Forschung: Was keiner über die Westpakete wusste

Ein Päckchen Kaffee, zwei Tafeln Schokolade und ein Duft, der unverkennbar "nach Westen" riecht: Die Post von  drüben, in dickes Packpapier gehüllt und mit Stricken fest verschnürt, hat ihren Platz im deutschen-deutschen Langzeitgedächtnis sicher. Alle Jahre wieder in der Vorweihnachtszeit gingen damals Millionen Pakete auf Reisen. Was auf ihrem Weg vom Absender zum Empfänger passierte, ob die Päckchen und Pakete wie erwartet tatsächlich geöffnet wurden, darum rankten sich jede Menge Gerüchte und Legenden. Mit einigen davon hat sich die Magdeburger Historikerin Konstanze Soch in ihrer Doktorarbeit: "Ostpaket und Westpaket: Eine deutsch-deutsche Beziehungsgeschichte" beschäftigt.

von Nils Werner

Historikerin Konstanze Soch
Die Historikerin Konstanze Soch. Bildrechte: MDR/Nils Werner

Frau Soch, 25 Millionen Päckchen und Pakete wurden in den 1980er Jahren jährlich von West nach Ost geschickt wurden. Dabei hat vor allem der jedes Jahr heiß ersehnte Inhalt in der DDR für Gesprächsstoff gesorgt. Wie kommt es aber, dass Sie – 1988 gerade noch in der DDR geboren – sich heute das Westpaket als Thema für Ihre Doktorarbeit ausgesucht haben?

Also in meiner eigenen Familie gabs nur die Erzählung: "Ach, die tollen Westpakete von Tante Fe und Onkel Werner." Ich habe nie gehört, dass wir auch was zurückgeschickt haben. Und dann hab ich aber ganz schnell in den Forschungen herausgefunden, dass auch ganz viel zurückgeschickt wurde - teilweise mehr als andersrum.

Das hat mich total erstaunt, denn wenn man sich die deutsch-deutsche Forschung anschaut, hat man immer dieses Bild von den armen Ossis und den reichen Wessis. An diesen Päckchen und Paketen - das hab ich auch wieder im privaten Umfeld gemerkt - spiegeln sich ganz stark die Rollenverständnisse wieder von arm und reich und wer kann etwas schenken und wer kann nichts schenken. Aber so war es gar nicht.

Und das hat mich immer auch so fasziniert an dem Thema: dass ein Teil der Klischees tatsächlich bestätigt wird, aber was viel wichtiger ist, dass viele Leute ganz stark bemüht waren, diese Klischees aufzubrechen - sowohl in Ost als auch in West. Die Reichen wollen nicht nur die schnöden Reichen sein und die Armen wollen nicht die Armen sein. Und wie verhandelt man das auf einer Ebene mit Briefen und Päckchen, wo man das nicht mündlich machen kann? Auch zwischen den Zeilen geschriebene Dinge waren ein Teil dieser Pakete. Und deshalb ist es manchmal ganz überraschend, was zutage kommt.

Das Westpaket – eine planwirtschaftliche Größe Fünf Milliarden DDR-Mark entspricht der Warenwert der jährlich eintreffenden 25 Millionen Päckchen aus dem Westen – so zumindest beziffern es Ende der 1980er-Jahre die Ökonomen im Leipziger Marktforschungsinstitut. Davon sind allein 12.000 Tonnen Röstkaffee, durch die die DDR zwanzig Prozent weniger Importe braucht. Bei Kleidung sieht es noch viel gravierender aus. Gehen pro Jahr circa dreieinhalb Millionen Damenblusen eigener Produktion über die DDR-Verkaufstische, kommen übers Westpaket ganze fünf Millionen Stück zusätzlich ins Land.

Sie haben herausgefunden, dass zwar in absoluten Zahlen aus der Bundesrepublik deutlich mehr Päckchen in Richtung Osten gingen als umgekehrt, aber dass die DDR-Bürger deutlich häufiger zur Post gingen, um die Westverwandtschaft zu beglücken. Genau diesen Postweg von Ost nach West haben sie zum ersten Mal genauer unter die Lupe genommen. Was hat sie dabei besonders überrascht?

Immer wenn man von den Kontrollen der Pakete spricht - im Alltag aber auch in der Forschung - wird meist davon ausgegangen, dass die DDR kontrolliert hat. Punkt. Dass die Bundesrepublik ihrerseits auch kontrolliert haben könnte ist eigentlich gar nicht bekannt. Seit ein paar Jahren ist es für den Briefverkehr bekannt. Aber ich konnte in meiner Dissertation erstmals zeigen, dass es auch bei den Päckchen und Paketen ganz massiv war. Es gab in der Bundesrepublik mehrere große Umschlagstellen, wo kontrolliert wurde. Eine davon war Hannover-Braunschweig. Da kamen die Päckchen aus dem Osten an und wurden kontrolliert.

Vor allem wollte die Bundesrepublik Spione und Agenten enttarnen. Deshalb waren vor allem Bücher interessant, weil es bestimmte Verschlüsselungsmethoden für Bücher gibt. Das heißt, es wurden dann präventiv alle Informationen zu den Büchern aufgeschrieben: welche Auflage, welche Seitenzahl, wie heißt der Autor.

Nach der Kontrolle gaben sich die Kontrolleure dann eigentlich gar nicht so viel Mühe, ihre Arbeit zu verschleiern. Denn sie wussten: Die Empfänger glauben am Ende eh, dass das die Ost-Kontrolleure waren. Die DDR-Beamten haben also schon "offene" Pakete bekommen. Ihnen ging es dann auch gar nicht unbedingt um die einzelnen Inhalte, sondern um diesen "propagandistischen Einfall", den es möglicherweise durch Briefe und Päckchen geben konnte. Den wollten sie eindämmen oder gar verhindern.

Wurden diese Kontrollen bis 1989 durchgeführt?

Soweit ich weiß, wurde das bis zum Ende gemacht. Natürlich ist die Quellenlage sehr dünn. Aufgrund des Bundesarchivbestandsgesetzes kann man dass man die noch nicht alle einsehen. Aber ich habe mit einem Zeitzeugen gesprochen, der da selber kontrolliert hat. Der sagte, vor allem in den 1960er Jahren seien die Kontrollen wirklich massiv eingesetzt worden. Aber das wurde in der Bundesrepublik auf keinen Fall publik gemacht. Und das trägt natürlich heute noch zu dem Bild bei, was wir haben: Der Westen schickt unkontrollierte Pakete. Der Osten nimmt nur und kontrolliert. Da ist es ganz schön, wenn man durch das Forschen Licht ins Dunkel bringen kann.

Tatsächlich ist dieser Bereich der DDR-Kontrolle der Westpakete ja nach 1989 immer wieder Gegenstand von Recherchen und Publikationen gewesen. Insbesondere, was das Zusammenspiel von Post, Zoll und Staatssicherheit anbelangt. Konnten Sie denn auch hier noch blinde Flecken in der Forschung feststellen?

Ja. Denn wenn man an die Kontrollen des Päckchen- und Paketverkehrs denkt, denkt man an die Stasi. Aber die war das gar nicht immer. Das waren auch ganz normale DDR-Studenten, die gejobbt haben oder Auszubildende bei der Post, die sich gemeldet haben, um beim Jahresendverkehr – so hieß das ja immer so schön – mitzuhelfen. Da war ja das Paketaufkommen sehr hoch und dann brauchte man diese Aushilfen. Und die haben eben nicht nur geholfen, die Päckchen zu entladen, sondern sie waren auch dazu eingesetzt, die Pakete zu öffnen, Dinge rauszulegen und sie wieder zu verschließen.

Das heißt, auch ganz normale Aushilfen wurden bei der Inhaltskontrolle eingesetzt. Manche hatten dabei Gewissenskonflikte, konnten das nicht und sind lieber wieder in die klirrende Kälte an den Güterbahnhof gegangen und haben ausgeladen. Und manche haben sich dabei vielleicht gar nicht so Gedanken gemacht. Die haben das immer so vermittelt bekommen: Wir müssen beim Klassenfeind aufpassen, was gesendet wird. Und so sind es ganz unterschiedliche Leute, die Kontrollerfahrungen haben.

Paket-Schmuggel – ein Volkssport "Wo Unkenntnis der Bestimmungen vermutet wird, genügt eine Ermahnung und Zurückweisung." Mit diesen Worten weist bereits ein Lehrfilm von 1960 die angehenden Kontrolleure des DDR-Zolls auf einen allgegenwärtigen Umstand hin: Trotz rigider Bestimmungen versuchen Ost- und Westdeutsche heiß begehrte Ware unbemerkt in den jeweils anderen Teil zu befördern. Porzellan und optische Geräte werden dabei die bevorzugt Richtung Westen gesschmuggelt.

Zeitschriften, Geld und Medikamente treten ungeachtet der jahrzehntelangen Verbote immer wieder die Reise Richtung Osten an. Besonders Tabletten werden gerne in Pulvern (Waschmittel, Kakao) versteckt. Mittels großer Trichter und Siebe an den DDR-Kontrollpunkten werden die allerdings ebenso regelmäßig wieder herausgefiltert. Doch längst nicht jeder Schmuggel fliegt auf und so landen zig tausend Schokoladentafeln unversehrt in den Händen ihrer DDR-Empfänger. Unter dem Staniolpapier versteckten sich nicht selten Geldscheine oder ein Stück Zahngold.

Zum Ende der DDR waren es im Durchschnitt rund 4.000 West-Pakete pro Jahr, die täglich in jedem der 14 DDR-Bezirke kontrolliert werden mussten. Fließbandarbeit – ganz real. Denn wie heute am Flughafen, setzte man dafür vermehrt auf Röntgenkontrolle, um nur noch bei begründetem Verdacht Pakete unter Einsatz von zusätzlichem Personal zu öffnen. Wie kam es dazu?

Es gab ja immer Verhandlungen zum Postabkommen. Und das haben beide Seiten für sich genutzt. Auf der einen Seite wollte die DDR mehr Geld haben. Obwohl es ein innerdeutscher Versand war, sagte sie: "Nein, das ist ein Auslandsversand. Wir müssen Beförderungsgebühren bekommen." Das hat die Bundesrepublik bezahlt, weil sie ein Anliegen hatte, dass eben dieser Paketversand weiter so aufrechterhalten werden kann. Aber die Bundesrepublik ihrerseits hat dafür auch eingefordert, dass manche Hürden fallen.

Die zwei Jahrzehnte lang von der DDR geforderten Desinfektionsbescheinigungen für gebrauchte Textilien zum Beispiel. Und auch die Lieferzeiten sollten verändert werden. Vorher brauchte ein Paket oft vier bis sechs Wochen. Zum Ende der 1980er Jahre verblieben die Päckchen und Pakete dann nur noch 12 bis 24 Stunden. Das war für die Stasi natürlich ganz fatal, weil sie jetzt viel schneller kontrollieren musste. Und so kam es dann zum Einsatz dieser Röntgengeräte.

Buchtipp: Eine große Freude? Der innerdeutsche Paketverkehr im Kalten Krieg (1949-1989) Konstanze Soch

ISBN 9783593508443
319 Seiten, Campus Verlag

Über dies Thema berichtet der MDR auch im Fernsehen. MDR Zeitreise | 05.12.2017 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Dezember 2018, 11:55 Uhr