Clown Hoppi steht am 08.02.1996 mit zwei Ponys vor dem Zelt des Zirkus Aeros in Berlin Prenzlauer Berg. Während der Winterferien bietet der ehemalige Staatszirkus der DDR Kindern und Eltern ein buntes Programm mit zahlreichen Tierdressuren.
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Das Problem mit der komischen Nummer "Es gibt keinen sozialistischen Clown ..."

Dressur, Akrobatik, Clownerie: das war auch in der DDR der Dreiklang der Zirkuswelt. Im Staatszirkus versuchte die SED immer wieder, das Bild eines sozialistischen Zirkus zu entwickeln. Unter besonderer Beobachtung standen in den 1980er-Jahren die Clowns, weil ihre Darbietungen Politisches transportieren konnten.

Clown Hoppi steht am 08.02.1996 mit zwei Ponys vor dem Zelt des Zirkus Aeros in Berlin Prenzlauer Berg. Während der Winterferien bietet der ehemalige Staatszirkus der DDR Kindern und Eltern ein buntes Programm mit zahlreichen Tierdressuren.
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Die alte Garde der DDR-Clowns, die zum Teil ihre Ausbildung noch in Vorkriegszeiten erhalten hatte, trat in den 70er-Jahren ab und machte Jüngeren Platz. Die Ausbildung der neuen Clown-Generation erfolgte, anders als bei normalen Artisten, nicht an der Staatlichen Artistenschule in Berlin, weil es für dieses Fach keine Ausbilder gab. Die Clowns erhielten an Schauspielschulen Unterricht in Pantomime oder Tanz und Sprecherziehung. Zum Ärger der künstlerischen Leiter und Parteisekretäre des Staatszirkus entwickelten die neuen Clowns eher die artistischen Elemente als die Möglichkeiten der Belehrung durch spaßige Darbietungen.

Sorgenkind Clownerie

So wurde der Generationswechsel zum "Sorgenkind" des Staatszirkus. Generaldirektor Gerhard Klauß, der den DDR-Staatszirkus von 1987 bis 1990 leitete, klagte im Juni '87 in der "Sächsischen Zeitung": "Wer verzieht heute noch eine Miene, wenn Torten durch die Manege fliegen oder sich zwei Clowns deftig beschimpfen und sich ohrfeigen. Es entstand ein Bruch, als vor etwa zehn Jahren eine erprobte, traditionelle Clowngeneration abtrat, ohne rechtzeitig für Berufsnachwuchs zu sorgen. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass diese Generation aus einer Gesellschaftsordnung kam, in der die Weitergabe von Erfahrungen zum eigenen Schaden führte."

Wer verzieht heute noch eine Miene, wenn Torten durch die Mange fliegen oder sich zwei Clowns deftig beschimpfen und sich ohrfeigen.

Gerhard Klauß, Generaldirektor des DDR-Staatszirkus von 1987 bis 1990 leitete, Juni 1987 in der "Sächsischen Zeitung

So wurde aus der scheinbaren "Spaßkrise" eine gesellschaftliche Frage konstruiert. Es ging wohl eher darum, dass sich Clowns dem Drängen von Parteisekretären widersetzten, ihre Nummern politisch auszurichten. Thomas Helbig vom Clownduo "Walter und Tommy" erinnert sich: "Unser künstlerischer Leiter wollte, dass Clowns ein Porträt eines Bonner Politikers tragen. Der letzte Clown, das war ein Kleinwüchsiger, sollte noch eine Ziege hinter sich herziehen. Das sollte die Bonner Bundesbimmelbahn darstellen. Da haben wir gesagt, das könnt ihr spielen mit wem ihr wollt, aber nicht mit uns."

Der Parteisekretär greift ein

Versuche der Clowns, kleine gesellschaftliche Probleme aufzugreifen, die Mühen des täglichen Lebens satirisch darzustellen, waren durchaus Teil ihres Repertoires. Aber es war manchmal ein Drahtseilakt. Weil ihre Darbietungen Politisches transportieren konnten, unterlagen sie besonderer Beobachtung durch die Partei. Die auch eingriff, wenn sie Unbotmäßiges im Programm entdeckte. Clown Tommy bekam beispielsweise Schwierigkeiten mit einer kleinen Nummer, die er in Rostock zusammen mit seinem Partner Walter spielte: "Ein Clown fliegt als Biene in alle drei Himmelsrichtungen. Da fragt der andere Clown: 'Wieso nur drei?' 'Naja, sagt der Clown, nach Norden, Osten und Süden.' 'Und nach Westen?', fragt der andere Clown. 'Na, ich bin doch noch nicht 65. Da darf ich nicht hinfliegen.' Das war so ein Wortspiel in der DDR, das hat jeder verstanden. Dann kam der Parteisekretär vom Bezirk Rostock und hat es verboten. Wir haben drüber gelacht ..."

Man wollte einen neuen Clowntypus haben, einen sozialistischen Clown. Aber das war Unsinn. Es gibt keinen sozialistischen oder kapitalistischen Clown.

Bernd Maxheimer, langjähriger Direktor des Zirkus Busch

Ein Clown neuen Typus soll her

Den Parteisekretären, auch die gab es in jedem Teil des Staatszirkus, schwebte eine andere, neue Art von Clownerie vor. Bernd Maxheimer, langjähriger Direktor des Zirkus Busch, musste sich mit solchen Versuchen auch seitens der künstlerischen Leitung, für die es einen eigenen Mitarbeiter gab, auseinandersetzen. "Man wollte einen neuen Clowntypus haben, einen sozialistischen Clown. Aber das war Unsinn. Es gibt keinen sozialistischen oder kapitalistischen Clown. Über den Clown sah man die einzige Möglichkeit seitens der Partei und der künstlerischen Leitung, etwas Sozialistisches im Chapiteau (Zirkuszelt, Anm. der Redaktion) zu präsentieren. Es sollte alles etwas Belehrendes bekommen. Man hat sich da am Moskauer Staatszirkus, an Oleg Popow, dem Starclown, orientieren wollen. Aber dessen Späße mit Friedenstaube oder Atomkraftwerk funktionierten nur bei ihm, der war exotisch. Bei uns sind solche Versuche alle gescheitert."

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Zuletzt aktualisiert: 01. Juli 2010, 13:42 Uhr