Engel im Sozialismus Weihnachten ohne Christkind: Wie die DDR religiöse Symbole verbannte

Wenn es um Weihnachten in der DDR geht, ist gerne von der "geflügelten Jahresendfigur" die Rede. Obwohl der Begriff wahrscheinlich nur Legende ist - er bringt die verkorksten Sprachregelungen der DDR auf den Punkt. Denn in der atheistischen DDR sollte nichts an den christlichen Glauben erinnern.

Weihnachtsengel
Bildrechte: MDR/Conrad Weigert

1971 soll es gewesen sein, in einem Katalog der DDR-Werbeagentur DEWAG, der die "Waren täglichen Bedarfs" anpries. Da soll es gestanden haben, das Wort: "geflügelte Jahresendfigur" – einen Weihnachtsengel meinend, der aber nicht Engel heißen durfte in einem Land, das sich auf den dialektischen Materialismus berief und dessen "Obere" einen atheistischen Groll gegen alles Christliche pflegten. In der Nachwendezeit wurde die "Jahresendfigur" oft zitiert, nun als Beleg für die Unbeholfenheit des SED-Staates, die Sprachregelungen, selbst bis in den privaten Bereich des Weihnachtsfestes hinein, vorschrieb. Ein Schenkelklopfer, der nun beiden Seiten zur Belustigung diente – den ehemaligen DDR-Bürgern, die sich über die "Oberen" erheiterten, den Bundesbürgern, die sich über den "Ossi" an sich amüsierten.

Dabei ist – zumindest nach den Recherchen des Rochlitzer Museologen Franz Schmidt – die "geflügelte Jahresendfigur" eine Legende, nicht nachweisbar in Quellen. Nachweisbar ist, dass der Autor des Satire-Blattes "Eulenspiegel", Ernst Röhl, den Begriff verwendete, nachweisbar ist auch, dass Kabaretts in der ganzen Republik den Begriff parodierten, und der Volksmund mit seiner Neigung zum Witz sowieso. Einfach genial und abstrus – und damit zugleich wahrscheinlich und pointiert – bringt die "Jahresendfigur" die oftmals verkorksten Sprachregelungen der DDR auf den Punkt.

Der Engel - die Frau des Bergmanns

Tatsächlich hat es auch andere Versuche gegeben, den christlichen Gehalt der Weihnacht zu verdecken, zu überlagern. Das lässt sich festmachen an einer Geschichte aus dem Erzgebirge – traditionelle Region der Volkskunst, Heimat der Nussknacker, der geschnitzten Krippenspiele, Schwippbögen und Engelsfiguren. Letztere wurden regelmäßig zur Adventszeit im Museum Dippoldiswalde ausgestellt, in wunderbaren Exemplaren aus mehreren Jahrhunderten. Als Museumschef Günter Gross 1978 für die Besucher seines Museums einen Weihnachtsbastelbogen mit Engeln drucken lassen wollte, machte ihm die Druckgenehmigungsbehörde Vorwürfe: Wie könne er es wagen, als Direktor eines staatlichen Museums christliche Symbole zu verkaufen.

Eröffnung Leipziger Weihnachtsmarkt Weihnachtsrummel in Leipzig zu DDR-Zeiten

Der Leipziger Weihnachtsmarkt ist eröffnet. Damals glich er ein wenig einem Rummelplatz. Neben Weihnachtsbäckerei gab es auch Schieß- und Losbuden. Sehen Sie hier Aufnahmen des Fotografen Mahmoud Dabdoub.

Pyramidenverkauf auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt in 1980er-Jahren
Der traditionsreiche Leipziger Weihnachtsmarkt ist eröffnet. Auch zu DDR-Zeiten gab es ihn schon. Und auch die Pyramiden an den Verkaufsständen. Die Ware trifft aber offenbar nicht jedermanns Geschmack. Oder stößt sich die Frau mit der weißen Mütze am Preis? Bildrechte: Mahmoud Dabdoub
Pyramidenverkauf auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt in 1980er-Jahren
Der traditionsreiche Leipziger Weihnachtsmarkt ist eröffnet. Auch zu DDR-Zeiten gab es ihn schon. Und auch die Pyramiden an den Verkaufsständen. Die Ware trifft aber offenbar nicht jedermanns Geschmack. Oder stößt sich die Frau mit der weißen Mütze am Preis? Bildrechte: Mahmoud Dabdoub
Kinder fahren Karrussel in den 80-er Jahren auf dem leipziger Weihnachtsmarkt.
Damals wie heute durfte ein Karussell auf dem Weihnachtsmarkt nicht fehlen. Bildrechte: Mahmoud Dabdoub
Eine Frau an der Schießbude.
Schießbuden sucht man heute auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt dagegen vergebens. Bildrechte: MDR/Dabdoub
Menschen beim Büchsenwerfen auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt in 1980er-Jahren
Bei wem purzeln alle Büchsen? Als Preise winken abfotografierte Poster aus Westzeitungen. Bildrechte: Mahmoud Dabdoub
Kind und Mann auf einem Karussell auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt in 1980er-Jahren
Schaustellerfamilien zogen auch in der DDR von Jahrmarkt zu Jahrmarkt. Die Saison begann Ostern und endete im Dezember mit dem Weihnachtsmarkt. Bildrechte: Mahmoud Dabdoub
Kleiner Junge sitzt auf dem Schoß des Weihnachtsmann in den 80-er Jahren auf dem Leipziger Weihnachtsmann
Kaum zu glauben: Schon damals gab es ein mobiles Fotostudio auf dem Marktplatz. Drei Buntfotos vom Sprössling mit dem Weihnachtsmann kosteten 7 Mark. Bildrechte: Mahmoud Dabdoub
Frau verkauft in einer Imbissbude "Türkischen Honig" in den 80-er Jahren auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt"
Exotisches zum Fest: Türkischen Honig, bekannt auch als weißer Nougat, gab es in der Kaufhalle nicht. Bildrechte: Mahmoud Dabdoub
Alte Frau vor Losbude mit vielen Plüschtieren in den 80-er Jahren in Leipzig
"Kommt Leute, kommt", scheint die Frau zu rufen. Preise gibt es in der Losbude genug. Bildrechte: Mahmoud Dabdoub
Familie in der 80er-Jahren mit Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt
Die Einen halten sich mit Glühwein von innen warm ... Bildrechte: Mahmoud Dabdoub
Männer und Frauen mit Weihnachtsgeschenken in den 80-er Jahren auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt
... die Anderen setzen eher auf Wärme von außen und kaufen einen Ölradiator für die Altbauwohnung. Bildrechte: Mahmoud Dabdoub
Leipziger Markt vor dem Alten Rathaus mit Weihnachtslichtern geschmückt in den 80-er Jahren in Leipzig.
Im November 2014 gewinnt Leipzig einen internationalen Preis für ein Lichtkonzept im öffentlichen Raum. Erste Ansätze gab es in den 80ern schon: Lichterketten und Lichtornamente schmückten in der Adventszeit den Leipziger Markt vor dem Alten Rathaus. (Über dieses Thema berichtete der MDR im Radio 26.11.2019 | 17:30 Uhr) Bildrechte: Mahmoud Dabdoub
Alle (11) Bilder anzeigen

Gross reagierte gewieft: Die Figuren trügen nicht mal einen Heiligenschein, und im Übrigen symbolisierten die Engel gewissermaßen die Frau des Bergmanns, und niemand könne wollen, dass dieser tüchtige Bergmann ohne Frau sei. Verdattert gaben die Funktionäre schließlich die Druckgenehmigung für "weihnachtliche Bastelbögen."

Christliche Symbole in der DDR unerwünscht

Auch Adventskalender durften in der DDR Anfang der Siebziger offiziell nicht so heißen. Auf Rechnungen und Bestellungen erschien stattdessen der Begriff "vorweihnachtliche Kalender". Christliche Motive durften bis 1973 darauf gar nicht gedruckt werden. Dann erhielt erstmals ein kleiner Verlag in der Lausitz die Erlaubnis, das Christkind und die Heiligen Drei Könige darzustellen. Es gab aber auch sozialistische Varianten, wie etwa einen Adventskalender, auf dem Junge Pioniere mit Haltstuch und Käppi zu sehen waren. Verbreitete Motive waren außerdem Weihnachtsmärkte oder Winterszenen mit Kindern oder in der Natur. Durchgesetzt haben sich diese weltlichen Adventskalender allerdings nicht.

Weihnachten mit "U-Boot-Christen"

Für den Wittenberger Theologen und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer steht fest: Das Weihnachtsfest hat sich in der DDR als Familienfest durchgesetzt, die geflügelte Jahresendpuppe sei in der Alltagswirklichkeit kaum vorgekommen. Den Menschen sei die Weihnachtsgans wichtiger gewesen als die Weihnachtsbotschaft und die entscheidende Frage war "Wird es Südfrüchte geben?". Pfarrer konnten sich Weihnachten über volle Kirchen freuen – oder ärgern. Denn die meisten Kirchgänger in der Heiligen Nacht waren sogenannte U-Boot-Christen – das ganze Jahr auf Tauchfahrt, nur einmal im Jahr sichtbar auf offener See.

DDR wird von der Frohen Botschaft heimgeholt

Der Atheismus der DDR hinterließ tiefe Spuren. Anfang der 1950er-Jahre hatte es sogar Versuche gegeben, das Friedensfest Weihnachten propagandistisch umzudeuten. Die FDJ-Zeitung "Junge Welt" etwa schrieb: "Der Friede liegt nicht als Geschenk unter dem Christbaum, er will erkämpft und errungen sein."

Am letzten Montag vor Weihnachten 1989 demonstrierten 100.000 Leipziger, viele mit Kerzen in der Hand. Sie bildeten einen "Adventskranz aus brennenden Herzen." Und als vom Turm der Nikolaikirche "Oh, Du fröhliche ..." trompetet wurde, da brandete Beifall auf.

Nach 1989: Von der Besinnung zum Konsum

Besinnlichkeit, Hausmusik und Weihnachtslieder spielten zu DDR-Zeiten wahrscheinlich sogar eine größere Rolle als heute. Friedrich Schorlemmer zumindest beklagt die Ökonomisierung der Weihnacht, kaum einer kenne noch drei Weihnachtslieder, das sei ein ganz tiefer Traditionsabbruch. Der "Konsumismus", so steht aus dieser Perspektive zu befürchten, schadet dem Gehalt der Weihnacht unter Umständen mehr, als es der marxistische Atheismus tat.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 2 | 02. Dezember 2017 | 14:00 Uhr