Winterspiele DDR: Olympia-Siege durch ausgefeilte Technik

Eisschnelllauf, Rennrodeln, Bobsport – das waren Paradedisziplinen der DDR. Seit den 1970er-Jahren gehörten die ostdeutschen Wintersportler zu den erfolgreichsten Wettkämpfern der Welt. Zwar war die DDR nicht mit schneesicheren Hochgebirgen ausgestattet, dafür aber mit Spitzentechnik: Bei der Sportgeräte-Entwicklung war die DDR häufig ganz vorn dabei.

Olympische Winterspiele1988 - Zweierbob - Bob DDR I mit Wolfgang Hoppe und Bogdan Musiol
Olympische Winterspiele 1988, Zweier-Bob DDR I mit Wolfgang Hoppe und Bogdan Musiol Bildrechte: dpa

Von 1972 bis 1988 gehörten die ostdeutschen Wintersportler zu den erfolgreichsten Wettkämpfern der Welt. Rang 2 in der Nationenwertung bei Olympischen Spielen schienen sie abonniert zu haben. 1984 in Sarajevo belegte die Mannschaft der DDR sogar Platz 1.

Der Wintersport wurde von Anfang an gezielt von der Politik gefördert, neben populären Sportarten wie Leichtathletik, Fußball und Radsport. Die Sportversessenheit der DDR-Führung lässt sich mit einem Zitat von Hans Modrow, dem ehemaligen Vorsitzenden des DDR-Ministerrats, auf den Punkt bringen: "Walter Ulbricht war ein Mann, der dem Sport zunächst persönlich verbunden war. Und der auch begriff: Ohne Sport wird der Staat die Jugend nicht erreichen und für den Sozialismus gewinnen".

Weltklasse aus Mittelgebirgen

Historische Aufnahme Wintersportort Oberhof von 1976
Wintersportort Oberhof - ein Zentrum des Leistungssports Bildrechte: dpa

Und das, obwohl das Territorium der DDR nicht mit schneesicheren Hochgebirgen ausgestattet war. Aber die Wintersportorte der Mittelgebirge entwickelten sich zu Zentren des Leistungssports – Oberhof, Klingenthal und Altenberg sind nur drei der Orte, aus denen immer wieder Talente ihren Weg bis zur Weltspitze gingen. Neben der frühzeitigen und gezielten Sportförderung, der Nutzung sportwissenschaftlich-medizinischer Erkenntnisse bis hin zu ihrer Pervertierung im Doping, war es vor allem auch die Entwicklung hochmoderner Sportgeräte, die zu einem erheblichen Teil zu den vielen Siegen der ostdeutschen Sportler beitrugen.

FES baut noch heute Olympia-Bob-Flotte

Meinhard Nehmer und Bernhard Germeshausen 2 min
Bildrechte: imago/Sven Simon

1962 wurde die "Entwicklungsabteilung für Sportgeräte der Forschungsstelle der DHfK (Deutsche Hochschule für Körperkultur und Sport)" in Leipzig ins Leben gerufen. Ziel der Einrichtung war es, durch Materialverbesserung ostdeutschen Sportlern Weltklasseleistungen zu ermöglichen. Mehr als 180 Forscher und Techniker tüftelten fortan an den Erfolgsgeheimnissen. Und damit nicht genug. Zwei weitere Institute wurden gegründet. Das "Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS)" in Leipzig widmete sich hingegen der Optimierung des Trainings und des Wettkampfes durch Trainingswissenschaft, Diagnostik und Medizin.

Das Berliner "Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten", kurz FES, entwickelte hochmoderne Trainings- und Wettkampfgeräte. Schnell gehörte das FES zu den wichtigsten Medaillenschmieden überhaupt. Was die Ingenieure, Biomechaniker, Physiker, Messtechniker, Kunststoff- und Metallspezialisten auf ihrem Hinterhofgelände in Berlin-Oberschöneweide ausklügelten, löste in den von ihnen betreuten Sportarten eine regelrechte Revolution aus. Noch immer entwickelt das Institut die Modelle der Zukunft. So wurde im FES in Berlin die Olympia-Bob-Flotte für Peking 2022 gebaut. Und schon heute tüfteln die Ingenieure an der neuen Generation von Kanu-Booten für Olympia 2024.

Die Techniker Uwe Lange (l.) und Dietmar Hensel bauen am 28.02.2004 im Berliner Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) am Prototyp des Viererbos für die Olympischen Winterspiele 2006 in Turin
Techniker des FES im Einsatz, Berliner Institut für Forschung und Entwicklung Bildrechte: dpa

Staatsgeheimnis Sportgerät

Egal ob Berlin, Leipzig oder in der Bobschmiede in Dresden: Die Trainings- und Materialforschung gehörte zu den am besten gehüteten Geheimnissen des Staates. Die Areale in Berlin und Dresden wurden bewacht wie militärische Objekte. Zu groß war die Sorge, dass sich die Gegner im Wettrüsten um die neuesten Sportinnovationen etwas abschauen könnten. Wissenschaftler und Angestellte unterlagen absoluter Geheimhaltung, Notizbücher wurden nummeriert, sämtliche Türen nach Arbeitsende verplombt. In verschlossenen und zusätzlich gesicherten Hallen inmitten des Hochsicherheitsgeländes der Dresdner Flugzeugwerft experimentierten lediglich handverlesene regierungstreue Wissenschaftler an dem Sportgerät der Deutschen Demokratischen Republik – dem Bob.

Erfolge durch Aerodynamik

Einen ersten sensationellen neuen Bob lieferten die Ingenieure aus Dresden 1976. Bei der Olympiade in Innsbruck gelang dem DDR-Vierer die Schussfahrt zur Goldmedaille, und das durch einen simplen, aber wirkungsvollen Trick. Um die Aerodynamik des Bobs zu verbessern, waren die Seiten verkleidet worden. Das hat es auch schon vorher gegeben, aber die steife Verkleidung behinderte die Athleten beim Sprung in den Schlitten nach dem Anschieben. Der neue DDR-Bob von 1976 hatte eine flexible Seitenverkleidung aus Gewebe. Beim Start wurde er niedergehalten, um dann, wenn alle Bob-Sportler im Gefährt saßen, hochzuschnellen und windschnittig die Bahn hinunter zu donnern.

Unter der Abkürzung "WSG" (Wintersportgeräte) gab es in den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren sogar Experimente mit gefederten Kufen. Man probte im Windkanal, forschte Maschinenbaubetrieben und fertigte im "Multicar"-Werk Waltershausen. Und das Ergebnis konnte sich sehen lassen: "Das gefederte System hatte gravierende Eigenheiten", erinnert sich Bob-Sportler Wolfgang Hoppe. "Aber wir DDR-Sportler hatten viel Zeit, uns darauf einzustellen."

Hier das siegreiche Team vom Bob DDR I (l-r): Wolfgang Hoppe, Andreas Kirchner, Dietmar Schauerhammer und Roland Wetzig. 9 min
Bildrechte: dpa

Gefederter Bob

Sechs bis acht Fahrten pro Trainingseinheit absolvierten Hoppe und seine Mannschaftskollegen auf der Eisbahn in Oberhof – der Armeesportverein lieferte die technische und finanzielle Unterstützung. Die neuartige Dämpfung der gefederten Bobs reduzierte die Eiszertrümmerung in der Bahn – und damit den Reibungswiderstand. Allerdings setzte das eine sehr geschickte Fahrweise voraus: Der Fahrer musste es wagen, in die Steilwand hinein zu fahren. Das Ergebnis dieser riskanten Manöver waren erhöhte Geschwindigkeit und für das Naturtalent Wolfgang Hoppe Siege über Siege – etwa 1984 zwei olympische Goldmedaillen in Sarajevo.

Vom Staatsgeheimnis zum Markenartikel

Darüber hinaus entwickelten die FES-Ingenieure eine ganz neue Form für Rennschlitten. Die Sportler rasten seither in einer Art Wanne ins Tal, die so an den Körper angepasst war, dass der Luftwiderstand möglichst gering ausfiel. Beliefert wurden mit diesem Gerät selbstverständlich nur Sportler der DDR – und die Kosten waren immens: jährlich acht Millionen Mark der DDR kostete der Spaß. Hinzu kamen noch 200.000 Westmark, mit denen das Institut die nur im Westen erhältlichen Werkstoffe – wie etwa Kohlefasern – einkaufte.

Mit dem Ende der DDR änderte sich die Situation schlagartig. Jahrelang waren die DDR-Sportler von der Konkurrenz aus dem westlichen Ausland um ihr ausgefeiltes Sportgerät beneidet worden. Jetzt standen die Werkshallen der einst streng geheimen Flugzeugwerft in Dresden allen Sportlern der Welt offen, die sich einen Bob in der Preisklasse eines Mittelklassewagens leisten konnten. Und so zählten zeitweise 36 der 42 Nationen, die im internationalen Bobsport vertreten waren, zur Kundschaft der sächsischen Ingenieure.

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