Stalins Erbe in der DDR Ulbricht: "Entstalinisierung kommt bei uns nicht in Frage, Genossen!"

Auf dem XX. Parteitag der KPdSU rechnete Chruschtschow mit Stalin ab. Eine Entstalinisierung in der DDR erachtete Walter Ulbricht als unnötig, weil es keinen Stalinismus gegeben habe …

Wie hatte es doch noch 1953, beim Tod Josef Stalins, des "geliebten Führers" und des "bedeutendsten Menschen der Welt", geklungen: Walter Ulbricht bekannte, "um seinen Vater" zu trauern und beteuerte, ihm "stets die Treue zu halten". "Der Ruhm Stalins wird Jahrhunderte überdauern", sein Werk sei "unsterblich", prophezeite Kurt Hager, nachmaliger Chefideologe der SED. Und der Kulturminister und Staatsdichter Johannes R. Becher verfasste eine schier endlose Hymne auf den "Ewig Lebenden"…

Historische Fotomontage: Stalin aufgebahrt - Außenminister Wjatscheslaw Molotow (li., Vorsitzender Rat der Volkskommissare) und andere Politprominenz.
Historische Fotomontage: Politprominenz vor dem aufgebahrten Stalin. Bildrechte: imago/Russian Look

Keine drei Jahre später aber stieß KP-Chef Nikita Chruschtschow in einer Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU am 25. Februar 1956 seinen Vorgänger vom Sockel: Er warf ihm Machtmissbrauch, "Größenwahn" und Massenterror vor. Seine Ausführungen sorgten bei den Genossen in Ost-Berlin für größte Irritationen. Sie waren darauf auch nicht im Geringsten vorbereitet.

"Wir müssen es tun!"

"Es lebe die unbesiegbare Lehre von Marx, Engels, Lenin und Stalin" – so hieß es noch in der Grußbotschaft der SED an den XX. Parteitag der sowjetischen Genossen. Dann wurden Walter Ulbricht und Otto Grotewohl, die als Gäste des Parteitags nach Moskau eingeladen waren, von Chruschtschow in einer internen Sitzung über sein streng geheimes Vorhaben informiert, Stalin in einer Rede vor einigen ausgesuchten Genossen zu verdammen. Walter Ulbricht war strikt gegen eine Kritik an Stalin - er fürchtete negative Auswirkungen in den sozialistischen Ländern. Chruschtschow aber ließ sich nicht umstimmen, er entschied: "Wir müssen es tun!" Ulbricht fügte sich. Der erfahrene Intrigant und Vasall Stalins erkannte sofort die Brisanz, die diesem Parteitag und vor allem der Rede Chruschtschows innewohnen würde. Und er erkannte ebenso schnell, dass es auch um sein eigenes politisches Überleben gehen könnte. 

"Entstalinisierung kommt nicht in Frage!"

Wieder in Berlin, hielt Ulbricht vor hohen Parteigenossen sofort eine scharfe Rede gegen Stalin, wies seine Genossen im Übrigen aber an, dass in der SED in den kommenden Wochen und Monaten nur "über Planerfüllung und noch einmal Planerfüllung diskutiert" werden solle. Stalin dürfe keine Rolle spielen. Und wie zur Beruhigung der Genossen, fügte er am Schluss noch hinzu: "Entstalinisierung wie in Polen und Ungarn kommt bei uns nicht in Frage!"

Kein "Klassiker" mehr

Walter Ulbricht
Walter Ulbricht Bildrechte: dpa

"Keine Fehlerdiskussion, Genossen!" – das war Ulbrichts Devise, die er am 4. März 1956 im "Neuen Deutschland", dem Zentralorgan der SED, verkündete. Wie nebenbei ließ er in seinem Artikel auch noch den Satz fallen, dass Stalin fortan kein "Klassiker" mehr sei: "Als sich Stalin über die Partei stellte und den Personenkult pflegte, erwuchsen der KPdSU und dem Sowjetstaat daraus bedeutende Schäden", schrieb Ulbricht. "Zu den Klassikern des Marxismus kann man Stalin nicht rechnen." Aus dem Viergestirn – Marx, Engels, Lenin und Stalin – wurde das bis ans Ende der sozialistischen Tage gültige Dreigestirn der kommunistischen Welt. Von den Abermillionen Opfern des Stalinschen Terrors, von Stalins Pakt mit Hitler 1939 – darüber verlor Ulbricht kein Wort. Und natürlich auch nicht von den systemimmanenten Strukturen, die Stalin erst möglich gemacht hatten. Aber die hatte Chruschtschow in seiner Geheimrede schließlich auch nicht erwähnt.   

"In der DDR gab es keinen Personenkult"

Auf der 3. Parteikonferenz der SED Ende März 1956 versuchte Ulbricht, Stalin als ein eher zu vernachlässigendes Problem zu verharmlosen, obgleich der Sturz Stalins die kommunistische Welt natürlich in ihren Grundfesten erschüttert hatte. Im Verlauf der Konferenz erklärte der SED-Chef dann, dass es in der DDR zu keiner Zeit einen Personenkult gegeben habe und auch keinerlei Übergriffe des Staates auf Einzelne. Daher müsse in der DDR auch keine "Entstalinisierung" betrieben werden. Die Debatte sollte damit in der DDR beendet werden. Die Urteile der wegen so genannter "staatsfeindlicher Vergehen" Verurteilten würden jedoch, so Ulbricht weiter, überprüft werden. Und tatsächlich wurden im Verlauf des Jahres etwa 21.000 politische Gefangene aus den Zuchthäusern der Republik entlassen.