Zar Nikolaus II. in sibirischer Gefangenschaft
Zar Nikolaus II. und drei seiner vier Töchter in sibirischer Gefangenschaft. Bildrechte: IMAGO

100 Jahre Tod der Romanows Der Mord an der letzten Zarenfamilie

100 Jahre nach der Ermordung der Zarenfamilie Romanow kann immer noch kein Punkt hinter die Geschichte gesetzt werden. Heute sind zwar alle Überreste der Familie geborgen, doch die Russisch-Orthodoxe Kirche äußert Zweifel an deren Identität und besteht auf einer neuen Untersuchung. Viele orthodoxe Würdenträger sind nämlich fest davon überzeugt, dass die Familie des letzten russischen Zaren einem rituellen Mord zum Opfer fiel!

Zar Nikolaus II. in sibirischer Gefangenschaft
Zar Nikolaus II. und drei seiner vier Töchter in sibirischer Gefangenschaft. Bildrechte: IMAGO

Es ist Mitte Juli 1918, die Nächte sind kalt in Sibirien. Alexandra, die Zaren-Gattin, notiert penibel in ihrem Tagebuch, dass die Familie bei 15 Grad in ihrem Arrest friert. Es sollte ihr letzter Eintrag sein. Denn schon wenige Stunden später sind sie, ihr Mann, der 14-jährige Thronfolger Aleksej und dessen ältere Schwestern Anastasia, Olga, Tatjana und Maria tot.

Die Zarenfamilie und ihr Ende

Ein Mann mit Bart, in Uniform mit vielen Auszeichnungen
Die Romanows sind eine über 300 Jahre alte russische Dynastie. Aus ihr gingen die russischen Zaren hervor. Nikolaus Alexandrowitsch Romanow regierte als Nikolaus II., der letzte Zar, von 1894 bis 1917. Bildrechte: IMAGO
Ein Mann mit Bart, in Uniform mit vielen Auszeichnungen
Die Romanows sind eine über 300 Jahre alte russische Dynastie. Aus ihr gingen die russischen Zaren hervor. Nikolaus Alexandrowitsch Romanow regierte als Nikolaus II., der letzte Zar, von 1894 bis 1917. Bildrechte: IMAGO
Historisches Bild: Ein Ehepaar im Kreise seiner fünf Kinder. Alle sind sehr festlich angezonge, die Ehefrau udn die Mädchen mit langen Gewändern.
Verheiratet war Nikolaus II. mit Alexandra Fjodorowna. Sie war die Enkelin der britischen Königin Viktoria und hieß vor der Hochzeit Alix von Hessen-Darmstadt. Zusammen hatten sie vier Töchter und einen Sohn: Olga, Tatjana, Marija und Anastasia sowie den Zarewitsch Alexej. Der jüngste Spross der Familie und Thronfolger litt an einer unheilbaren Bluterkrankheit. Bildrechte: IMAGO
Zar Nikolaus II. und sein Cousin, Prinz George of Wales
Nikolaus (rechts) als Zarewitsch 1890 gemeinsam mit seinem Cousin, dem britischen Thronfolger Prinz George of Wales (links). Die Familienähnlichkeit ist frappierend. Bildrechte: IMAGO
Auf dem Vorsprung eines Gebäudedachs sitzen und stehen sechs Personen
Nach der Abdankung des Zaren im März 1917 wurde die Familie zunächst im Alexanderpalast in Zarskoje Selo im heutigen Ort Puschkin in der Nähe von St. Petersburg unter Arrest gestellt. Im August wurde sie nach Sibirien gebracht, wo sie zunächst am Sitz des Gouverneurs in Tobolsk interniert wurde. Im Bild: Der Zar und seine Kinder 1917 auf dem Dach ihres Arrestgebäudes in Tobolsk. Bildrechte: IMAGO
Gebäude in Jekaterinburg, in dem die Zarenfamilie eingesperrt war
Nach der Machtergreifung der Bolschewiki in der Oktoberrevolution 1917 wird die Familie im Frühjahr 1918 nach Jekaterinburg gebracht und in der Villa Ipatjew interniert. Eigentlich planten die Bolschewiki unter Lenins Führung ursprünglich einen großen Schauprozess gegen den Zaren. Später erschien ihnen das aber zu riskant. Daraufhin beschlossen sie die Hinrichtung der ganzen Zarenfamilie. Bildrechte: IMAGO
Zar Nikolaus II. in sibirischer Gefangenschaft
Wenige Wochen vor der Ermordung der Zarenfamilie entstand diese Aufnahme von Nikolaus II. mit drei seiner Töchter in sibirischer Gefangenschaft. Im Hintergrund stehen zwei Soldaten der Bolschewiki, die die verbannte Zarenfamilie bewachen. Bildrechte: IMAGO
Blick in ein Kellergewölbe. In einer Ecke an der hinteren linken Wand sind dunkle Flecken zu sehen.
Wenige Wochen später - in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918 - werden Zar Nikolaus II. und seine Familie in Jekaterinburg in einem Keller erschossen. An der Rückwand des Raumes sind zahlreiche Einschusslöcher zu sehen. Die Zarin und ihre Töchter trugen bei der Erschießung Korsetts mit heimlich eingenähtem Schmuck. An diesen Diamanten- und Perlengürteln prallten die ersten Kugeln ab. Gegen das darauf folgende Massaker mit Bajonetten waren sie aber kein Schutz. Zwanzig lange Minuten soll die Hinrichtung gedauert haben. Danach wurden alle Spuren verwischt und die Leichen verscharrt. Bildrechte: IMAGO
Archivbild: Eine alte Frau in einem Sessel
Mehr als 39 Jahre nach der Ermordung der Zarenfamilie sorgt im März 1957 eine Frau für Schlagzeilen, die behauptet, die Zarentochter Anastasia zu sein: Anna Andersons Fall wurde am 2. April 1958 vor Gericht in Wiesbaden verhandelt. Sie wird nicht als russische Zarentochter anerkannt. Ihr Fall beschäftigt nicht nur die deutsche, sondern auch die britische Öffentlichkeit: 20 Millionen Rubel hatte Zar Nikolaus II. als Erbschaft für seine Kinder bei der Bank of England hinterlegt. Bildrechte: IMAGO
Ein Waldweg, der zu einer Kirche mit mehreren grünen Türmchen führt.
1991 wurden die Überreste der ermordeten Zarenfamilie gefunden. Im Jahr 2000 wurde am Fundort die Ivinon Kirche Ganina Yama errichtet. Sie ist der Eingang zum Kloster der Märtyrer. Bildrechte: IMAGO
Die Blutkirche in Jekaterinburg, Russland
Auch diese gewaltige Kathedrale wurde in Jekaterinburg zur Erinnerung an die Zarenfamilie errichtet: Im Jahr 2000 erklärte die Russisch-orthodoxe Kirche die Romanows zu Märtyrern. Das wiederum steht im Gegensatz zur historischen Einordnung des Zaren: Seine grausame Herrschaft hatte ihm nicht umsonst den Beinamen "Nikolaus der Blutige" eingetragen. Im Vergleich zu der späteren Schreckensherrschaft der Bolschewiki unter Lenin und vor allem unter seinem Nachfolger Stalin nimmt sich das rigide Regime des Zaren aber noch vergleichsweise harmlos aus.
(Über dieses Thema berichtete MDR ZEITREISE auch im TV: 07.11.2017 | 21:15 Uhr.)
Bildrechte: IMAGO
Alle (10) Bilder anzeigen

Zar wird im Ersten Weltkrieg zur Hassfigur

Im März 1917 dankt Nikolaus II. ab.  Aus dem mächtigen "Alleinherrscher aller Russen" wird der gewöhnliche Bürger Nikolai Romanow. Das Volk ist im siebten Himmel, denn der Erste Weltkrieg, der bereits seit drei Jahren andauert, hat den Zaren zu einer Hassfigur gemacht. Der Herrscher und seine Familie werden unter Hausarrest gestellt, dürfen aber in ihrem Luxus-Palais in Zarskoje Selo bleiben und ihre Dienerschaft behalten. Ein goldener Käfig gewissermaßen! Später wird die Familie in die Provinzstadt Tobolsk verlegt.

Zar Nikolaus II. von Russland
Zar Nikolaus II. Bildrechte: IMAGO

In dieser Zeit behandelt man die Gefangenen noch anständig und respektvoll. Doch das ändert sich nach der Oktoberrevolution 1917. In Russland bricht ein blutiger Bürgerkrieg aus. Auf der einen Seite stehen die Bolschewiki, die radikalen Sozialisten, die unter der Führung Lenins eine "Diktatur des Proletariats" installieren wollen, auf der anderen Seite die so genannten Weißen, also Anhänger der alten Ordnung. Im Frühjahr 1918 bringen die Bolschewiki Nikolaus und seine Familie nach Jekaterinburg im Ural. Es ist eine der zarenfeindlichsten Regionen des Landes. Als die Romanows am Bahnhof von Jekaterinburg aus dem Zug steigen, werden sie beinahe gelyncht.

Isolation in Jekatarinburg

In Jekaterinburg wird die Zarenfamilie in der Ipatjew-Villa isoliert, benannt nach deren letztem Besitzer. Die Bolschewiki haben einen anderen Namen dafür: das "Haus zur besonderen Verwendung". Und dieser Name passt in der Tat besser. Die Romanows werden fast vollständig von der Außenwelt abgeschottet. Das Gebäude ist von einer meterhohen Doppelpalisade umgeben. Ein kurzer Freigang im Garten ist nur einmal am Tag möglich, und manchmal wird auch der gestrichen. Im Haus ist es dunkel und stickig, weil die Fenster blickdicht übertüncht wurden und nicht geöffnet werden dürfen. Die Lebensmittel werden rationiert, und die jungen Zarentöchter müssen sich zahllose obszöne Bemerkungen von ihren Bewachern gefallen lassen. Für die an Luxus und Ehrerbietung gewöhnte Familie muss das die Hölle gewesen sein.

Eine Hölle, die erst in der Nacht vom 16. zum 17. Juli 1918 ein grausames Ende findet. Die Weißen, die im russischen Bürgerkrieg gegen die Bolschewiki kämpfen, sind bis kurz vor Jekaterinburg vorgerückt. Die Bolschewiki wollen um jeden Preis verhindern, dass die Zarenfamilie befreit wird. Was sich damals zugetragen hat, hat einer der Hauptakteure der Nachwelt berichtet: Jakow Jurowskij, der Kommandant des Hauses und Leiter des Erschießungskommandos.

Gebäude in Jekaterinburg, in dem die Zarenfamilie eingesperrt war
Die zum Gefängnis umgerüstete Ipatjew-Villa in Jekaterinburg. Bildrechte: IMAGO

Blutbad im Keller

Jurowskij soll bis zu seinem Tod 1938 stolz gewesen sein, die Ermordung der Zarenfamilie verantwortet zu haben. In seinem Bericht beschrieb er ausführlich, wie die Romanows und ihre Dienstleute in den Keller geführt werden, unter dem Vorwand, es sei zu ihrem eigenen Schutz, da es in der Stadt Unruhen gebe. Dort ist bereits ein Zimmer vorbereitet. Das Erschießungskommando wartet im Nebenraum: mit Revolvern. Als sich die Familie wie befohlen für ein angebliches Foto in einer Reihe aufstellt, stürmen die Henker hinein. Jurowskij verliest ein kurzes Urteil. Der Zar hat gerade noch die Zeit, verdutzt zu fragen "Was?" – da fallen schon die ersten Schüsse.

Mehrere Minuten soll das Blutbad gedauert haben, auch deshalb, weil die Zarentöchter unter ihren Kleidern versteckt noch Reste des Familienschmucks tragen. Schmuck mit Brillanten, die härter sind als Stahl. Die Kugeln prallen daran ab. Die Zarentöchter müssen deshalb mit Bajonettstichen ins Jenseits befördert werden. Doch der schwierigste Teil der Operation beginnt erst nach der Ermordung der Zarenfamilie.

Raum, in dem die Familie getötet wurde.
Hier wurde die Zarenfamilie ermordet. An der Rückwand des Raumes sind zahlreiche Einschusslöcher zu sehen. Bildrechte: IMAGO

Die Mörder wollen keine Spuren hinterlassen

Die Körper der Erschossenen werden auf einen LKW geladen und in eine verlassene Mine gebracht, etwa 17 Kilometer von Jekaterinburg entfernt. Dort werden die Körper entkleidet, der Schmuck sichergestellt und die Leichen in die Grube geworfen. Doch die Mörder haben Angst, die Leichen könnten dort später gefunden werden. Daher beschließen sie, die Überreste der Romanows zu noch tieferen Mienen in der Nähe zu fahren. Doch als auf halber Strecke der Lastwagen stecken bleibt, entscheiden sie, die Leichen teils zu verbrennen und teils direkt im schlammigen Waldweg zu vergraben.

Die Suche nach den sterblichen Überresten

Nur eine Woche später marschieren die Weißen tatsächlich in Jekaterinburg ein. Die Ermordung der Zarenfamilie wird untersucht, Beweise werden akribisch gesammelt - doch die verscharrten Leichen findet man nicht - nur einige wenige Körperteile, ein paar angebrannte Knochen und Reste verbrannter Kleidung.

Kirche zu Ehren der Gottesmutter (genauer zu Ehren einer Ikone der Gottesmutter mit Krone und Zepter) und links im Bild ein Teil der Kirche zu Ehren der heiligen Zarenmärtyrer in Ganina Jama bei Jekaterinburg, Russland.
Ab dem Jahr 2000 ließ die Russisch-Orthodoxe Kirche sieben Kirchen in dem Gebiet errichten, in dem die Leichen der sieben Romanows verbrannt bzw. verscharrt worden waren. Bildrechte: IMAGO

In der Sowjetzeit ist der Zarenmord dann ein Tabuthema. Erst in den 1970er-Jahren trauen sich einige Hobbyhistoriker, nach den Gräbern zu suchen. Heimlich durchstreifen sie die Wälder rund um Jekaterinburg, das damals einem Revolutionär zu Ehren Swerdlowsk heißt. Obwohl es nur spärliche Informationen gibt, stoßen sie schließlich auf eine Stelle voller menschlicher Knochen. Im Schutze der Dunkelheit graben sie einige Überreste hastig aus, bringen sie kurze Zeit darauf aber wieder zurück – und schweigen bis 1991.

Erst nach dem Ende der Sowjetunion trauen sie sich, ihren Fund öffentlich zu machen und Archäologen zu verständigen. Die finden vor Ort im Wald noch weitere unentdeckte Knochenteile. Genetische Untersuchungen bestätigen bald, dass es die sterblichen Überreste des letzten Zaren, seiner Gattin und drei seiner Töchter sind. Sie werden 1998 in der Peter-und-Paul-Kathedrale in Sankt Petersburg beigesetzt. Nur der Zarewitsch und die vierte Tochter fehlen. Ihre Gräber werden erst 2007 gefunden, ebenfalls von Hobbyhistorikern und nur wenige Hundert Meter vom Fundort der anderen Leichen entfernt.

War es ein Ritualmord?

2017 kommt neuer Wind in die eigentlich abgeschlossenen Untersuchungen, als prominente Vertreter der Russisch-Orthodoxen Kirche, Historiker und Kriminalisten in Moskau zusammenkommen, um die neuesten Ergebnisse einer Untersuchung im Auftrag der Kirche zu diskutieren. Diese hat ein großes Interesse daran, weil der Zar im Jahr 2000 als Märtyrer heiliggesprochen wurde.

Patriarch Kirill spricht am Mikrofon
Patriarch Kyrill, Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche Bildrechte: IMAGO

Das Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill, kritisiert, dass die älteren Ermittlungen undurchsichtig seien und die Kirche nicht einbezogen worden sei. Zudem möchte die Kirche die Möglichkeit eines Ritualmordes genauer untersuchen lassen. Erste Mutmaßungen über solch einen Mord kamen bereits 1918 auf. Denn damals fanden die Ermittler nicht einmal die Zähne der Opfer. Daraus zog man die pikante Schlussfolgerung, die Bolschewiki hätten die Köpfe der Ermordeten abgeschnitten und sie als Trophäen nach Moskau gebracht. Für die Ermittler ein klares Indiz für ihre wichtigste Theorie, dass es ein Ritualmord gewesen sei, von langer Hand durch das weltweite Judentum geplant. Alle drei Ermittler von 1918 waren, nebenbei bemerkt, überzeugte Antisemiten.

Ritualmord: Die Theorie vom Ritualmord gehört zu den häufigsten und beständigsten antisemitischen Mythen und war Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa weit verbreitet. Im Kern besagt sie, dass Juden Blut christlicher Kinder für geheime, magische Rituale nutzen würden. Für die Nationalsozialisten stellte der "jüdische Ritualmord" eine zentrale Säule ihrer antisemitischen Propaganda dar und wurde zur Rechtfertigung des Holocaust herangezogen.

In Bezug auf den Zarenmord fand die Theorie vom Ritualmord in den 1920er-Jahren weite Verbreitung in Kreisen russischer Emigranten in Europa und wurde auch von der Russisch-Orthodoxen Kirche im Ausland aufgegriffen. Seit Beginn der 90er-Jahre wurde sie im postsowjetischen Russland wieder aktiv diskutiert.

Kein Frieden für die Zarenfamilie

Bischoff Tichon in christlichem Gewandt
Bischoff Tichon Bildrechte: IMAGO

2017 sagte Bischoff Tichon, eine der einflussreichsten Figuren der russischen Kirche: "Bei einem bedeutenden Teil der kirchlichen Untersuchungskommission gibt es keinerlei Zweifel, dass es sich genau so zugetragen hat." Dass es also einen Ritualmord gegeben hat. Das scheint heute auch die zentrale staatliche Ermittlerbehörde so zu sehen. Sie hat offiziell verlauten lassen, dass die Version des Ritualmords sorgfältig geprüft werde. Auch 100 Jahre nach dem Tod der Romanows findet die letzte Zarenfamilie also keinen Frieden.

(den/baz)            

Über dieses Thema berichtete der MDR auch in: MDR KULTUR | 16.07.2018 | 06:40 Uhr
Brisant | 09.10.2017 | 17:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Juli 2018, 13:56 Uhr