Staatssicherheit Konspirative Objekte der Stasi: "Man hat das heimlich gemacht"

Rund 1.500 Objekte des Ministeriums für Staatssicherheit gab es in der DDR. Es waren Dienststellen in der Zentrale in Berlin, in den Kreisen und Bezirken, aber auch konspirative Wohnungen und geheime Objekte. Eines dieser Objekte war das Eisenacher Haus in der Rhön. Im Januar 1990 wurde dieses Haus von der Bevölkerung zurückerobert.

"Man wusste das eben von klein auf, dass man da eben nichts zu suchen hat", erzählt Tino Hencl. Er ist in Oberweid in der Rhön aufgewachsen und heute Bürgermeister des 500-Seelen-Ortes. Und er kennt das Eisenacher Haus seit seiner Kindheit. Auf 800 Meter Höhe gelegen am sogenannten Ellenbogen, war es ein Objekt der Staatssicherheit. Trotzdem hat er als Kind gerne mal Beobachtungen angestellt, wie er es heute nennt. "Man hat das Ganze eben heimlich gemacht oder vielleicht als Mutprobe hat man mal versteckt ein Foto gemacht mit der Kamera und ist dann eben weitergegangen."

Nahe der Grenze zum Westen

Das sogenannte Eisenacher Haus in der thüringischen Rhön wurde 1928 erbaut. Es war bis in den Zweiten Weltkrieg hinein ein beliebtes Ausflugsziel mit einer Gaststätte. Nach dem Krieg diente es zunächst als Erholungsheim für die DDR-Zollverwaltung. Doch seine unmittelbare Nähe zum Westen – das Eisenacher Haus liegt nur 1.500 Meter von Hessen entfernt – sorgte dafür, dass es schon Ende der 1950er-Jahre verwaiste.

1968 entdeckte die Staatssicherheit das Areal für sich als idealen Standpunkt für die Funkaufklärung in den Westen. Es gab bereits einen Horchposten der Staatssicherheit in den Rhön: den Stützpunkt "Kristall" lag jedoch mit 1.000 Meter Entfernung zu nah an der Grenze. Deshalb wurde das 500 Meter weiter zurückgelegene Eisenacher Haus zum neuen Horchposten mit riesigen Antennentürmen ausgebaut. Der neue Stützpunkt "Blitz" wurde offiziell als Erholungsheim der NVA-Grenze deklariert.

"Die Amerikaner waren da auch sehr interessiert."

Wie Unterlagen belegen, glaubte die Staatssicherheit, dass dieser Stützpunkt erst 1983 vom Westen enttarnt wurde. Doch Erwin Ritter, damaliger Bundesgrenzschützer auf westlicher Seite, sagt, dass schon sehr frühzeitig Fotos vom Areal rund um das Eisenacher Haus angefertigt wurden. "Wir haben versucht, die Antennen zu identifizieren: Was für eine Art Antennen sind es, welche Systeme. Die Amerikaner waren da auch sehr interessiert. Die kamen auch mit entsprechender Technik, um dann wirklich gute Aufnahmen von dem Objekt zu fertigen. Die Antennenanlagen wurden dann durch Luftaufnahmen dokumentiert."

1990: alle Antennentürme abgerissen

Am 12. Januar 1990 stand dann die Bevölkerung der umliegenden Orte vor dem Tor zum Eisenacher Haus, dem Horchposten "Blitz". Der heutige Bürgermeister von Oberweid war damals 14 Jahre alt. "Die Leute haben lautstark gefordert, man möge hier Zutritt gewähren. Und man möge aufklären, Informationen geben, wofür dieses ganze Objekt von Nutzen ist", erinnert sich Tino Hencl. "Irgendwann hat sich das Tor geöffnet. Und die Menschen sind hier in dieses ganze Areal hineingelaufen." Im September 1990, also noch vor der Wiedervereinigung, wurden alle Antennentürme des einstigen Horchpostens abgerissen. Die Menschen in der Rhön wollten offenbar mit dem Kapitel der Staatssicherheit abschließen. Tino Hencl findet das heute etwas schade. "Es ist ja auch ein Stück Zeitgeschichte verloren gegangen. Also man hätte schon einen Turm erhalten können." Das Eisenacher Haus am 813 Meter hohen sogenannten Ellenbogen ist heute wieder eine Touristenattraktion mit einem Berghotel.

Objekt "Waldhaus": Ein Ort mit viel Leid

Ein anderes der 1.500 konspirativen Objekte der Stasi war in Gosen bei Berlin. Dort, wo 1988 noch die neue Schule der Hauptverwaltung Aufklärung, also der Spionageabteilung des MfS eröffnet wurde, ist heute ein Wohnpark. "Die Nachfrage ist sehr groß", sagt Iris Meder, Vorstand bei der Paasche AG. Das Potsdamer Immobilienunternehmen hatte das Gelände mit sechs Häusern und drei Bunkern 2007 erworben.

Kurz vor der Wende: Große Eröffnung der Spionageschule

Im Juli 1988 wurde hier noch die Spionageschule der Staatssicherheit feierlich eröffnet. Anwesend war viel Prominenz der HVA des MfS, selbst der langjährige Chef Markus Wolf ließ sich dieses Ereignis nicht entgehen. Im April 1990 im Zuge der Auflösung der Staatssicherheit wurde das Areal der Berliner Humboldt-Universität übertragen. Doch deren Pläne für ein Tagungszentrum scheiterten. So dauerte es bis 2007, damit das ehemalige Gelände der HVA-Schule aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Im gleichen Jahr noch wurde das erste Haus durch das Potsdamer Immobilienunternehmen saniert. Heute sind fünf der sechs Häuser mit jeweils rund 40 Mietwohnungen bewohnt.

Ein Grundstück im Wald bei Grabow

Auch Dietmar Sörgel hatte vor rund 25 Jahren ein Grundstück der Staatssicherheit in Grabow bei Ludwigslust gekauft. "Als ich das erste Mal dieses Grundstück besichtigt habe – es war schon dunkel – und als erstes im Torbereich der Scheinwerfer anging, war ich mir nicht ganz sicher, ob nicht doch irgendwelche Leute von der Staatssicherheit hier noch wohnen. Und ich war darauf bedacht, möglichst schnell erst mal wieder wegzukommen." Gekauft hat er es erst nach der zweiten Besichtung - am Tage.

Das sogenannte Objekt "Waldhaus" hatte die KD Ludwigslust des Ministeriums für Staatssicherheit 1966 von dem DDR-Bürger Ernst N. für 14.500 Mark gekauft. Ernst N. hatte auf dem Grundstück im Wald bereits ein Haus gebaut, wollte dort einen Zuchtbetrieb führen. Doch diese Pläne des Mannes mit NS-Vergangenheit zerschlugen sich aufgrund einer Erkrankung. Eine willkommene Gelegenheit für die Staatssicherheit, die nach einem konspirativen Ort für Treffen mit Informellen Mitarbeitern suchte. Ernst N. verkaufte und durfte dann in den Westen ausreisen.

Lothar Gillwald: Ein besonders düsteres Kapitel

Doch im neuen Objekt "Waldhaus" bei Grabow trafen sich nicht nur hauptamtliche Mitarbeiter mit ihren informellen Mitarbeitern. Hierher wurde 1977 auch ein ehemaliger DDR-Bürger aus Schwerin entführt: Lothar Gillwald. Er war in den 1960er Jahren in den Westen geflüchtet und wurde dort Polizist. Nach dem Besuchsabkommen 1971 zwischen der DDR und der Bundesrepublik durfte er wieder seine Eltern und Verwandten in Schwerin besuchen. Bei seinem zehnten Besuch wurde er entführt und sollte im Waldhaus Grabow als IM im Westen gewonnen werden. Doch er weigerte sich, woraufhin ihm nun Spionage vorgeworfen wurde. Das Militärgericht in Berlin verurteilte ihn zu 12 Jahren Haft, obwohl die Staatssicherheit in einer Notiz selbst feststellte: "Spionage nicht nachgewiesen". Nach acht Jahren kaufte ihn die Bundesrepublik frei.

"Ich bin mir also durchaus bewusst, dass der eine Fall mit Sicherheit nicht der einzige sein wird, der in diesem Hause auch Leid gebracht hat", sagt Dietmar Sörgel, der heutige Besitzer des Areals. Er hat auf dem Gelände und den dazugehörigen Wäldern inzwischen viele weitere kleine Gebäude errichtet und ist dort forstwirtschaftlich aktiv.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 14. Januar 2020 | 20:15 Uhr