Die Leipziger Beatdemo

In den Vormittagsstunden des 31. Oktober 1965 treffen sich etwa 1.000 Beatfreunde auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz. Unter den Demonstranten sind die Musiker der "Butlers" und der Schriftsteller Erich Loest: "Da waren keine Spruchbänder und da waren keine Losungen, und da waren keine Rädelsführer, und die Jungs standen da ein bisschen, und ich bin überzeugt, nach einer Weile wären die still nach Hause gegangen." Klaus Renft erinnert sich so: "Plötzlich kam ein Polizeiauto mit vier Lautsprechern: 'Bürger, das ist eine illegale Ansammlung, bitte verlassen sie sofort die Straße!' Da haben wir uns auf den Bürgersteig gestellt. Da standen wir dann da wie die Heringe. Und es passierte wieder nichts." Was dann folgt, beschreibt Erich Loest in seinem Roman "Es geht seinen Gang":

Eine Minute später wurde uns ein seltenes Schauspiel geboten. Die Macht rollte über den Leuschnerplatz: vorn ein Jeep mit Polizeioffizieren, dahinter zwei Lastwagen mit aufgesessenen Bereitschaftspolizisten, im Zentrum ein Paradestück - ein Wagen, wie ein Elefant, das Fahrerhäuschen mit Sehschlitzen, wie ein Panzer, obendrauf eine Kuppel mit gedrungenem Rohr - ein Wasserwerfer.

Erich Loest Es geht seinen Gang

Der Wasserwerfer treibt die Jugendlichen auseinander. Sie flüchten in die Gassen der Leipziger Innenstadt, verfolgt von Polizisten mit Hunden und Gummiknüppeln. 264 Personen werden – wie es in der Polizeisprache heißt – zugeführt. In einem sofort eingeleiteten Strafverfahren werden 107 Jugendliche zu einem "mehrwöchigen beaufsichtigten Arbeitseinsatz als notwendige Erziehungsmaßnahme" in den Braunkohlentagebau Regis-Breitingen gebracht. Die Herkunft der Flugblätter ist bereits nach einer Woche geklärt worden. Am 7. November 1965 wird gegen zwei Brüder, Schüler einer Markkleeberger Oberschule, Haftbefehl erlassen.