Interview mit Steffen Jindra "Ein widersprüchlicher Mensch"

Thälmanns Leben und Wirken unvoreingenommen zu betrachten, das war das Ziel von Steffen Jindra. 1969 in Görlitz geboren wuchs er auf mit dem Bild vom unfehlbaren Arbeiterführer und heldenmütigen Kämpfer gegen den Faschismus. Im Interview erzählt er, wie er sich für das Drehbuch zum Film der DDR-Ikone genähert hat und dabei den Menschen neu entdeckte.

Ernst Thälmann wuchs in Hamburg auf, als Berufs-Politiker pendelte er dann zwischen Berlin und Moskau. Was hat seine Biografie mit Mitteldeutschland zu tun?

Sein letztes Lebensjahr verbrachte er im Zuchthaus Bautzen und in Buchenwald wurde er sehr wahrscheinlich umgebracht. Aber es ist vielmehr das Nachleben Thälmanns, die Legende, die zu DDR-Zeiten gestrickt wurde, die ihn für uns interessant machte. Da gab es die Thälmann-Pioniere mit dem roten Halstuch, das Lied vom "Kleinen Trompeter", das jedes Schulkind lernte. Kein Ort ohne Ernst-Thälmann-Schule, -Straße oder -Denkmal. Ich denke, in Mitteldeutschland können die Leute mit dem Namen Thälmann schon deswegen immer noch etwas anfangen.

Wie würden Sie denn das offizielle Thälmann-Bild in der DDR beschreiben?

Er war das große Vorbild, der heldenmütige, unfehlbare Arbeiterführer, der Kämpfer gegen den Faschismus, der ja auch tatsächlich noch im Nazi-Kerker aufrecht blieb. Über den Menschen sollte man gar nicht so viel erfahren. Er wurde präsentiert als ein fast überirdisches Vorbild, das vielen irgendwann nur noch auf die Nerven ging. Und so wurde aus Ernst Thälmann für die meisten eine Hülle ohne Inhalt.

1969 in Görlitz geboren waren sie selbst Thälmann-Pionier. Mit was für einem Thälmann-Bild im Kopf sind Sie in das Projekt gestartet?

Mir ist vor allem eingehämmert worden, die DDR sei die Erfüllung von Thälmanns Vermächtnis, von seinem Traum eines Arbeiterparadieses. Das ging zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Da blieb eigentlich nur der Name hängen. Sich ein neues Bild von ihm zu machen, war gar nicht einfach, auch weil es keine aktuelle Biografie gibt. Ob ich wollte oder nicht, ich musste auch die DDR-Biografie von 1979 lesen. Aber darin wird natürlich Vieles verschwiegen.

Wenn es kaum aktuelle Forschungsergebnisse gibt, wie haben Sie sich Thälmann dann neu genähert?

Natürlich gibt es aktuelle Forschungsergebnisse, aber verstreut in Einzelveröffentlichungen. Ihn privat zu ergründen, das war vielleicht das Schwerste, aber aus den Quellen liest man schon Einiges heraus. Wir waren unter anderem im Bundesarchiv in Berlin und in Moskau im Filmarchiv. Dort habe ich auch einen 90 Jahre alten Zeitzeugen interviewt, der Thälmann noch persönlich kennengelernt hat.

Was haben Sie über den Menschen und Politiker Thälmann erfahren?

Thälmann war ein widersprüchlicher Mensch, der durchaus liebenswerte Züge hatte. Er war ein Kämpfer, der Nägel mit Köpfen machte und die Massen begeistern konnte. Auf der anderen Seite war er vielen Dingen intellektuell nicht gewachsen. Er geriet in Abhängigkeiten zu anderen und erkannte manchmal auch größte Gefahren nicht. Ein Opfer Hitlers ist er auch geworden, weil er diesen Mann einfach unterschätzt hat.

Mitte der 20er-Jahre stieg Ernst Thälmann mit Stalins Hilfe zum KPD-Chef auf, seine einstige Kampfgefährtin Ruth Fischer servierte er bald darauf als "ultralinke Abweichlerin" ab. War Thälmann also letztlich ein skrupelloser, machthungriger Aufsteiger wie viele andere auch?

Ja und nein. Er hatte wirklich den Traum von einer besseren, gerechteren Welt ohne Ausbeutung. Er hat das ja am eigenen Leib erfahren, als Hafenarbeiter, beim Kohlenschippen und als Fuhrwerkskutscher. Er kannte die "ganz unten" und wusste, wie es denen geht. Lenin war sein großes Vorbild, er wollte ein Arbeiterparadies schaffen, das war ehrlich gemeint. Aber je höher er innerhalb der KPD aufstieg, desto mehr hat sich die Machtkalkulation hinzugesellt. Und er hat eiskalt Leute um sich herum abserviert, die ihm nicht mehr in den Kram passten.

Die "Geschichte Mitteldeutschlands" schreibt sich auf die Fahnen, nicht einfach Biografien neu zu verfilmen, sondern Neues ans Licht zu bringen. Gibt es neue Erkenntnisse zu Thälmanns Leben?

Das Neue an unserem Thälmann-Porträt ist, dass wir ihn als Menschen zeigen, auch privat: Seine politischen Ideen, aber auch sein Gefühlsleben. Denn
Thälmann war nicht immer der große Held, sondern ein Mensch, auch voller Ängste, Furcht, der sich manchmal versteckt hat, tagelang, und für niemanden zu sprechen war. Das ist für mich die größte Entdeckung. Und so bekommen die Leute die Chance, ihn noch mal neu kennenzulernen, so wie er vielleicht wirklich war, wenn man das überhaupt sagen kann. Wir haben die Hülle, die 1989 von ihm übrig war, wieder mit Inhalt gefüllt.

Sich mit DDR-Ikonen zu befassen, sei es in Film, Fernsehen oder Wissenschaft, war in den vergangenen Jahren ziemlich out, oder?

Ja, das ist schon so. Direkt nach der Wende waren die Leute hier dieser Themen und dieser Namen überdrüssig, da wollte erstmal keiner mehr etwas hören von Liebknecht, Luxemburg und Thälmann. Aber vielleicht ist jetzt die Zeit reif, dass die Heroen der untergegangenen kommunistischen Welt, die in ihrer Zeit auch eine bedeutende Rolle gespielt haben, wiederentdeckt werden. Über Rosa Luxemburg wird wieder gearbeitet und auch über Thälmann. So schreibt zum Beispiel der Fachberater unseres Films, der britische Historiker Norman LaPorte, an einer neuen Thälmann-Biographie, die 2011 erscheinen soll.

Der Kleine Trompeter Das Lied, das jeder DDR-Schüler lernte, geht auf ein historisches Ereignis zurück:

Im Februar 1925 stirbt Reichspräsident Friedrich Ebert. Ernst Thälmann wird Präsidentschaftskandidat der KPD. Gleich zum Auftakt des Wahlkampfs kommt es zum Eklat, ausgerechnet im Hallenser Volkspark, wo Thälmann fünf Jahre zuvor seinen politischen Durchbruch geschafft hatte. Noch bevor er mit seiner Wahlrede vor den etwa 2.000 Anwesenden beginnen kann, schießt ein durchgedrehter Oberleutnant der Polizei in die Menge.

Bei der folgenden Massenpanik sterben zehn Menschen, darunter auch der Hornist Fritz Weineck, um den sich später in der DDR die Legende vom "Kleinen Trompeter" ranken wird.

Stichwort: Wittorf-Affäre - Thälmanns Fall und Wiederaufstieg Der KPD-Funktionär und Thälmann-Freund John Wittorf unterschlug während des Wahlkampfes 1928 Gelder aus der Wahlkampfkasse. Aus der kleinen Mauschelei wurde ein großer Skandal, der zur Absetzung Thälmanns als Parteichef führte.

Die wiederum passte nicht in die Pläne Stalins, der sich bereits 1925 für eine Stärkung von Thälmanns Position gesorgt hatte, um mit seiner Hilfe den "ultralinken" KPD-Kurs Ruth Fischers und Arkadi Maslows zu bekämpfen. Stalin brauchte Thälmann weiterhin als Verbündeten, um gegen rechte und linke Abweichler vom "Moskauer Kurs" vorzugehen.

Der Kurs bestand auch darin, die Sozialdemokraten zum Hauptfeind der Kommunisten zu erklären, weil sie im November 1918 die Arbeiterklasse verraten hätten.

Schon zehn Tage nach der Absetzung war Thälmann nach Intervention Stalins wieder Parteichef.

Thälmann privat Als KPD-Chef und frisch gewählter Reichstagsabgeordneter hat Thälmann ab Mitte der 20er-Jahre viel in Berlin zu tun. Quartier nimmt er in Charlottenburg beim Ehepaar Hans und Martha Kluczynski, beide waren Kommunisten. Das Verhältnis zwischen Martha und Ernst war bald mehr als eins zwischen Mieter und Vermieterin. Seine Frau Rosa weiß davon. Sie beklagt sich nicht und steht in den Jahren der Haft treu an seiner Seite und stärkt ihm bei den Besuchen den Rücken. Über sie hält Thälmann auch in der Haft den Kontakt mit der Partei. 1939 bittet sie in der sowjetischen Botschaft um Stalins Fürsprache für Thälmann. Am Ende landet sie mit ihrer Tochter 1944 im KZ Ravensbrück.

Thälmanns Ende Kurz nach dem Reichstagsbrand in der Nacht zum 28. Februar 1933, den Hitler, den Kommunisten in die Schuhe schiebt, und nur zwei Tage vor den Reichstagswahlen wird Ernst Thälmann am 3. März 1933 in seiner Berliner Wohnung verhaftet.

Er hat Hitler unterschätzt und sich nicht in Sicherheit gebracht.

Thälmann bleibt in den elf Jahren der Haft - erst in Berlin, dann in Hannover und ab 1943 in Bautzen - standhaft.

Nach Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes (Hitler-Stalin-Pakt) 1939 hatte er noch einmal auf die Fürsprache seines alten Verbündeten in Moskau gehofft. Doch Stalin ignoriert sein Schicksal.

Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 greift Hitler erbarmungslos durch. Am 14. August 1944 weist er gegenüber Heinrich Himmler die Exekution Thälmanns an.

Offizielle Nachrichten über dessen Verbleib gibt es danach nicht mehr.

Die Spuren führen aber ins KZ Buchenwald. Nach dem Krieg sagt ein ehemaliger polnischer KZ-Häftling aus, dass er von der Erschießung Ernst Thälmanns in der Nacht zum 18. August 1944 gehört habe.