DDR-Fernsehen Manfred Vieweg: 40 Jahre im Dienst der Umschau

Er war von Anfang an dabei als die Umschau 1961 auf Sendung ging. In den 1970er- und 80erjahren sorgten die einfühlsamen Reportagen von Manfred Viehweg für Gesprächsstoff überall in der DDR. Nach der Wende gab er der Sendung auch als Moderator eine Zeit lang sein Gesicht. 40 Jahre lang blieb er der Umschau treu, länger als jeder andere.

Manfred Vieweg vor gelbem Moderationspult mit Moderationszettel und Wasserglas
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Seine Gesichtszüge werden weich, als er Ausschnitte aus einer Reportage sieht, die er selbst 1976 gemacht hat. Ein junges Ehepaar sitzt da auf einer Couch und die Frau ist den Tränen nah. Ihre Beziehung droht zu scheitern, weil sie kein Kind bekommen kann. Und er, der Reporter Manfred Vieweg, der inzwischen 72 Jahre alt geworden und längst vergessen haben könnte, wen er damals vor der Kamera hatte, fühlt noch immer mit diesen Leuten mit: "Ich habe lange bevor die Aufnahmen begannen, mit dem Paar gesprochen, ein enges Vertrauensverhältnis aufgebaut. Diese Zeit haben wir uns damals genommen."

Seine Geschichten begannen meist tragisch und nicht immer endeten sie gut. Er wollte nichts beschönigen, nichts weg lassen, wollte so nah wie möglich an den Menschen und ihren Schicksalen sein. Ob sie nun an Krebs litten, einen Herzinfarkt hatten oder auf eine fremde Niere warteten. Heute erwarten die Zuschauer selbstverständlich, dass die Kamera hautnah am Geschehen ist. Damals aber war das etwas vollkommen Neues. Deshalb hatte er es auch nicht leicht, sich mit seinen Ideen bei Vorgesetzten im "Deutschen Fernsehfunk" zu behaupten: "Die waren der Meinung, das sei unwichtig. Randthemen der Gesellschaft nannten sie es. Manches war sowieso tabu, wie der Strafvollzug etwa oder auch Umweltprobleme. Zehn Jahre lang habe ich gekämpft, bis ich endlich etwas über den damals sehr verbreiteten Alkoholismus machen konnte. Erst nach der Wende wurde das möglich." Klar, er ist auch stolz auf seine Arbeit. Journalismus ist ein Geschäft, bei dem morgen schon vergessen ist, was heute geschrieben oder gesendet wurde. Er aber hat im Rahmen der Umschau Dokumentarfilme gemacht, die man noch immer anschauen mag, weil sie ans Herz gehen.

Ein glücklicher Zufall brachte ihn zum Fernsehen. Als Sohn eines Schlossers, aufgewachsen im Lausitzer Braunkohlerevier, tat er zunächst das Naheliegende: Er wurde Maschinist für Tagebauanlagen. In seiner Freizeit spielte er Theater. Als eine Probe vom Sender Cottbus aufgenommen wurde, fiel dem Redakteur die markante Stimme des jungen Darstellers Manfred Vieweg auf. Ob er nicht beim Rundfunk ins Mikrofon sprechen wolle, wurde er gefragt: "Das hab ich gemacht und bekam prompt das Angebot, einen Journalistenlehrgang zu beginnen. An so was hatte ich vorher niemals gedacht. Aber mir gefiel es, dass ich nun in der Öffentlichkeit mit Menschen arbeiten konnte." Im November 1961 wurde er als Assistent in die Redaktion Wissenschaft in Berlin Adlershof geschickt. Die produzierte seit einigen Monaten eine Sendereihe mit dem Titel "Umschau":
"Vorher hieß die Reihe 'Was gibt's Neues in der Welt?', aber das war viel zu allgemein. Man brauchte einen kurzen Titel. Also hat man gesagt: Ja, wir wollen uns umschauen. Und dabei ist es geblieben und die Zuschauer haben den Titel angenommen und er ist zur Tradition geworden." Auch er ist geblieben, hat neben der Arbeit Lehrgänge absolviert und sich nach Feierabend im Fernstudium zum Diplom-Journalisten weitergebildet.

Seine erste Frau war Ärztin. Wenn sie von ihren Patienten erzählte, war das für ihn oft die Anregung für einen neuen Fernsehbeitrag. So wird die Medizin zu seinem Spezialgebiet. Manfred Vieweg gehörte zu denen, die immer ein Auge darauf hatten, dass die Sendung etwas Nützliches - er nennt es "Mehrwert" - für die Zuschauer bietet: "Ich habe immer überlegt, was denkt der Zuschauer? Ich bin ja selber Zuschauer wie jeder andere. Ist es für viele interessant und bringt es uns in der Lebensqualität ein Stück weiter? Wir wollten vor allem verständlich sein, haben immer versucht, die Wissenschaftler dazu zu bringen, dass sie möglichst in der gleichen Sprache sprechen wie wir."

1973 stellt ihn das DDR–Fernsehen als Redakteur ein. Bei der "Umschau" wird gerade mit "eisernem Besen" gekehrt. Zuvor war die Sendung mehrmals auf einen unbedeutenden Platz im Nachmittagsprogramm verschoben worden. Nun ist sie um 19:00 Uhr im Abendprogramm. Dafür muss sie interessanter, innovativer werden. Manfred Vieweg soll dabei mithelfen und wird vom neuen Chef der Umschau, Otto Dienelt, zum stellvertretenden Redaktionsleiter ernannt. Die "Nummer Zwei" ist für ihn genau die richtige Position: "Eine Leitungsfunktion an der Spitze wollte ich nicht übernehmen, das lag mir nicht so. Ich wollte journalistisch arbeiten, ich war immer die Arbeitsbiene."

Einen Stachel hat er nicht, er fügt sich meist in das Unvermeidliche. Wenn Kombinats-Direktoren auf Umschau–Beiträge Einfluss nehmen wollen, bleibt er höflich und versucht zu vermitteln. Wenn ein Gremium von Funktionären seine Filme beurteilt, raucht er zur Beruhigung eine Zigarette mehr als sonst: "Jeder konnte uns sagen, was wir zu tun und zu lassen haben: Fachgruppen der Ministerien wollten Manuskripte sehen. Die Agitations- und Propagandakomission erschien manchmal zu Vorführungen, auch der Parteisekretär. Was mich geärgert hat war, dass sie ihre Meinung immer durchsetzten konnten und meine Argumente nicht zählten. Journalisten waren bei der Parteiführung nicht hoch angesehen. Wir hatten keinen besonderen Status in der Gesellschaft."

Dann kommt die Wende und von einem Monat zum anderen ändert sich alles: "Wissenschaft war in dieser Zeit nicht mehr gefragt. Wir hatten nur Materialien der sozialistischen Länder, besonders der Sowjetunion und natürlich aus der DDR. Zu dem Zeitpunkt ging es darum, die Prozesse der neuen Gesellschaft kennen zu lernen. Also haben wir gesagt, wir machen ein Wirtschaftsmagazin mit grundlegenden Informationen über die soziale Marktwirtschaft. Was hatten wir zum Beispiel bisher mit Steuerrecht zu tun gehabt? Gar nichts! Begriffe wie GmbH, Aktiengesellschaft oder Holding, kannten nur einige Theoretiker, die Wirtschaft studiert hatten, aber die Masse wusste es nicht." Die Jahre 1990/91 wurden für ihn die vielleicht beste Zeit seiner Laufbahn, denn weder vorher noch nachher konnte er so frei arbeiten, wie jetzt: "Die Verantwortung für alles, was gesendet wurde, lag nicht mehr bei den Leitungsebenen, sondern bei der Redaktion, die es direkt auf den Sender schickte."

Aber es war auch eine Zeit der Angst. Der Deutsche Fernsehfunk entließ einen Mitarbeiter nach dem anderen: "Und jedes Mal ist das Damoklesschwert an mir vorbeigegangen und ich hab gedacht: 'Du bist noch dabei'." Er beteiligte sich an der Konzeption einer neuen Sendung, die im soeben gegründeten Mitteldeutschen Rundfunk angesiedelt werden sollte: "Zwei bis drei Leute von der 20-Mann– Redaktion konnten zum MDR mitgehen. Ganz schön wenig. Die anderen mussten sehen, wo sie eine Arbeit fanden. Als ich dann wusste, dass ich weiter arbeiten kann, da muss ich sagen, das war wie ein Fünfer im Lotto."

Die neue Sendung beim MDR hieß weiterhin "Umschau" und Manfred Vieweg wurde mit einem ganzen Paket unterschiedlicher Aufgaben betraut. Er war verantwortlicher Redakteur und Moderator für Talkshows, betreute Ratgeber-Sendungen wie "Ein Fall für Escher". Manches war Neuland für ihn: Modesendungen oder ein Magazin für Eisenbahnliebhaber hatte er nun mitzugestalten und natürlich die "Umschau". Der er bis zu seiner Pensionierung vor sieben Jahren treu blieb.