Interview mit Claas Danielsen "Dokumentarfilm - reiches Genre und bedrohte Spezies"

Claas Danielsen leitete von 2004 bis 2014 Europas zweitgrößtes Festival für Dokumentar- und Animationsfilm. DOK Leipzig wolle den Reichtum des Genres ebenso zeigen wie dessen Gefährdung. Neue Chancen biete das Internet, sagte er MDR.DE 2009 in einem Interview.

Seit fünf Jahren leiten Sie das Festival. Was haben Sie erreicht und wo steht das Festival heute?

DOK Leipzig ist international wieder wesentlich stärker geworden. Ich denke, man kann es zu den zehn wichtigsten internationalen Dokumentarfilmfestivals zählen. Es ist das zweitgrößte in Europa und mit Abstand das wichtigste und größte in Deutschland. In diesem Jahr zeigen wir Filme aus 69 Ländern. Das ist ein absoluter Rekord. Ein wichtiges Markenzeichen von DOK Leipzig ist die Qualität der Filme. Wir suchen gezielt nach künstlerischen Dokumentar- und Animationsfilmen mit einer klaren Autorenhandschrift. Wir zeigen Filme, die auf der großen Leinwand bestehen können, die sich unterscheiden von dem, was man im Fernsehen zu sehen bekommt.

Seit 1955 werden in Leipzig Goldene und Silberne Tauben für die besten Dok- und Animationsfilme vergeben. In Ihrer Amtszeit kamen weitere Preise hinzu.

Wir haben in den letzten fünf Jahren zwei neue Wettbewerbe geschaffen. Neben dem internationalen Animationsfilm-Wettbewerb und dem internationalen Dokumentarfilm-Wettbewerb gibt es noch einen deutschen Dokumentarfilm-Wettbewerb und einen Nachwuchs-Wettbewerb. Das Festival ist auch dadurch attraktiver für die Filmemacher geworden, dass wir die Preisgelder verdoppeln konnten. DOK Leipzig ist größer und stärker geworden, ohne zu groß zu werden. Die familiäre, freundliche Atmosphäre, die uns auch viele ausländische Besucher bescheinigen, wollen wir unbedingt erhalten, weil das eine wichtige Qualität ist.

DOK Leipzig ist mittlerweile mehr als ein Festival für Cineasten ...

Zu den Markenzeichen von DOK Leipzig gehört die Verbindung von Branchenangeboten mit dem Festivalprogramm. Einerseits bieten wir den Kinobesuchern ein attraktives Programm, andererseits ist es uns gelungen, durch unsere Branchenangebote wieder mehr Fachbesucher nach Leipzig zu holen. Und wenn die Filmemacher und die Produzenten oder auch die Vertreter von Fernsehanstalten wissen, dass sie hier in Leipzig Unterstützung bekommen bei der Verbreitung ihrer Filme im Ausland oder auch bei der Finanzierung neuer Projekte, dann ist das für sie ein Grund, herzukommen und uns auch ihre neuen Filme zu schicken. Auf diese Weise können wir die Programmqualität langfristig sichern.

Seit 50 Jahren wird im Rahmen des Festivals eine Retrospektive gezeigt, einst zusammengestellt vom Staatlichen Filmarchiv der DDR, nun vom Bundesarchiv/Filmarchiv. Diesmal steht Joris Ivens im Mittelpunkt, ein Altmeister des Genres.

Unsere Retrospektive reflektiert das Lebenswerk des großen holländischen Dokumentarfilmers. Wir zeigen Schlüsselwerke aus seinem filmischen Oeuvre, von ganz frühen und experimentellen Filmen bis hin zu seinem Alterswerk "Eine Geschichte des Windes". Zugleich, und das ist ganz besonders an unserer Retrospektive, beleuchten wir auch seine Arbeit in den 50er-Jahren in Deutschland und da vor allem in der DDR. Er hat damals eng mit der DEFA zusammengearbeitet. Viele nennen ihn einen Weltbürger, weil er überall dort mit seiner Kamera war, wo Umbrüche und spannende historische und soziale Entwicklungen stattfanden. Im Spanischen Bürgerkrieg 1936-39 hat er mit Ernest Hemingway kooperiert, schon 1932 auch mit Hanns Eisler.

Anfangs war Ivens eng verbunden mit der DDR und auch mit der Leipziger Dokfilmwoche, später aber eine Persona non grata...

Ivens war in Vietnam, er war in China und hat sich's dann mit den Kommunisten in der DDR und der Sowjetunion verdorben, weil die den maoistischen Weg des Kommunismus absolut abgelehnt haben. Doch Ivens hat sich nie vereinnahmen lassen und immer seine Integrität bewahrt. Er hat fortschrittliche Bewegungen nicht einfach nur dokumentiert, sondern seinen Filme immer auch eine poetische Dimension verliehen. Er ist wirklich einer der großen Filmemacher des 20. Jahrhunderts. Und wir freuen uns, dass seine Witwe Marceline Loridan-Ivens aus Paris nach Leipzig kommt und über ihre Zusammenarbeit mit Joris Ivens berichtet.

Zurück in die Gegenwart. Mit Michael Moores "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" lief 2009 beim Filmfestival in Venedig erstmals ein Dokumentarfilm im Wettbewerb. Erlebt das Genre gerade eine Konjunktur?

Der Dokumentarfilm hat sich in den letzten zehn Jahren sehr verändert. Er ist sehr reich geworden in seinen Erzählweisen, im Kamerastil, in der Arbeit mit dem Ton, dem Schnitt. Da hat man auch viel integriert aus Spielfilmdramaturgien, die Grenzen zum Animationsfilm, wie wir sie hier auch jedes Jahr in Leipzig beleuchten, sind fließend geworden. Es ist ein sehr, sehr spannendes Genre. Und es hat auch ein sehr viel breiteres Publikum gefunden. Deswegen sind auch Dokumentarfilme inzwischen im Kino immer wieder sehr erfolgreich. Im Fernsehen fristet der Dokumentarfilm leider ein Schattendasein. Er läuft dort zwar noch, gerade in den öffentlich-rechtlichen Sendern, aber meistens zu nachtschlafender Zeit, was uns sehr betrübt, weil damit auch verbunden ist, dass die Fernsehbeteiligung an den Budgets für diese Filme rückläufig ist. So ist der Dokumentarfilm heute ein inhaltlich und ästhetisch reiches Genre und zugleich eine bedrohte Spezies. Unser Festival will diesen Reichtum aufzeigen, aber auch den Finger in die Wunde legen.

DOK Leipzig wird auch selbst aktiv...

2008 haben wir zwei Projekte gestartet, bei denen neue Filme entstanden sind – zum einen "Mein Leben in Sicherheit" gemeinsam mit dem Kultursender 3sat, zum anderen mit der Kulturstiftung des Bundes das deutsch-tschechische Dokumentarfilmprojekt "Breathless". Da sind fünf kurze Filme entstanden - über das Phänomen "Zeit", über Atemlosigkeit und Beschleunigung. Die erleben alle ihre Welturaufführung hier in Leipzig.

Zu den veränderten Rahmenbedingungen für den Dokumentarfilm gehört auch die Existenz des Internets. Welche Möglichkeiten bietet es dem Dokumentarfilm?

Das untersuchen wir dieses Jahr in zwei Fachveranstaltungen. Einmal geht es um sogenannte Video-on-Demand-Portale, wo man sich Filme ansehen oder auch runterladen kann auf seinen Computer, zum anderen sprechen wir über alternative Finanzierungsformen. Mithilfe ihrer Homepage haben es Dokumentarfilmer schon geschafft, eine Community zu bilden, also Gleichgesinnte zu finden, und mit deren Spenden ihre Filme zu finanzieren. Gerade für Dokumentarfilmer, die ja oft ganz spezielle Themen haben und ein ganz spezielles Publikum ansprechen, ist das ein sehr interessantes Medium, das eine große Dynamik aufweist und wo viel passiert. Man muss sich vernetzen mit anderen. Das tut übrigens auch DOK Leipzig. Mit vier anderen Festivals aus Polen, Tschechien, Dänemark und der Schweiz haben wir uns zur DOC ALLIANCE zusammengeschlossen. Wir stellen hervorragende Filme auf unsere Internet-Plattform www.docalliancefilms.com und ermöglichen ihnen damit ein Leben nach dem Festival.

Claas Danielsen Geboren wurde er 1966 in Hamburg und lebt heute in Leipzig. Er studierte an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film Dokumentarfilmregie. Dort baute er ab Herbst 1997 als Assistent von Prof. Gerd Ruge einen neuen Lehrstuhl für Fernsehjournalismus auf.

Danielsen realisierte sieben Filme, die erfolgreich auf internationalen Festivals liefen. Von 1999-2004 baute er als Studienleiter in München die europäische Fortbildungsinitiative für Dokumentarfilmer "Discovery Campus" auf.

2004 wurde er zum künstlerischen Leiter und Geschäftsführer des Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm berufen. 2009 hat er seinen Vertrag für weitere drei Jahre verlängert.

Danielsen war Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG DOK) und des European Documentary Network (EDN). Er wirkt regelmäßig in Jurys internationaler Filmfestivals und in Fördergremien mit und fungiert als Berater der European Film Academy.

Die Doc Alliance 2008 haben sich fünf Dokumentarfilmfestivals in Dänemark, Deutschland, Tschechien, Polen und der Schweiz zur Doc Alliance zusammengeschlossen:

- CPH:DOX Kopenhagen,
- DOK Leipzig,
- IDFF Jihlava,
- Planete Doc Review Warschau und
- VISIONS DU REEL Nyon.

Die Doc Alliance will die Vielfalt des abendfüllenden Dokumentarfilms zu unterstützen. Bemerkenswerte Filme sollen einem breiten Publikum zugänglich werden - in Kino und Fernsehen, auf DVD, als Video on Demand.

2008präsentierten die fünf Festivals erstmals die DOC ALLIANCE SELECTION. Sie umfasst fünf erstklassige Filme, je einer von jedem Partnerfestival. Am Ende des Jahres entscheidet eine internationale Jury über den Doc Alliance Award, der 2009 im Rahmen von DOK Leipzig verliehen wird.

Außerdem unterstützen die Partnerfestivals den Kino-, Fernseh- und DVD-Vertrieb der fünf Filme auf ihren nationalen Märkten. Seit März 2009 gibt es das Online-Portal www.docalliancefilms.com als gemeinsame Plattform für Video-on-Demand-Angebote. Es ermöglicht den ständigen Zugriff auf 250 hervorragende, von den Partnerfestivals ausgewählte Dokumentarfilme.

Zuletzt aktualisiert: 27. Oktober 2009, 21:20 Uhr