Aufruf zum Protest in Leipzig

Es scheint eine Ironie des Schicksals zu sein, dass ausgerechnet die von vielen Ostmusikern angebeteten "Rolling Stones" dem fröhlichen Jugendleben ein Ende setzen. Das Konzert am 15. September 1965 auf der West-Berliner Waldbühne wird zum Fiasko. Nur eine knappe halbe Stunde dauert der Auftritt. Viel zu kurz, finden die Fans und lassen ihre Wut an den Sitzbänken aus. Es folgt eine Schlacht zwischen 21.000 Jugendlichen und 350 Polizisten.

Ängstlich verfolgen die Genossen aus Ost-Berlin die Vorkommnisse auf der anderen Seite der Mauer. Der Schuldige ist schnell gefunden: Die Beatmusik. Walter Ulbricht befindet sich im Urlaub, und es scheint, als hätte Erich Honecker, der Mann im Hintergrund, nur auf diesen Moment gewartet. Auf sein Drängen hin berät das Zentralkomitees über "Fragen der Jugendarbeit und das Auftreten des Rowdytums". Das Verhalten der Beatfans wird kriminalisiert und der Minister des Inneren beauftragt, die erforderlichen Maßnahmen einzuleiten, damit "Gammler in Arbeitslager eingewiesen werden" können. Die "staatlichen Finanzorgane" sollen nach Steuerhinterziehung bei den Gruppen fahnden, mit dem Ziel, den Musikern die Lizenz zu entziehen.

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Flugblatt mit einem Protestaufruf an Beatfreunde
Das Flugblatt, das zur Demo am 31. Oktober 1965 aufrief. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dankbar greifen die Genossen in Leipzig die Empfehlung auf und verbieten sofort 44 Amateurbands, darunter die beliebten "Butlers". "Das war natürlich eine Zäsur", sagt der Musiker Klaus Renft. "Und das war ein Signal an die Jugend. Ende Oktober 1965 tauchten in Leipzig dann Flugblätter auf: 'BEATFREUNDE! WIR TREFFEN UNS AM 31.OKTOBER AUF DEM LEUSCHNERPLATZ ZUR DEMONSTRATION!'" Über 100 Volkspolizisten sind nach dem Auftauchen der Flugblätter im Einsatz, um der Verfasser habhaft zu werden. Polizisten in Zivil observieren die Stadt. Jeder Jugendliche, den sie bei einer öffentlichen Äußerung über das Beatverbot ertappen, wird zum Revier gebracht.