Botschaftsflüchtlinge in Prag 1989
Bildrechte: imago/Sven Simon

Botschaftsflüchtlinge: Der Zündfunke aus Prag

Die Botschaftsflüchtlinge waren nicht nur für die Friedliche Revolution in der DDR die Initialzündung, sondern auch für die Samtene Revolution in der Tschechoslowakei. Diese These vertritt Dr. Karel Vodička in seinem kürzlich erschienenen Buch "Die Prager Botschaftsflüchtlinge 1989". Wir haben mit ihm über das Verhältnis zwischen der DDR und der ČSSR im Herbst 1989 gesprochen.

Botschaftsflüchtlinge in Prag 1989
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Für Ihr Buch "Die Prager Botschaftsflüchtlinge 1989" haben Sie knapp 8.500 deutsche und tschechische Dokumente - Geheimdienstakten und die diplomatische Korrespondenz zwischen der Bundesrepublik, der DDR und der ČSSR - ausgewertet. Welche neuen Erkenntnisse haben Sie gewonnen? 

Dr. Karel Vodička
Dr. Karel Vodička Bildrechte: MDR/Birgit Friedrich

Dr. Karel Vodička: Es stellt sich heraus, dass es im Herbst 1989 Wechselwirkungen zwischen der ČSSR und der DDR in Bezug auf die politischen Entwicklungen gab und dass es zu Synergieeffekten in beiden Ländern gekommen ist. Nicht nur fielen beide kommunistischen Regime nahezu zeitgleich zusammen; ihre Schicksale waren auch eng miteinander verbunden. Die tschechoslowakischen Forderungen im Zusammenhang mit der Problematik der Zufluchtsuchenden in der Prager Botschaft der Bundesrepublik Deutschland wirkten sich maßgeblich auf die Entwicklung in der DDR aus.

Welche Forderungen hatte denn die ČSSR?

Gerade die wichtigsten Entscheidungen über das Schicksal der Botschaftsflüchtlinge traf die DDR-Führung erst infolge der massiven Forderungen der tschechoslowakischen Parteiführung. So verlangten die Prager Kommunisten am 29.9.1989 ultimativ die Ausreise der DDR-Bürger aus der Botschaft über das Territorium der DDR in die BRD.

Die Idee, die Flüchtlinge über die DDR in den Westen ausreisen zu lassen, kam also aus Prag …

Telegramm vom DDR-Außenminster in Prag, Ziebart, an SED-Politbüromitglieder (BStU Berlin. MfS, HA II, 32922, Bl. 5-7)
Telegramm des DDR-Außenminster in Prag, Helmut Ziebart, an SED-Politbüromitglieder vom 29.09.1989, 16.35 Uhr Bildrechte: BStU

Es gab ein geheimes Zusatzprotokoll zum Abkommen über den visafreien Reiseverkehr zwischen der DDR und der ČSSR. Darin verpflichteten sich beide Länder, Bürger des anderen Staates nicht in Drittstaaten oder nach West-Berlin ausreisen zu lassen. Daran hielt man sich. Deshalb wollte die tschechoslowakische Führung das Problem der Botschaftsflüchtlinge gemeinsam mit den SED-Entscheidungsträgern angehen. Man schlug der DDR vor, die Ausreisebewilligung  mit einer allgemeinen Amnestie zum 40. Jahrestag der DDR zu begründen und öffentlichkeitswirksam zu präsentieren. Wenn die DDR nichts in der Sache unternehme, würde die ČSSR eigenständig in ihrem Interesse handeln, gaben die tschechoslowakischen Genossen zu bedenken. Es war praktisch ein Ultimatum.  Honecker reagierte umgehend auf das einschlägige Blitztelegramm aus Prag. Innerhalb von 20 Minuten stimmte das SED-Politbüro den Forderungen aus Prag zu, die Botschaftsflüchtlinge ausreisen zu lassen. Damit sollte das Flüchtlingsproblem vor dem 40. Jahrestag der DDR erledigt sein. 

Die ČSSR verhielt sich also zunächst loyal gegenüber ihrem sozialistischen Nachbarn DDR?

Während des gesamten Flüchtlingsdramas war die tschechoslowakische Seite bemüht, die Verträge mit der DDR strengstens einzuhalten und verhielt sich solidarisch: Die Parteiführungen und Staatssicherheitsdienste arbeiteten in dieser Zeit eng zusammen. Aber gleichzeitig wollte man die Beziehungen zur Bundesrepublik nicht gefährden. So wurde im Gegenzug die Zulieferung von Gütern und Hilfspersonal aus der Bundesrepublik für die Botschaftsflüchtlinge nicht behindert. Aber im Spätherbst '89 wurde der Selbsterhaltungstrieb des Regimes zunehmend stärker als die Pflicht der kommunistischen Solidarität.

Eine Chronik in Bildern Die Flucht über die Prager Botschaft

Wie ging es damals zu im Sommer 1989 auf dem Gelände der Prager Botschaft, als Tausende DDR-Bürger dort campierten, und auf ihre Ausreise in den Westen hofften? Eine Chronologie der Ereignisse in Bildern.

Auf dem Gelände der bundesdeutschen Botschaft in Prag ist ein Zeltlager für DDR-Bürger aufgebaut
Mitte August: Die bundesdeutsche Botschaft in Prag wird ebenso wie die westdeutschen Botschaften in Ostberlin, Warschau und Budapest zum Zufluchtsort von ausreisewilligen DDR-Bürgern. Am 19. August 1989 leben rund 120 Flüchtlinge dort, täglich kommen 20 bis 50 weitere hinzu. Am 23. August muss der Botschafter Hermann Huber das Lobkowicz-Palais wegen Überfüllung für den Publikumsverkehr schließen. Bildrechte: dpa
Auf dem Gelände der bundesdeutschen Botschaft in Prag ist ein Zeltlager für DDR-Bürger aufgebaut
Mitte August: Die bundesdeutsche Botschaft in Prag wird ebenso wie die westdeutschen Botschaften in Ostberlin, Warschau und Budapest zum Zufluchtsort von ausreisewilligen DDR-Bürgern. Am 19. August 1989 leben rund 120 Flüchtlinge dort, täglich kommen 20 bis 50 weitere hinzu. Am 23. August muss der Botschafter Hermann Huber das Lobkowicz-Palais wegen Überfüllung für den Publikumsverkehr schließen. Bildrechte: dpa
Zelte vor der Prager Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, 1989
Im Park der Botschaft werden Zelte und sanitäre Anlagen aufgestellt. Die meiste Zeit verbringen die Flüchtlinge mit dem stundenlangen Schlangestehen vor den WC. Bildrechte: dpa
DDR-Bürger klettern 1989 über den Zaun der bundesdeutschen Botschaft in Prag.
Da die ČSSR ab dem 24. August die Kontrollen an der Grenze zu Ungarn verschärft, wird die Prager Botschaft immer mehr zum Sammelpunkt für DDR-Flüchtlinge. Zeitweise halten sich bis zu 4.000 Flüchtlinge gleichzeitig auf dem Botschaftsgelände auf. Bildrechte: dpa
Botschaftsflüchtlinge in Prag 1989
Nicht allen gelingt die Flucht in die Botschaft. Einige werden noch am Zaun zum Botschaftsgarten von der tschechischen Polizei zurückgehalten und die DDR zurückgebracht. Bildrechte: imago/Sven Simon
Geheimdokument der Prager Kommunisten vom 29.09.1989
29.09.1989: Die Situation wird immer dramatischer. Die tschechoslowakische Parteiführung fordert deshalb in diesem Telegramm vom 29.9.1989 die DDR auf, endlich aktiv eine Lösung herbeizuführen und schlägt vor: "Die DDR könne doch anlässlich des 40. Jahrestages ihrer Gründung eine Amnestie verkünden. […] Die DDR wird Busse zustellen und ihre Bürger […] über das DDR-Gebiet an die BRD-Grenze transportieren, dort entlassen." Bildrechte: Archiv des Auswärtigen Amtes Prag
Telegramm vom DDR-Außenminster in Prag, Ziebart, an SED-Politbüromitglieder (BStU Berlin. MfS, HA II, 32922, Bl. 5-7)
29.09.1989, 16:35 Uhr: Noch am selben Tag wird eine kurzfristige Politbüro-Sitzung einberufen, die über im Blitztelegramm von Helmut Zierbart, dem DDR-Außenminster in Prag, aufgelisteten Forderungen und Vorschläge der Genossen aus Prag berät. 29.09.1989, 17:20 Uhr: Die Krisensitzung des Politbüros dauert lediglich 20 Minuten. Das Politbüro stimmt einstimmig den Forderungen der tschechoslowakischen Genossen zu: "Dem Vorschlag, die in den Botschaften der BRD in Prag und Warschau befindlichen DDR-Bürger mit Zügen der Deutschen Reichsbahn von Prag bzw. Warschau über das Territorium der Deutschen Demokratischen Republik in die BRD zu transportieren, wird zugestimmt." Bildrechte: BStU
Hans Dietrich Genscher, 30. September 1989 in Prag
30.09.1989, 18.58 Uhr: Der bundesdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher ist nach Prag gereist, um den Flüchtlingen die Ausreise mitzuteilen - einer der bewegendsten Tag im Leben Genschers. Bildrechte: dpa
Ausreisewillige DDR-Bürger steigen 1989 auf dem Prager Bahnhof in einen bereitstehenden Zug.
30.09.1989, 21:00 Uhr: Doch die Ausreisegenehmigung hat einen Haken: Die DDR-Flüchtlinge werden in verriegelten Sonderzügen über das Territorium der DDR in die Bundesrepublik gebracht, was bei vielen Ausreisewilligen Angst und Sorge auslöst. Noch in derselben Nacht verlässt der erste Zug mit DDR-Flüchtlinge Prag. Bildrechte: dpa
DDR-Übersiedler lesen nach ihrer Ankunft in Hof eine Zeitung, die über die Ausreise der DDR-Bürger berichtet
1.10.1989: Ankunft in der Freiheit: DDR-Übersiedler lesen nach ihrer Ankunft in Hof eine Zeitung, die über die Ausreise der DDR-Bürger berichtet. Bildrechte: dpa
Vor der bundesdeutschen Botschaft in Prag warten  am 4. Oktober 1989 DDR-Bürger, die in die Bundesrepublik ausreisen möchten
4.10.1989: Nachdem sich am 1. Oktober die Botschaft geleert hatte, setzte eine zweite Ausreisewelle ein. Erneut fanden sich Tausende Ausreisewillige ein. Am 4. Oktober wurden über 5000 DDR-Bürger im Gelände, weitere 2000 davor gezählt. Auch sie dürfen in verriegelten Sonderzügen in die Bundesrepublik ausreisen. Am Dresdener Hauptbahnhof kommt es in der Nacht zum 5. Oktober zu einer Straßenschlacht zwischen Ordnungskräften und etwa 10.000 Demonstranten, die auf die Flüchtlingszüge aufspringen wollen. Bildrechte: dpa
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Wie kam es dazu?

Die Prager Kommunisten befürchteten eine humanitäre Katastrophe. Die prekäre Lage in der Botschaft, wo sich mehr als 5.000 Kinder, Frauen und Männer aufhielten, hätte schnell eskalieren können: Ein Selbstmord, eine Epidemie oder ein Flammenmeer mit mehreren Toten hätten im Nu eine weltweite Medienkampagne gegen die Tschechoslowakei zur Folge gehabt. Die tschechoslowakischen Genossen fürchteten – wohl zu Recht – um die Stabilität des kommunistischen Regimes im eigenen Land; eine Besorgnis, für welche die DDR-Machthaber durchaus Verständnis hatten.

Welche Wirkungen hatte das Flüchtlingsdrama auf die tschechische und slowakische Bevölkerung?

Die durch den dramatischen und hoch emotionalen Exodus der DDR-Bürger geprägte Stimmungslage in der tschechischen Bevölkerung, insbesondere bei den Pragern,  wurde zum Katalysator der "Samtenen Revolution". Die langen Reihen von verlassenen Trabis und Wartburgs in den Straßen der Hauptstadt symbolisierten unmissverständlich das Versagen des SED-Regimes. Sie waren das Zeugnis einer spontanen, mutigen Handlung der DDR-Bürger, die alles riskierten, um in die Freiheit zu gelangen. Der tschechoslowakischen Öffentlichkeit wurde vor Augen geführt, dass das Regime in der DDR unmittelbar vor dem Zusammenbruch stand bzw. nachdem sie die Bilder vom Mauerfall gesehen hatte, dass die kommunistische Diktatur in der DDR implodiert war. Ein tschechischer Journalist schrieb damals in einer Untergrundzeitung: 'Bei den Polen, bei den Ungarn – und nun sogar bei den disziplinierten Ostdeutschen - ging's schon los. Jetzt sind wir dran."

Über Dr. Karel Vodička (Jg. 1949) 1985 Flucht ins politische Exil in die Bundesrepublik Deutschland
arbeitet als Politologe am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden und als Lehrbeauftragter an der Philosophischen Fakultät der Jan-Evangelista-Purkyně Universität (UJEP) in Ústí nad Labem. Publikationen zur Geschichte und zum politischen System Tschechiens sowie zur Systemtransformation im postkommunistischen EU-Raum

Buchtipps: Karel Vodička: Die Prager Botschaftsflüchtlinge 1989, Geschichte und Dokumente
Mit einem Prolog von Hans-Dietrich Genscher sowie unter Mitarbeit von Jan Gülzau und Petr Pithart
1. Auflage 2014, 453 Seiten kartoniert, ISBN 978-3-8471-0345-5, V&R unipress

Hans-Dietrich Genscher, Karel Vodička: Zündfunke aus Prag - Wie 1989 der Mut zur Freiheit die Geschichte veränderte
ab 1. November 2014 im Handel, ISBN-13: 9783423280471, DTV Deutscher Taschenbuch

Zuletzt aktualisiert: 10. Oktober 2019, 12:15 Uhr