorschriften

Zu diesem Zeitpunkt ging die DDR schon seit 20 Jahren ihren eigenen Weg bei der Normung. 1954 wurde nach sowjetischem Vorbild das Amt für Standardisierung gegründet, das ab 1955 die Technischen Normen, Gütevorschriften und Lieferbedingungen (TGL) setzte und herausgab.

Anders als beim DIN und seinen Vorgängern war die Normung in der DDR eine staatliche Angelegenheit. Die TGL-Normen waren verbindlich. Sie besaßen Gesetzeskraft und wurden als Gesetzblatt-Sonderdrucke, in Form von Taschenbüchern und in Zeitschriften veröffentlicht. Die DIN dagegen haben empfehlenden Charakter, basieren sie doch auf freiwilliger Zusammenarbeit aufgrund ökonomischer Erwägungen.

Normsache: die Lebensdauer von Kühlschränken und Co.

Die TGL umfassten außerdem einen größeren Bereich der Standardisierung. Es wurden zum Beispiel die Maße für Handtücher, die Inhaltsstoffe, das Gewicht etc. von Lebensmitteln sowie deren Lieferfristen vorgeschrieben. Außerdem gab es Vorgaben, wie lange elektrische Geräte funktionieren sollten.

Die Lebensdauer für Haushaltkühlgeräte und Kompressoren war mit zehn Jahren vorgeschrieben und wurde dann weiter verschärft auf zwölf Jahre ... Die Ausfallquote durfte maximal ein Prozent betragen.

Dieter Rochhausen, ehemaliger Ingenieur im VEB DKK Scharfenstein exakt - Die Story: Reparatur? - Lohnt nicht | 27.02.2013

DIN-Norm - die "Nullnummer" der TGL

Die Welt des Maschinenbaus, des Bauwesens und anderer Bereiche wurde deshalb aber nicht neu erfunden. Die DDR übernahm zwangsläufig viele etablierte DIN-Normen, zum Beispiel den Papier-Standard aus dem Jahr 1922. Bei den TGL-Nummern konnte man das an der vorangesetzten Null erkennen: Aus DIN A476 zum Beispiel wurde also TGL 0-476. Und über diesen Kniff besaßen Entwickler und Ingenieure in den beiden deutschen Staaten weiter eine Verständigungsbasis. Die Übernahme von DIN-Normen und ihre Kenntlichmachung dürften auch den Export von DDR-Erzeugnissen in die Bundesrepublik erleichtert haben.

Die "Wiedervereinigung" der Normen

1990 fand dann auch in Sachen Normung und Standardisierung die Kehrtwende statt. Rund 35 Jahre nach ihrer Einführung wurden die TGL von den DIN abgelöst. Die sogenannte "Normenunion" zwischen den beiden deutschen Staaten trat am 4. Juli 1990 in Kraft, drei Tage nach der Währungsunion. Das DIN übernahm nach eigenen Angaben 114 Mitarbeiter aus dem Bereich Standardisierung des DDR-Amtes für Standardisierung, Meßwesen und Warenprüfung. Außerdem beherbergt es neben der Bauhaus-Universität Weimar die umfangsreichste TGL-Sammlung mit rund 30.000 Normen.

TGL - Garant und Innovationsbremse zugleich

Rückblickend sorgten die TGL in der DDR-Volkswirtschaft für einen gewisse Qualitätssicherung, wie sich an der langen Funktionstüchtigkeit von Haushaltsgeräten sehen lässt. Kritisch eingeschätzt wird die Entwicklungs- und Innovationsfähigkeit des Normungssystems TGL.

Der Staat als Eigentümer, als Hersteller, als Verbraucher, als technische Überwachung und Berufsgenossenschaft in einem, das war ein unbeweglicher Koloss. Dieses Normensystem war zugleich wider das Wesen der Technik.

DIN e.V.

So ganz der Vergangenheit gehören die TGL aber noch nicht an. Für Abriss, Umbau oder Sanierung von Gebäuden aus der DDR-Zeit zum Beispiel kann eine gewisse Kenntnis der damaligen Bauvorschriften von Vorteil sein. Manche TGL wurden in die entsprechende DIN aufgenommen, etwa in die Vorgaben für Stauanlagen. Und manche TGL, zum Beispiel für Kleinteile wie Federn, unterschieden sich so sehr vom DIN-Gegenstück, dass sie noch immer in Gebrauch sind.

DIN, DIN EN und IN EN ISO Die Abkürzung DIN stand zunächst für Deutsche Industrie-Norm. Der später ins Spiel gebrachte Slogan "Das Ist Norm" setzte sich nicht durch. Heute steht DIN als Abkürzung für das Deutsche Institut für Normung, das "Deutsche Normen" oder "DIN-Normen" entwickelt.

DIN EN sind europaweit geltende Normen.
DIN EN ISO sind weltweit vereinbarte Normen.

Buchtipps * Günther Luxbacher: DIN von 1917 bis 2017. Hrsg. vom DIN, Beuth-Verlag 2017.

* Eberhard Mücke: TGL - Technische Regeln im Osten Deutschlands. Vom Alliierten Kontrollrat bis zur Normenunion 1945-1990. Hrsg. vom DIN, Beuth-Verlag 2010.

(pkl)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR um 2 | 21.01.2015 | 14:00 Uhr