Eduard Stapel
Eduard Stapel (1953-2017) gilt als geistiger Vater der Ehe für alle. Bildrechte: dpa

Schwulenbewegung der DDR "Ehe für alle" - Anstoß aus dem Osten

Lesbische und schwule Paare dürfen seit einem Jahr heiraten. Was viele nicht wissen: Wichtige Wegbereiter der "Ehe für alle" kommen aus der Schwulenbewegung der DDR. Vor vier Jahren hat die Zeitreise den geistigen Vater der "Ehe für alle" besucht: den inzwischen verstorbenen Aktivisten Eduard Stapel. Er hatte sich schon während seiner Studienzeit in Leipzig für Schwulen-Rechte eingesetzt.

Eduard Stapel
Eduard Stapel (1953-2017) gilt als geistiger Vater der Ehe für alle. Bildrechte: dpa

Das Gesetz ist gnädig, die Gesellschaft nicht

In der DDR wurden Lesben und Schwule lange diskriminiert, auch wenn ihre Lage auf dem Papier besser war als im Westen. Das erste "Tauwetter" kam 1957. Den Strafrechtsparagrafen 175 (der Homosexualität unter Strafe stellte), den die DDR noch vom Kaiserreich "geerbt" hatte, blieb zwar formell in Kraft. Er wurde aber nach einem Urteil des Ost-Berliner Kammergerichts de facto nicht mehr angewandt. Ein Jahrzehnt später, 1968, flog er komplett aus dem Strafgesetzbuch. Damit hatten Schwule auf dem Papier in der DDR mehr Rechte als in der Bundesrepublik. Geoutet haben sich trotzdem die wenigsten, denn die Praxis sah ganz anders aus. Wer sich zu seiner Homosexualität bekannte, begab sich ins gesellschaftliche Abseits.

Viele homosexuelle Männer heirateten Frauen und zeugten Kinder, nur damit ihr "dunkles" Geheimnis nicht gelüftet wird. Allen offiziellen Fortschrittbekenntnissen zum Trotz blieb die DDR in puncto Lebens- und Familienmodelle bis zu ihrem Ende kleinbürgerlich geprägt. Die Gesetzeslage hatte sich geändert, nicht aber die Einstellung der Bevölkerung.

Stasi zersetzt Emanzipationsbewegung

Versuche, etwas daran zu ändern, wurden vom Regime lange Zeit im Keim erstickt – etwa 1973, als die Lesben und Schwulen Ost-Berlins bei den X. Weltfestspielen mit einem Transparent auf sich aufmerksam machen wollten, was die Staatsmacht kurzerhand unterband. Der "Homosexuellen Interessengemeinschaft Berlin", die ein Jahr später entstand, waren nur vier Jahre Ruhe beschieden.

Erst dem Leipziger Theologiestudenten Eduard Stapel gelang es, den Stein ins Rollen zu bringen. 1982 lud er unter der Überschrift "Tabu Homosexualität - Wie gehen wir damit um?" zu einer Diskussion am Theologischen Seminar in Leipzig ein. In der Folgezeit baute Stapel innerhalb der Schutzmauern der Evangelischen Kirche ein DDR-weites Netzwerk auf.

Mit der Wende kommt der Wandel

Und obwohl die Stasi 240 Spitzel auf Stapel angesetzt hatte, konnte sie die Entwicklung nicht aufhalten. Die DDR befand sich in den 1980er-Jahren bereits in der Auflösung, das gesellschaftliche Klima änderte sich, die Unzufriedenheit nahm zu, die Angst wich. Und so gewann auch eine neue Generation Schwuler mehr Mut, sich gegen Diskriminierung aufzulehnen. 

Kurz vor dem Ende der DDR konnten sie schließlich erreichen, dass Homosexualität nicht mehr totgeschwiegen wurde. Sehr symbolträchtig war die Premiere des ersten offen schwulen Films der DDR, "Coming out" von Heiner Carow, die am Tag des Mauerfalls stattfand. Zum ersten Mal setzte sich ein abendfüllender DEFA-Streifen mit dem Lebensgefühl homosexueller Menschen auseinander und zeigte eine Welt, von der die Mehrheit der Bevölkerung nichts mitbekam.

Eine Wiedervereinigung "andersherum"

Eduard Stapel ließ es damit aber nicht bewenden. Im Februar 1990 gründete er als Teil der Bürgerrechtsbewegung den Schwulenverband der DDR. Und der hatte kühne Visionen, wollte nach der Wiedervereinigung bundesweit tätig werden und benannte sich noch Juni 1990 in "Schwulenverband in Deutschland" um. Und in der Tat war es einer der wenigen Fälle, in denen die Wiedervereinigung im wahrsten Sinne des Wortes "andersherum" lief: Bei der schwulen Emanzipation der folgenden zweieinhalb Jahrzehnte gaben die Ostdeutschen den Ton an.

Die ostdeutsche Bewegung hatte einen entscheidenden Vorteil – sie hatte sich zentral organisiert, während es im Westen viele lokale, nur schwach vernetzte Initiativen gegeben hatte. So fanden die westdeutschen Homosexuellen plötzlich eine zentrale Anlaufstelle. Und die nahm das Heft in die Hand und warb gezielt die wichtigsten Figuren der westdeutschen Schwulenbewegung an: Volker Beck, Günter Dworek und Manfred Bruns.

Ostdeutsche setzen sich durch

Und auch inhaltlich setzten sich die Ostdeutschen durch. Während die westdeutsche Bewegung um Akzeptanz warb, gleichzeitig aber die Eigenständigkeit der homosexuellen Kultur betonte, wollten die Schwulen in der DDR dazugehören. Ihnen schwebte ein soziales Miteinander vor, bei dem Homosexualität als normal betrachtet wird. Das hat die gesamte Entwicklung im wiedervereinigten Deutschland geprägt.

Festlich gekleidet und mit einem lila Blumenstrauß stehen Stefan Fritz und Hans-Peter Hoogen 1992 vor dem Standesamt auf dem Frankfurter Römerberg.
Mit der "Aktion Standesamt" verlangten Lesben und Schwule schon 1992 die Ehe für alle - damals vergeblich. Bildrechte: dpa

Das Ziel lautete nun: völlige Gleichstellung. Bereits 1992 warb der Schwulenverband in Deutschland mit der "Aktion Standesamt" für die Ehe-Öffnung. Rund 250 lesbische und schwule Paare beantragten damals das Aufgebot, etwa 100 davon bestritten anschließend den Rechtsweg, nachdem die Standesämter das Aufgebot verweigert hatten. Die Aktion erregte erhebliches Interesse in der Öffentlichkeit. Bekannteste Teilnehmer waren Hella von Sinnen und Cornelia Scheel.

Erst ein knappes Jahrzehnt später, 2001, gelang es dem Verband (inzwischen zum "Lesben- und Schwulenverband in Deutschland" umbenannt), mit dem Lebenspartnerschaftsgesetz eine "Ehe light" für gleichgeschlechtliche Paare durchzusetzen, wobei es anfangs noch viele Unterschiede zu Hetero-Paaren gab, die erst nach und nach, oft in langwierigen Gerichtsprozessen bis hin zum Bundeverfassungsgericht, weitgehend, wenn auch nicht vollständig abgebaut wurden. Est seit dem 1. Oktober 2017 dürfen Lesben und Schwule in Deutschland eine vollwertige Ehe mit ihren Partner(inne)n schließen.

(zuerst veröffentlicht am 29.06.2017)

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im Radio: 01.10.2018 | 05:00 Uhr
30.06.2017 | 09:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Oktober 2018, 15:30 Uhr