Gemischter Chor Junger Pioniere - DDR 1962
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Die Nationalhymne der DDR "Auferstanden aus Ruinen"

14. Dezember 2020, 11:29 Uhr

Die neu gegründete DDR brauchte 1949 schnell eine eigene Nationalhymne. In nicht einmal einem Monat schrieben Johannes R. Becher und Hanns Eisler die Hymne "Auferstanden aus Ruinen". Am 5. November 1949 wurde das Lied vom Ministerrat der DDR zur Nationalhymne erklärt.

Genau einen Monat nach Gründung der DDR, am 7. November 1949, gab es wieder Grund zu feiern: den 32. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution. Während der Feierstunde in der Staatsoper stand die erste offizielle Aufführung der neuen Nationalhymne der DDR auf dem Programm.

Johannes R. Becher schreibt die 1. Fassung

Die Hymne war nur wenig jünger als die Republik. Am 10. Oktober 1949, drei Tage nach Staatsgründung, übermittelte Präsident Wilhelm Pieck an den späteren Kulturminister Johannes R. Becher den Auftrag für drei Verse auf den neuen Staat. Die inhaltlichen Punkte lieferte Pieck gleich mit: Es seien Demokratie, Kultur, Arbeit, Wohlstand, Völkerfreundschaft, Frieden und die Einheit Deutschlands miteinander zu verbinden. Bereits zwei Tage darauf konnte der im Hymnenschreiben geübte Becher die erste Fassung der Hymne zur Vertonung an die Komponisten Ottmar Gerster und Hanns Eisler schicken. Ende des Monats waren zwei Hymnen mit dem nunmehr endgültigen Text fertig. Die Entscheidung zwischen beiden Fassungen fiel am 5. November 1949. Im Haus des Staatspräsidenten wurden die Versionen von Eisler und Gerster durch Sänger der Staatsoper vorgestellt. Das Zentralkomitee entschied sich für die volksliedhafte und einprägsame Variante Eislers.

Eine Hymne ohne Kampfgeist

Die neue Hymne stellte ganz bewusst den Bruch mit dem alten Deutschland dar, eine Kontinuität hatten Eisler und Becher trotzdem eingebaut: Der neue Text ließ sich auch auf die Melodie des Deutschlandliedes singen. Das Fehlen jedes kämpferischen Elementes hatte zunächst einige Enttäuschung ausgelöst. Becher antwortete den Einwänden nicht öffentlich, in sein Tagebuch notierte er 1950: "Eine Revolution haben sie niemals geschafft, die Deutschen, aber eine revolutionäre Hymne wollen sie haben."

1. Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt,
Lass uns dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland.
Alte Not gilt es zu zwingen und wir zwingen sie vereint,
denn es muss uns doch gelingen,
dass die Sonne schön wie nie
|: Über Deutschland scheint. :|

2. Glück und Frieden sei beschieden
Deutschland, unserm Vaterland.
Alle Welt sehnt sich nach Frieden,
reicht den Völkern eure Hand.
Wenn wir brüderlich uns einen,
schlagen wird des Volkes Feind!
Lasst das Licht des Friedens scheinen,
dass nie eine Mutter mehr
|: Ihren Sohn beweint. :|

3. Lasst uns pflügen, lasst uns bauen,
Lernt und schafft wie nie zuvor und der eignen Kraft vertrauend, steigt ein frei Geschlecht empor.
Deutsche Jugend, bestes Streben unsres Volks in dir vereint,
wirst du Deutschland neues Leben,
Und die Sonne schön wie nie
|: Über Deutschland scheint. :|

Eine Hymne ohne Text

Der Text der Hymne fiel der Begriffsreinigung Anfang der 70er-Jahre zum Opfer. Die Worte "deutsch" und "Deutschland" wurden weitestgehend aus dem offiziellen Wortschatz entfernt. Ohne formellen Beschluss wurde nun der Text der Nationalhymne, in dem die DDR mit keinem Wort erwähnt war, allmählich "vergessen". Auf offiziellen Anlässen war die Hymne immer seltener mit Text zu hören, in den Musikbüchern waren fortan nur noch die Noten abgedruckt.

Letzte Ehre bei den Montagsdemonstrationen

Während der Demonstrationen im Herbst 1989 erlangte eine Textzeile der Nationalhymne neue Popularität. "Deutschland, einig Vaterland" schrieben die Demonstranten auf ihre Plakate oder sangen die Worte ironisch zu der Melodie von Eisler. Tatsächlich kam die fast vergessene Nationalhymne in den Monaten zwischen der letzten Volkskammerwahl und der Wiedervereinigung noch einmal zu Ehren und wurde jeden Abend im Radio gespielt. Zum letzten Mal am 2. Oktober 1990. Gleich anschließend erklang die dritte Strophe des "Liedes der Deutschen" von Hoffmann von Fallersleben. Der Wunsch nach einer neuen Hymne für das wiedervereinigte Deutschland, der damals oft erhoben wurde, war unerfüllt geblieben.

Urheberrechts-Klage

Die neue Nationalhymne wies aber nicht nur Ähnlichkeit mit dem Deutschlandlied auf, sondern glich in den ersten zehn Tönen genau dem Schlager "Good Bye, Johnny" aus dem Hans-Albers-Film "Wasser für Canitoga". Schlagerkomponist Peter Kreuder klagte durch alle Instanzen, doch selbst die Urheberrechtskommission der UNO wies seine Plagiats-Vorwürfe ab. 1976, der Text der Nationalhymne wurde längst nicht mehr gesungen, kam es bei einer Tournee Kreuders durch die DDR zu einem Missverständnis: Das Orchester stimmte die Anfangstakte von "Good Bye, Johnny" an - und das Publikum erhob sich feierlich von den Plätzen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Oktober 2018 | 17:00 Uhr