Lipsi - der sozialistische Tanz Mit dem Lipsi gegen Rock'n Roll

Am 13. Januar 1959 wurde auf einer Tanzmusikkonferenz in Lauchhammer ein neuer Tanz vorgestellt - der Lipsi. Eine Schrittfolge im Sechsvierteltakt, die dem Rock'n Roll in der DDR ein Ende bereiten sollte. Doch der sozialistische Tanz setzte sich nicht durch und verschwand nach nur wenigen Jahren wieder.

In Lauchammer, einem Industriestädtchen im Lausitzer Braunkohlenrevier, versammelten sich im Januar 1959 Schlagertexter, Komponisten, Sänger und Kulturfunktionäre zur ersten Tanzmusikkonferenz der DDR. Eingeladen hatte die Staatspartei SED. Ziel der Tagung war es, die darbende Unterhaltungskultur der sozialistischen Republik endlich auf Vordermann zu bringen. Die Wahl des Tagungsortes war dabei kein Zufall: Die leichte Muse sollte wesentlich von der Arbeiterklasse getragen werden.

Sozialistischer Tanzstil

Gefordert wurde von der SED eine Unterhaltungskultur, die der sogenannten westlichen Dekadenz Paroli bieten und zur Entwicklung sozialistischer Persönlichkeiten beitragen könne. Ein Beispiel jener neuen Kultur wurde den Teilnehmern der Konferenz am 13. Januar 1959 präsentiert: der Lipsi. Es handelte sich um einen neu geschaffenen Tanz, der den westlichen Tanzstilen Rock'n Roll, Twist oder Boogie-Woogie ein Ende bereiten sollte. Die Jugend der DDR würde sich von nun an nach anständigen, gewissermaßen sozialistischen Rhythmen bewegen. Spätestens im Mai des Jahres sollte sich der Lipsi in den Kulturhäusern der Republik durchgesetzt haben. So forderte es wenigstens die SED.

Weltweites Patent

Der Lipsi galt fortan als "Paradebeispiel sozialistischer Nationalkultur". Die Anregung, eine neue Tanzform zu schaffen, soll von Walter Ulbricht höchstselbst gekommen sein. Der SED-Chef soll fest davon überzeugt gewesen sein, dass der Lipsi nicht nur in der DDR, sondern auch international für Furore sorgen werde. Aus diesem Grunde wurde der Lipsi sogar zum Patent angemeldet. Und zwar weltweit.

"Voller Harmonie"

Der Lipsi war eine mit Walzerelementen versehene Schrittfolge im Sechsvierteltakt. Man durfte zusammen, aber auch auseinander tanzen. Gesittet, versteht sich. Das Parteiorgan "Neues Deutschland" jedenfalls war nach der Präsentation begeistert: "Das Bewegungsbild ist voller Harmonie und mit seinem Lösen und Wiederfinden der Partner, mit seinen Solodrehungen ganz und gar modern. Unsere Jugend will sich nicht in ständiger geschlossener Tanzhaltung bewegen, sie wünscht sich Bewegungen, wie sie der Lipsi bringt, freilich weit entfernt von jenen geschmack- und hemmungslosen Verrenkungen überseeischer Tanzimporte." (Zitiert nach SPIEGELONLINE, 13. 12. 2013)

Ein Kunstprodukt aus Leipzig

Entstanden war der Tanz Ende 1958 in Leipzig. Schöpfer des Kunstproduktes waren der Komponist Rene Dubianski und das Ehepaar Christa und Helmut Seifert, das in der Messestadt eine bekannte Tanzschule unterhielt. Weil alle Beteiligten aus Leipzig stammten, wurde der Tanz Lipsi genannt - in Ableitung des lateinischen Namens der Stadt: Lipsiens.

"Heute tanzen alle jungen Leute Lipsi"

Im Frühling 1959 erhielt die Leipziger Schlagersängerin Helga Brauer den Auftrag, ein Lied zu trällern, dass den neuen sozialistischen Tanz unter den jungen Leuten des Landes populär machen sollte: "Heute tanzen alle jungen Leute Lipsi". Der Liedtext drückt aus, was sich die SED wünschte: "Heute tanzen alle jungen Leute im Lipsi-Schritt, nur noch im Lipsi-Schritt", heißt es in dem schlichten Liedchen. "Heute haben alle jungen Leute den Lipsi gern, der ist modern."

"Gegen spießbürgerliche Dekadenz"

Walter Ulbricht 1962
Walter Ulbricht (1962). Bildrechte: IMAGO

"Es genügt nicht, die kapitalistische Dekadenz in Worten zu verurteilen, gegen Schundliteratur und spießbürgerliche Gewohnheiten zu Felde zu ziehen, gegen die 'Hotmusik' und die ekstatischen Gesänge eines Presley zu sprechen. Wir müssen etwas Besseres bieten", forderte Walter Ulbricht auf der ersten Bitterfelder Konferenz im Frühjahr 1959. Und etwas Besseres sollte eben auch der Lipsi sein. Doch die Jugendlichen in der DDR wussten dem Tanz mit seinen eher lahmen Rhythmen rein gar nichts abzugewinnen. Zum Lipsi tanzte freiwillig kaum jemand. Die Tanzflächen blieben leer. Trotz oder vielleicht vor allem wegen der enormen staatlichen Propaganda. In einigen Städten der DDR protestierten Jugendliche sogar gegen den von der Staatspartei kreierten Tanz und forderten stattdessen Rock'n Roll.

Auch wenn der "Stellvertreterkrieg der SED gegen Beat und lange Haare" (Heiner Müller) noch mehr als ein Jahrzehnt weiterging - der Lipsi setzte sich nicht durch. Er verschwand nach wenigen Jahren sang- und klanglos wieder und war am Ende nicht mehr als eine Anekdote.

(SL)

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV auch in "MDR Aktuell" 24.03.2018 | 19:30 Uhr