Stephan Krawczyk mit Bandonion 2004 beim tff Rudolstadt
Bildrechte: MDR/Wolfgang Leyn

Stephan Krawczyk: Über Stasiknast und Ausbürgerung

Liedermacher, Sprachkünstler und Gesicht der Oppositionsbewegung. Am 2. Februar 1988 wurde Stephan Krawczyk aus der DDR ausgebürgert. Hier erzählt er seine Geschichte.

Stephan Krawczyk mit Bandonion 2004 beim tff Rudolstadt
Bildrechte: MDR/Wolfgang Leyn

Alles begann mit der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration 1988 und dem Plan einer Demo in der Demo. Wieso haben Sie eigentlich daran teilgenommen?

Die Idee ging von der "Arbeitsgruppe Staatsbürgerschaftsrecht" aus. Das war ein Zusammenschluss von Ausreisewilligen, die damit auf ihre Situation aufmerksam machen wollten. Ich selbst hatte nicht vor, auszureisen. An der Demo wollte ich teilnehmen, um gegen mein Berufsverbot zu demonstrieren. Ich durfte ja als Sänger seit drei Jahren nur noch halbillegal in Kirchen auftreten. Ich hatte mir ein Transparent gemacht mit der Aufschrift "Gegen Berufsverbot in der DDR". Die Segmente der Stativstangen hatte ich mir in die Ärmel meiner Jacke gesteckt und das Transparent unter meinen Pullover. Das wollte ich dann auf der Demo schnell zusammenbauen und hochhalten. Ich war so unglaublich naiv. An der Ecke Oderberger Straße / Kastanienallee, nicht weit von meiner Wohnung entfernt, standen sie schon in Zivil. Einer der Stasitypen fragte mich gleich, ob ich Stephan Krawczyk sei. Das konnte ich schlecht leugnen. Zwei Minuten später saß ich auf dem Rücksitz eines Wartburgs und war auf dem Weg ins Gefängnis.

Hatten Sie Angst?

In dem Moment noch gar nicht. Ich kam ins Gefängnis Rummelsburg in eine Sammelzelle. Da waren schon viele andere drin, die sie auf der Demo verhaftet hatten. Wir haben dann alle zusammen angefangen, mein Lied vom "Polizeistaat" zu singen. Der Refrain ging: "Frag doch mal'n Polizist, was 'n Polizeistaat ist, und zur Antwort kriegst du dann, alle scheißen alle an, alle scheißen alle an." Da war Stimmung in der Zelle. Die Polizisten haben gedroht, aber wir haben das bis zum Ende gesungen. Am Abend habe ich erfahren, dass ich ins Stasi-Gefängnis nach Hohenschönhausen komme. Bevor ich in den Transporter verfrachtet wurde, hat mir ein Aufseher fast das Handgelenk gebrochen. Da war ich nur noch ein Bündel Angst.

Am 02. Februar haben Sie Ihrer Ausreise in die BRD zugestimmt. Wieso sind Sie nicht im Osten geblieben, um weiter für Veränderungen zu kämpfen?

Ich hatte die Wahl zwischen zwölf Jahren Gefängnis und Ausreise. Im Gefängnis gibt es für einen Sänger nichts zu kämpfen. Ich wusste nichts von den Protesten, die es gegen meine Gefangennahme gab. Briefe von draußen habe ich nicht erhalten. Die habe ich erst später in den Akten gefunden. Mein Fenster nach draußen war mein Anwalt Wolfgang Schnur. Der hat mir geraten, in die Bundesrepublik zu gehen. Nach der Wende hat sich herausgestellt, dass Schnur von der Stasi beauftragt war, mich zur Ausreise zu bewegen. Vielleicht hätte ich das Gefängnis ja sogar in Kauf genommen, aber dann kamen Briefe von meiner damaligen Frau, Freya Klier. Die hatten sie ja auch eingesperrt. Sie war im selben Gefängnis, eine Etage über mir. Und in ihren Briefen stand, dass sie die Haft nicht aushält. Da war mir Liebe wichtiger als Politik.

Und dann haben Sie Ihre Ausreise unterschieben?

Ja. Danach ging alles sehr schnell. Nachts habe ich unterschrieben und am nächsten Morgen schon ging der Stasi-Bus gen Grenzübergang Herleshausen. Freya war mit dabei und noch ein Bürgerrechtler aus der Umweltbibliothek, Bert Schlegel, mit seiner Freundin. An der Grenze sind wir dann umgestiegen in einen VW-Transporter der Evangelischen Kirche. Ein Pfarrer aus dem Berliner Stephanus-Stift saß am Steuer. Er hat uns rübergefahren. Untergekommen sind wir erstmal bei dessen Bruder in Bethel bei Bielefeld.

Wie war das denn, plötzlich im Westen anzukommen?

Es war unwirklich. Aus dem Gefängnis direkt in den Westen. Das habe ich nicht so schnell verdauen können. In Bethel wartete schon ein ganzer Pulk von Journalisten. Irgendein Tankwart muss denen wohl den Tipp gegeben haben. Später kam auch noch Wolf Biermann zusammen mit einem Reporter vom "Stern". Die wollten alle eine Exklusivstory mit uns. Wir haben für den nächsten Tag eine Pressekonferenz angekündigt und sind abends zum Griechen essen gegangen. Als Vorspeise gab es eingelegte Weinblätter. Ich war erstaunt, dass man so etwas zu den essbaren Dingen zählt, der Geschmack war beißend, die Konsistenz breiig. Doch kaum hatte ich eins gegessen, habe ich schon zum nächsten Weinblatt gegriffen. Meine Neugier auf Fremdes war ungeheuer: Dieses andere Land, diese Weinblätter, ein Leben ohne Stasi. Noch Monate später habe ich beim Autofahren manchmal im Rückspiegel kontrolliert, ob die Staatssicherheit hinter mir her ist. Meine Seele hat lange gebraucht, um im Westen anzukommen.

Wie ging es denn dann für Sie weiter?

Die ersten Monate waren wie im Rausch. Ich wurde von Nachrichtensendung zu Nachrichtensendung weitergereicht: "Heute", "Tagesthemen", ich war "Spiegel"-Titel. Ein Leben wie im Glaskasten. Mit den wirklichen Problemen, mit dem Alltag bin ich erst später in Berührung gekommen. Ich habe eine Promotour gemacht, ständig Interviews gegeben, Geld verdient. Das war eine kuriose Zeit. Aber irgendwann kamen dann andere Leute in die Schlagzeilen. Meine Bedeutung schrumpfte glücklicherweise auf Normalmaß.

Haben Sie denn vom Westen aus für Veränderungen in der DDR weitergekämpft?

Soweit das möglich war. Allerdings haben sich auch einige Bürgerrechtsgruppen von mir distanziert. Denen hätte es besser gefallen, wenn ich im Gefängnis geblieben wäre. Dann hätten sie mich als Märtyrer benutzen können. Ich habe aber ehrlich gesagt nicht mehr damit gerechnet, noch mal in die DDR reisen zu können, und mich der Gesellschaft zugewendet, in der ich nun lebte. Neue Lieder sind entstanden, in denen es um Westprobleme ging, Konsum, Sattheit, Überfluss... Im Herbst 1988 habe ich dann eine Initiative gegen FCKW-Produktion gestartet. An das Ende der DDR hat damals noch niemand gedacht.

Zuletzt aktualisiert: 04. Januar 2016, 18:07 Uhr