Tintenfische gegen Makrelen

Tintenfische auf Eis
Tintenfische wurden gegen Makrelen eingetauscht Bildrechte: colourbox

In den 1980er-Jahren aber kam schleichend der Niedergang der stolzen Seefahrernation. Zuerst bemerkten das die Hochseefischer – die Meere waren schlicht leergefischt und die Erträge halbierten sich im Vergleich zu den 1970er-Jahren. Die einst so lukrative Hochseefischerei drohte zur Subventionsfalle zu werden. Verzweifelt suchte man nach Auswegen. "Fangt Tintenfische" hieß nun beispielsweise eine Order der Partei.

Tintenfische gab es vor Afrikas Küsten nämlich im Überfluss. Und der Umstand, dass in der DDR niemand Tintenfische essen wollte, fiel nicht weiter ins Gewicht, da die Meerestiere gegen Heringe und Makrelen in Skandinavien "getauscht" werden konnten. Später fischte die Hochseeflotte der DDR dann auch Tintenfische im Auftrag anderer Länder, die nicht so viele Schiffe besaßen. Aber rentabel waren diese Geschäfte keineswegs. Die Fischereiflotte musste jedes Jahr mit Millionen subventioniert werden.

Die Handelsflotte kommt in die Jahre

Doch auch die mächtige Handelsflotte hatte im letzten Jahrzehnt der DDR heftige Probleme. An vielen Schiffen nagte der Zahn der Zeit und sie galten mittlerweile als ineffektiv – sie verbrauchten viel zu viel Treibstoff, die Motoren fielen häufig aus und Ersatzteile waren Mangelware. Nur mit viel Improvisationsvermögen und Kreativität konnten die Besatzungen ihre Kähne überhaupt in Betrieb halten. "Obwohl laufend von der Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen gesprochen wurde, gab es deutliche Anzeichen des Niedergangs", erinnert sich ein Matrose der Handelsflotte. "Rationalisierungen und der Neuerwerb von Schiffen war in weite Ferne gerückt. Die Kähne wurden auf Verschleiß gefahren."

Verschrottung der DDR-Seeflotte

Am 3. Oktober 1990 wurde auf allen Schiffen die DDR-Flagge eingeholt und die der Bundesrepublik aufgezogen. Es war das Ende der ostdeutschen Seefahrtgeschichte. Bleiben sollte von ihr fast nichts: Bis auf wenige Ausnahmen wurden die Schiffe der Fischerei- und Hochseeflotte der einstigen DDR in den kommenden Jahren verkauft oder verschrottet, die Mehrzahl der Seeleute ging in die Arbeitslosigkeit. So verloren von den etwa 4.000 Hochseefischern mehr als 3.600 ihren Job. Ein alter Fahrensmann, der Matrose Klaus Oschlies, beschrieb jene Jahre so: "Noch nie zuvor hatte es das gegeben, dass eine so bedeutende Flotte in nur zwei Jahren samt Seeleuten 'versenkt' wurde. So was war nur bei großen Seeschlachten passiert."

(Quelle: Andreas Biskupek, Olaf Jacobs: "DDR ahoi! Kleines Land auf großer Fahrt"; Mitteldeutscher Verlag Halle, 2010)

(Zuerst veröffentlicht am 25.05.2010)


Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: MDR ZEITREISE Spezial: DDR ahoi - Seefahrt im Osten | 06.01.2019 | 22:00 Uhr