Mauerbau 1961 in Berlin, Bautrupps bei der Arbeit.
Mauerbau in Berlin am 13. August 1961. Bildrechte: dpa

"Die Mauer ist keine sehr schöne Lösung"

Die öffentliche Empörung der US-Politik nach dem Mauerbau 1961 war enorm. Doch intern hielt sich die Wut in Grenzen. "Die Mauer ist keine sehr schöne Lösung", sagte John F. Kennedy zu seinen Mitarbeitern. "Aber sie ist immerhin besser als Krieg." Proteste in Moskau gingen wegen des Mauerbaus in Berlin jedenfalls keine ein.

Mauerbau 1961 in Berlin, Bautrupps bei der Arbeit.
Mauerbau in Berlin am 13. August 1961. Bildrechte: dpa

Als der SPD-Politiker Egon Bahr 1970 zu Verhandlungen mit der sowjetischen Führung in der UdSSR weilte, erzählte ihm eines Abends ein Moskauer Freund, dass keine der Westmächte 1961 von der Sowjetunion gefordert hatte, die Mauer wieder zu beseitigen. Nicht einmal Protestnoten seien in der sowjetischen Hauptstadt eingegangen. Bahr war entsetzt. Konnte das sein? Sollten die Rufe und öffentlichen Bekundungen nach einem Abriss der Mauer nur bloße Propaganda und Lippenbekenntnisse gewesen sein? Ist John F. Kennedy, entgegen seiner berühmten Behauptung, in Wahrheit gar kein Berliner?

Gipfeltreffen in Wien

Juni 1961. In Wien trafen sich der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow und der amerikanische Präsident John F. Kennedy. Am zweiten Tag des Gipfeltreffens wollte Chruschtschow über Berlin sprechen. Er bezeichnete die Frontstadt als den gefährlichsten Ort der Welt. Und er hatte damit nicht ganz unrecht - es war die Nahtstelle zwischen den Systemen, amerikanische und sowjetische Panzer standen sich in Sichtweite gegenüber. Um die Lage zu entspannen, forderte Chruschtschow von Kennnedy, seine Truppen abzuziehen. Für Kennedy war das natürlich nicht akzeptabel. Chruschtschow drohte mit einem Atomkrieg. Kennedy antwortete, dann gebe es einen langen Winter und führte weiter aus, dass die Sicherheit von Westeuropa und den USA eng zusammenhängen und dass die amerikanischen Zugangsrechte zu Westberlin gesetzlich festgeschrieben seien. Chruschtschow war sich in dem Moment sicher, dass Kennedy wegen Berlin keinen Krieg riskieren würde. Die Sicherheit Westberlins läge ihm, Kennedy, durchaus am Herzen, mutmaßte Chruschtschow, das Schicksal Ostberlins sei ihm hingegen eher gleichgültig. In diesen Tagen in Wien reifte im sowjetischen KP-Chef der Entschluss, eine Mauer um Westberlin zu errichten oder anders gesagt: Die DDR abzuriegeln.

"Warum schließen die Ostdeutschen nicht einfach ihre Grenze?"

Am 25. Juli 1961 verkündete Präsident Kennedy in einer Fernsehansprache in den USA drei unverhandelbare Punkte in Bezug auf Westberlin: Präsenz der Westmächte, die Freiheit der Einwohner sowie freie Zufahrtswege in die Stadt. Den Osten Berlins und die Freiheit seiner Einwohner erwähnte der Präsident mit keinem Wort. Einige Tage später meldete sich sein Sicherheitsberater, der einflussreiche demokratische Senator William Fulbright, zu Wort. Er bezog sich auf die andauernde Fluchtwelle - in jenen Tagen flüchteten täglich Hunderte DDR-Bürger über Ostberlin in den westlichen Teil der Stadt. Fulbright sagte: "Ich verstehe nicht, warum die Ostdeutschen ihre Grenze nicht schließen" (zit. nach Eva Schweitzer, Eine Mauer ist verdammt nochmal besser als ein Krieg, Piper 2015). Dabei könnten sie dies tun, so Fulbright weiter, ohne auch nur einen einzigen Vertrag zu verletzen.

Einladung zum Mauerbau

Für Chruschtschow und die DDR-Führung um den SED-Chef Walter Ulbricht waren Fulbrights Einlassungen die Einladung zum Mauerbau, zumal sie davon ausgingen, dass Fulbright sich mit seinem Präsidenten abgestimmt hätte. Das war nicht der Fall, Kennedy widersprach seinem Berater aber auch nicht. Fulbrights Sätze jedenfalls standen am nächsten Tag auf der Titelseite des SED-Zentralorgans "Neues Deutschland". Ähnlich wie Fulbright dachte auch US-Außenminister Dean Rusk, den einzig eine Präsenz des amerikanischen Militärs in Westberlin interessierte. Diese freilich müsse unter allen Umständen gewahrt bleiben. Alles andere sei durchaus zweitrangig.

"Der Westen tut nichts!"

Am 13. August 1961 ließ SED-Chef Walter Ulbricht tatsächlich eine Mauer in Berlin hochziehen. Öffentlich zeigten sich die Westalliierten empört. Sie betonten aber auch stets, dass die Zufahrtswege für die Alliierten nach Westberlin offen seien. Insofern sei die Mauer, so Außenminister Rusk, "kein Grund zu schießen" (zit. nach Eva Schweitzer, ebd.). Die USA verstärkten ihre Garnison in Westberlin, um ihre Wehrhaftigkeit zu demonstrieren, und US-Vizepräsident Lyndon B. Johnson reiste einige Wochen später in die abgeriegelte Stadt, um die Einwohner zu beruhigen. "Der Westen tut nichts!", hatte BILD bereits drei Tage nach dem Mauerbau getitelt.

Kein Protestschreiben war in Moskau eingegangen

Egon Bahr 1989
Egon Bahr 1989 Bildrechte: IMAGO

Gut zwanzig Jahre später konnte sich Egon Bahr in russischen Archiven davon überzeugen, dass sein Moskauer Freund recht gehabt hatte. Tatsächlich, so Bahr, war in Moskau kein einziges Protestschreiben wegen des Mauerbaus eingegangen. In den Beziehungen zwischen der Sowjetunion und den Westmächten hatte die Mauer nie eine Rolle gespielt. Bahr erinnerte sich an einen Satz Kennedys in einem Brief an den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, vom August 1961: "Willy Brandt hatte kurz nach dem Mauerbau an Kennedy einen Brief geschrieben und auch die Frage nach Gegenmaßnahmen aufgeworfen. Und Kennedy hatte Brandt brieflich mitgeteilt, dass niemand diese Mauer wegbringen könnte ohne Krieg. Und Krieg will niemand."

Mit der Mauer weitestgehend arrangiert

Ungeachtet aller verbalen öffentlichen Proteste hatten sich die USA (wie auch die Westmächte insgesamt) im wesentlichen mit der Mauer arrangiert. Ja, sie vereinzelt gar als eine Lösung der explosiven Berlin-Krise begriffen. Für Außenminister Dean Rusk etwa hatte sich die Lage in Westberlin nach dem Mauerbau deutlich entspannt. Überdies schien es jetzt ja so zu sein, dass die UdSSR auf eine von den Westmächten befürchtete Expansion in Richtung Westen verzichten würde. Denn wenn die Sowjetunion die Absicht gehabt hätte, ganz Berlin zu besetzen, hätte sie den Mauerbau schließlich nicht angeordnet. Einige Tage nach dem Mauerbau sagte Präsident John F. Kennedy zu Mitarbeitern im Weißen Haus: "Die Mauer ist keine sehr schöne Lösung. Aber sie ist immerhin besser als Krieg." 

Quellen: Eva C. Schweitzer, Amerikas Schattenkrieger, Piper 2015; Eva C. Schweitzer, Eine Mauer ist verdammt nochmal besser als ein Krieg, Cicero, 12.08.2015; Der Westen tut nichts, www.neues-deutschland.de; Gipfeltreffen Chruschtschow und Kennedy in Wien 1961, MDR Zeitreise, MDR 2018; Steffen Lüddemann, Wandel durch Annäherung. Der Diplomat Egon Bahr, MDR 2012.

(SL)

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV auch in "MDR Zeitreise" 21. 07. 2018 | 21.15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. August 2018, 09:25 Uhr