Eure Geschichte Von der mitteldeutschen Industrie zu "blühenden Landschaften"

Die DDR war ein Gebiet, dass von deiner industriellen Wirtschaft geprägt war - mit einer enormen Umweltverschmutzung als Schattenseite. Die Wende brachte jedoch allmählich Veränderung: Wie aus Mondlandschaften und Kloaken Naherholungsgebiete und fischreiche Flüsse wurden.

Industrielandschaft 3 min
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Mo 14.09.2020 09:38Uhr 02:38 min

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Wenn in den frühen 1990er-Jahren die Rede auf Mitteldeutschland kam, fielen häufig Begriffe wie „Mondlandschaft“ (für die Tagebaureviere südlich von Bitterfeld, Halle und Leipzig) und "Kloake" (für die Flüsse Elbe, Saale und Elster).

Die Unermesslichkeit der Aufgabe, eine solche Region zu sanieren, war wohl allen Beteiligten bewusst. Verantwortliche rechneten damals mit einem Zeitraum von 70 Jahren und länger. Doch bereits dreißig Jahre später waren laut LMVG (Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft GmbH) mehr als 80 Prozent der Bodenfläche und des Wasserhaushaltes der von ihr betreuten Gebiete rekultiviert (Ausgangspunkt 1991).

Die Deindustralisierung des Ostens

Die Sanierung der Altlasten des ostdeutschen Braunkohlebergbaus war und ist ein Gemeinschaftswerk des Bundes, der mitteldeutschen Länder und des Landes Brandenburg. Unmittelbar nach dem Ende der DDR begann dort eine Deindustrialisierung ohne Beispiel.

Förderband im Tagebau Goitzsche
Förderband im Tagebau Goitzsche Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Von den bestehenden 39 Tagebauen überlebten acht die Privatisierung durch die Treuhandanstalt, gut 130 Betriebe der braunkohlenverarbeitenden Industrie wurden in den Folgejahren abgebrochen oder demontiert. Dazu zählten Kokereien, Brikettfabriken, aber auch Kraftwerke und Zulieferfirmen.

Über "Auffanggesellschaften" und die ABM (Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen) waren die Menschen oft genug mit der Beseitigung ihrer alten Betriebe auf Jahre beschäftigt. Für viele stellte dies nicht nur eine physische Belastung dar.

Die Braunkohlesanierung

Der Beginn der Braunkohlesanierung mit ABM zielte einerseits auf die zügige Beseitigung besonders eklatanter Umweltbelastungen und die Revitalisierung industriell-gewerblich vorgenutzter Flächen, andererseits auf möglichst große Beschäftigungswirkungen. Damit sollte der schnell um sich greifende Verlust vieler Industriearbeitsplätze zumindest teilweise und temporär ausgeglichen werden.

Aus den Schloten des Braunkohleveredlungswerkes Espenhain ziehen ätzende Staubwolken und Gasgerüche über das angrenzende Dorf Mölbis.
Aus den Schloten des Braunkohleveredlungswerkes Espenhain ziehen ätzende Staubwolken und Gasgerüche über das angrenzende Dorf Mölbis. Bildrechte: dpa

Finanzielle Grundlagen der ABM waren vor allem Lohnkostenzuschüsse der Bundesanstalt für Arbeit, Eigenmittel der Bergbauunternehmen und Sachkostenzuschüsse bzw. Darlehen aus dem Gemeinschaftswerk "Aufschwung Ost" der Bundesländer. Diese Form der Finanzierung wurde ab 1993 durch die insgesamt sieben Verwaltungsabkommen Altlastensanierung (VA) abgelöst. Das VA VI führt die bisherigen Strukturen der Braunkohlesanierung fort und sichert den finanziellen Rahmen der Braunkohlesanierung im Zeitraum von 2018 bis 2022 ab.

Erster Schritt getan – Zukunftswirtschaft soll folgen

Der Bund, die Länder und Kommunen haben in den letzten Jahrzehnten intensiv an der Sanierung und Nachnutzung der Folgelandschaften des Braunkohlebergbaus gearbeitet. Die entscheidenden Impulse zur Etablierung zukunftsfähiger wirtschaftlicher Entwicklung sollten nun aber aus der Privatwirtschaft kommen.

Die Vorstellung, durch wenige große und spektakuläre Investitionen schnelle Erfolge zu erzielen, hat sich als Illusion erwiesen. Hier sei nur auf die gescheiterte Hoffnung Leipzigs, Austragungsort olympischer Wettkämpfe zu werden, verwiesen. In der praktischen Umsetzung setzte sich zunehmend die Erkenntnis durch, die Entwicklung besser schrittweise voranzutreiben und gezielt Einzelvorhaben zu fördern.

Im Laufe der Zeit konnte so eine Reihe privater Investitionsvorhaben abgeschlossen werden. Hervorzuheben sind an dieser Stelle der Kanu-Park in Markleeberg, die beiden Marinas am Geiseltalsee und der Hafen "Kap Zwenkau".

Blick auf des Kap Zwenkau am Zwenkauer See.
Blick auf des Kap Zwenkau am Zwenkauer See Bildrechte: Günther Bigalke GmbH

Immobilien-Gesellschaften als Motor

Neben der Vielzahl klein- und mittelständischer Unternehmen der Gastronomie und weiterer Gewerbetreibender sind es vor allem Immobilien-Gesellschaften, die mit lukrativen Wohnhäusern am Wasser, Campingplätzen und Feriendomizilen zur Aufwertung der Landschaft beitragen, die sich so auch als idealer Standort für die Ansiedlung von Zukunftstechnologien empfiehlt.

Obwohl zum Gesamtumfang der bisherigen Investitionen der privaten Wirtschaft nur unzureichende Erkenntnisse vorliegen, ist von wesentlichen Impulsen für die künftige wirtschaftliche Entwicklung auszugehen. Die Schaffung und Sicherung neuer Arbeitsplätze wird in erheblichem Umfang von der Stärkung und Forcierung nicht nur dieser privatwirtschaftlichen Initiativen abhängen.

Einzigartig in Art und Dimension

Postkarte in Hand 5 min
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Mo 14.09.2020 09:46Uhr 04:59 min

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Die Sanierung und Umgestaltung dieser Regionen gilt als einzigartig in Art und Dimension. Sie ist eines der größten Umweltprojekte weltweit. Das "Leipziger Neuseenland" sowie die Gebiete um Halle (Geiseltal) und Bitterfeld (Goitzsche) sind dafür beeindruckende Beispiele, für die die Bundesrepublik bisher einen zweistelligen Milliardenbetrag zur Verfügung gestellt hat.

Das Wasser der Saale wurde 1989 in den Umweltlaboren von Greenpeace getestet. Die Wasserqualität lässt sich als Vergleich wie folgt zusammenfassen: Abwasser einer Waschmaschine, mit Schwermetallen versetzt und sauerstoffzersetzenden und toxischen Stoffen angereichert.

Verschmutze Flüsse

Die Hauptverschmutzer der Saale waren insbesondere die großen Betriebe der Chemieindustrie wie die Leuna- und Buna-Werke, die Zellstoff- und Papierfabrik Merseburg und ferner die Kombinate der Braunkohlenindustrie in Böhlen und Espenhain. Letztere leiteten ihre Abwässer zwar nicht direkt in die Saale, sondern in die Weiße Elster, doch mündet diese südlich von Halle in die Saale.

Einer der Schadstoffe machte dem Fluss besonders zu schaffen: Quecksilber. In den Sedimenten des Flusses abgelagert, gelangt es bis heute über Pflanzen und Kleinstlebewesen in die Nahrungskette und lagert sich, in angereicherter Form, in den Mägen der Fische an. Für Menschen sind die erreichten Konzentrationen unbedenklich, für Seeadler, Fischotter und andere Tiere, die sich ausschließlich von Fischen ernähren, können sie aber lebensgefährlich werden.

Dieser Schadstoff bewegte sich seit Jahren langsam flussabwärts und ist inzwischen, über die Elbe, bis zum Hamburger Hafen nachweisbar. Der ausgebaggerte Schlamm des Hafens muss als Sondermüll entsorgt werden.

Dow Chemical, Standort Böhlen
Die einzige verbliebende Chemie-Industrie in Ostdeutschland ist DOW-Chemical. Hier am Standort Böhlen. Bildrechte: Dow Chemical

Durch die drastische Verringerung der Anzahl von Betrieben der chemischen Industrie (einzige verbliebene Firma ist DOW-Chemical bzw. deren Nachfolger) und die Einstellung der Kohleproduktion, verbunden mit den hohen Umweltschutzauflagen, hat sich der Fluss, der auch für die Trinkwassergewinnung der Region eine große Rolle spielt, in den letzten Jahren soweit erholt, dass er wieder zum Baden einlädt.

Arbeitsaufträge für SEK I

Film 1

1. Sucht die Stadt Zwenkau und das dazugehörige Bundesland in euren Atlanten.

2. Recherchiert im Internet über die Besonderheiten der Tourismusregion "Neuseenland".

3. Stellt einen der Seen dieser Region in einer Präsentation für eine Touristikmesse vor.

4. Diskutiert über den Wandel der Bedeutung des "Hunt" vor der Tauchbase.


Film 2

1. Nennt die Bundesländer, durch die die Saale fließt. Beginnt an der Quelle.

2. Vergleicht mit Hilfe von Atlaskarten die Gewässergüte der Saale 1989 und 2020 und beschreibt die damit einhergehenden Veränderungen in ihrer Nutzung.

3. Erläutert die Wirkungsweise eines Klärwerkes.


Die Arbeitsaufträge für SEK I stehen als PDF-Datei zum Download bereit.

Arbeitsaufträge für SEK II

Film 1

1. Informieren Sie sich über die Bedeutung der Braunkohlenförderung und des "Chemiedreiecks" für die DDR.

2. Vergleichen Sie die Anzahl und Art der Industriebetriebe in diesen Regionen im Zeitraum 1990-2020.

3. Entwickeln Sie eine Präsentation mit dem Ziel, Unternehmen dafür zu gewinnen, im Bereich des "Neuseenlandes" Produktionsstätten zu errichten.

4. "Die Sanierungserfahrungen der mitteldeutschen Bergbaulandschaft stellen einen Exportartikel für die Zukunft dar!" Überprüfen Sie diese Aussage.

5. Führen Sie ein Pro-Contra-Gespräch über die ökologischen und sozialen Auswirkungen der Umgestaltung der ehemaligen Tagebauregionen Mitteldeutschlands.


Film 2

1. Informieren Sie sich über die Umweltbelastungen durch die Leuna-Werke vor und nach Zusammenbruch der DDR.

2. Vergleichen Sie die Aktionen der "Umweltaktivisten" von 1989 mit denen von Greenpeace zur selben Zeit.

3. Diskutieren Sie vor dem Hintergrund der Saale-Hochwasser von 2011 und 2013 die Bebauung von ufernahen Regionen in Städten.


Die Arbeitsaufträge für SEK II stehen als PDF-Datei zum Download bereit.

Erläuterungen zum Filmmaterial: Strukturwandel zu "blühenden Landschaften": Neuseenland

Die Erläuterungen zum ersten Film können Sie auch als PDF-Datei downloaden.

Der Film beginnt mit einem Interview, in dem Robert Lange, Betreiber einer Tauchbasis, die enorme Zunahme der Pflanzenvielfalt im Zwenkauer See, einem ehemaligen Tagebaurestloch, konstatiert.

In den folgenden Sequenzen werden die ausgekohlten Tagebaue und die Demontage der Fördertechnik gezeigt. Die Zukunftsansprüche Zwenkauer Bürger aus dem Jahr 1993 fasst der Leiter der Regionalen Planungsstelle Leipzig Westsachsen zusammen und benennt damit das große Dilemma der Region – der Wahl zwischen einem attraktiven Wohnumfeld oder der Arbeitsplatzsicherung in der Braunkohle.

Die LMBV (Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft), verantwortlich für die Sanierung der Bergbaugebiete, soll die riesigen Tagebaurestlöcher verfüllen. Ein sehr langwieriges Unterfangen, das mittels Flutung durch Grundwasser realisiert werden sollte. Eine effektivere Lösung fanden die Verantwortlichen mit dem Bau einer Ringleitung. Dabei wird Grubenwasser aus den wenigen noch aktiven Tagebauen in die Restlöcher geleitet. Innerhalb von zehn Jahren entstand so im Süden Leipzigs eine völlig neue Landschaft. Das sogenannte Neuseenland trug wesentlich zum tiefgreifenden Strukturwandel in dieser Region bei.

Bilder ausgewählter touristischer Highlights belegen das deutlich. Die vielgestaltigen sozialen Wandlungsprozesse werden vom ehemaligen Regierungspräsidenten von Leipzig kurz angeschnitten. Zum Abschluss der Dokumentation steht die Tauchbasis mit einem Überbleibsel aus der Bergbauzeit erneut im Mittelpunkt.

Erläuterungen zum Filmmaterial: Strukturwandel zu "blühenden Landschaften": Saale

Die Erläuterungen zum Filmmaterial stehen als PDF-Datei zum Download bereit.

Die Saale galt bereits in den späten 1970er-Jahren in der DDR als "toter Fluss". Den Grad der Verschmutzung durch die Abwässer der chemischen Industrie belegen Filmaufnahmen aus den späten 1980er-Jahren. Zwei ehemalige "Umweltaktivisten" der DDR, die 1989 öffentlich auf diesen Zustand hinweisen wollten und dazu im Sommer ein provokatives "Angeln in der Saale" inszeniert hatten, kommen anschließend zu Wort.

Den neuen Umweltgesetzen der BRD wird die danach einsetzende Erholung des Flusses zugeschrieben. Als Beleg für die Revitalisierung wird der neue Artenreichtum v.a. bei Fischen angeführt. Ausführlich beleuchtet wird die Rolle des Mitte der 1990er-Jahre nach modernsten Erkenntnissen errichteten Klärwerks in Halle-Trotha. Die Deindustrialisierung der Region als Hauptgrund für die Verbesserung der Wasserqualität wird an dieser Stelle nicht vertieft. Abschließend wird auf die "Erholung des Flusses" und dessen neue Nutzung als Naherholungsgebiet der Hallenser und ihrer Gäste verwiesen.