Städtepartnerschaften zwischen der DDR und Frankreich Freundschaft über Grenzen hinweg

Freundschaft statt Feindschaft – ab Ende der 1950er Jahre schloss die DDR Partnerschaften und freundschaftliche Kontakte mit Städten und Orten im westlichen Ausland. Und das in einer Zeit, die von Abschottung und dem Schüren von Feindbildern auf beiden Seiten geprägt war. Die DDR-Führung hatte mit diesen Partnerschaften aber etwas ganz Bestimmtes im Sinn.

von Marianne Harr

Es sind ziemlich ungleiche Freunde: Ein idyllisches Städtchen in Sachsen und ein von Hochhäusern, Industrie und Migration geprägter Vorort der französischen Metropole Lyon pflegen seit über 50 Jahren ihre Freundschaft – Oschatz und Vénissieux. Heute besteht die Städtepartnerschaft vor allem aus gegenseitigen Schüleraustauschen. Etwas, das bei ihrer Begründung 1964 undenkbar gewesen wäre, mitten im Kalten Krieg. Damals kämpfte die DDR um internationale Anerkennung, während die Bundesrepublik (mit der 1955 formulierten Hallstein-Doktrin) für sich beanspruchte, die alleinige Vertreterin des deutschen Volkes zu sein. Drittstaaten drohte sie, die Beziehungen zu beenden, sollten sie die DDR anerkennen. Um diesem Dilemma zu entkommen, bemüht sich die DDR-Führung um Städtepartnerschaften in Westeuropa.

Städtepartnerschaften als Mittel zum Zweck

"Die DDR hat den Impuls für die Partnerschaften gegeben. Es war aber keine von den Menschen selbst motivierte Annäherung wie zwischen französischen und westdeutschen Gemeinden, sondern die Partnerschaften über den Eisernen Vorhang hinweg waren vor allem politisch motiviert", erzählt Constanze Knitter. Die Doktorandin promoviert zum Thema französisch-ostdeutsche Städtepartnerschaften zwischen 1959 und 1989.

Französische Kommunisten der DDR freundlich gesonnen

Rathaus von Oschatz
Rathaus von Oschatz Bildrechte: IMAGO

"Die SED-Regierung wollte mit den Partnerschaften im westlichen Ausland für sich als das antifaschistische und friedliche Deutschland werben, sich von der Bundesrepublik abgrenzen und somit die diplomatische Anerkennung von unten erreichen", erzählt Constanze Knitter weiter. Im westlichen Ausland schloss die DDR-Führung mit Abstand die meisten Partnerschaften und freundschaftlichen Kontakte mit Frankreich. "Einerseits, weil auch Westdeutschland dort die meisten Städtepartnerschaften hatte und die DDR nachziehen wollte, und zum anderen gab es in Frankreich viele kommunistisch geprägte Regionen und Städte. Viele Bürgermeister hatten in der Résistance gekämpft und sahen in der DDR einen antifaschistischen Verbündeten." An diese Zeit erinnert sich in Oschatz auch noch Helga Klinger. Sie war damals Französisch-Lehrerin an einer Oberschule in Oschatz und dolmetschte für die Delegationen aus Vénissieux. "Dass es ein Deutschland gibt, das den Frieden liebt - ich glaube, dass war der Hintergedanke, warum die Franzosen der DDR freundlich gesonnen waren."

Über so genannte Freundschaftskomitees trat die DDR-Führung mit den französischen Kommunen und Städten in Kontakt. Wichtiger Partner dabei war die 1958 gegründete Vereinigung für deutsch-französischen Austausch (l´Association pour les échanges franco-allemands). Deren Generalsekretär war Mitglied der Kommunistischen Partei in Frankreich und hatte enge Kontakte zum Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten in Ost-Berlin.

Französische Delegationen lernen die DDR kennen

Leipzig ging beispielsweise eine Partnerschaft mit Lyon ein und Städte wie Döbeln, Grimma und Oschatz mit Lyons Vororten. Bis Mitte der 1960er-Jahre entstanden rund 150 solcher Verbindungen zwischen der DDR und Frankreich.

Die Delegationen aus Vénissieux besuchten Oschatz vier bis sechs Mal im Jahr. Ärzte, Lehrer, Politiker und Landwirte schauten sich ausgewählte Betriebe, Kindertagesstätten und Schulen an, besuchten KZ-Gedenkstätten. Die Delegationen wollten die DDR kennenlernen und sehen, wie dort der Kommunismus funktionierte. "Manchmal war das auch für mich sehr komisch", erinnert sich Helga Klinger. "Ich bin von einer LPG, wo ich 'veredeltes Landschwein' übersetzen musste, in einen Kosmetiksalon gegangen, dann wurde im Rathaus über Politik gesprochen und am Abend gefeiert und getrunken. Ich als Dolmetscherin musste immer sehr variabel sein."

Eine Partnerschaft mit politischen Konflikten

Doch bereits 1968 gab es einen ersten Einschnitt in der Geschichte der Partnerschaften – den Prager Frühling. "Dieses Ereignis zeigte, dass die SED-Führung eine andere Vorstellung vom Sozialismus hatte als die Genossen in Frankreich. Davon mussten sich viele Partnerschaften erst wieder erholen, andere wurden von französischer Seite abgebrochen", so Constanze Knitter. Einen weiteren Rückschlag erlebten die französischen Partnerstädte ab 1973, als die DDR ihr Ziel erreicht hatte – die internationale Anerkennung durch die UNO. "Die Franzosen gingen davon aus, dass nun endlich ein gegenseitiger Austausch stattfinden könnte. Es war eine große Enttäuschung für sie, als das nicht eintraf. Es herrschte großes Unverständnis auf französischer Seite."

Diese Situation erlebte auch die Dolmetscherin Helga Klinger in Oschatz: "Man hat gedacht, der Mohr hat seine Schuldigkeit getan und wollte die Partnerschaft in den einzelnen Städten wieder zurückdrängen, man wollte es kontrollieren und das geht besser auf höherer Ebene. Also zum Beispiel Leipzig – Lyon. Aber unsere Partnerstadt Vénissieux hat immer darauf gepocht, dass sie hier in die Stadt kommen kann", erinnert sich Helga Klinger.

Die Partnerschaften heute

Rund 2.200 deutsch-französische kommunale Partnerschaften existieren noch heute. 230 davon zwischen ostdeutschen und französischen Städten. Die Wende veränderte deren Ziele, die Interessen heute sind ganz andere als zu DDR-Zeiten. Aus einseitigen Delegationsbesuchen der Franzosen ist ein gegenseitiger Austausch geworden.

In Oschatz können Schüler des Thomas-Mann-Gymnasiums seit 1994 alle zwei Jahre Schüler aus Vénissieux besuchen. Die Jugendlichen wohnen dann beieinander, gehen zusammen in die Schule, lernen nicht nur eine andere Sprache, sondern auch eine andere Kultur kennen. Grenzen spielen heute keine Rolle mehr.

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV auch in "MDR Zeitreise" 22.05.2013 | 21.15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Mai 2018, 09:05 Uhr