Ferropolis: Wie die Stadt aus Eisen entstand und ums Überleben kämpft

Die riesigen Braunkohle-Bagger von Ferropolis sehen aus wie Dinos aus anderen Zeiten: Sie abreißen, verschrotten, Spuren verwischen oder damit einen Neunfang wagen, das war die Frage nach dem Ende der Braunkohle im Osten. Dank einiger Enthusiasten und der Menschen vor Ort nahm in dem ehemaligen Tagebau bei Gräfenhainichen eine Vision seit 1995 Gestalt an: Ferropolis als Themenpark, Industriedenkmal und Veranstaltungsareal. Festivals wie das Melt oder Splash locken jährlich Tausende Besucher an.

Mehrere Tagebaugroߟgeräte stehen in der Baggerstadt Ferropolis bei Gräfenhainichen (Sachsen-Anhalt)
Blick auf die Baggerstadt Ferropolis bei Gräfenhainichen. Bildrechte: dpa

Ferropolis – die Stadt aus Eisen: Das sind fünf stählerne Giganten auf einer Halbinsel im ehemaligen Tagebau Golpa-Nord. 2022 werden nun endlich wieder Festivals wie das Melt, Splash oder Full Furce mit mehreren Zehntausend Besuchern veranstaltet. Außerdem gibt es eine Reihe anderer Veranstaltungen wie ein Camper- und Motoradtreffen oder Flohmärkte. Mittlerweile kann auch der Absetzer "Medusa" barrierefrei besucht werden.

Coronatief 2020

Besucher des Melt! Festival im Ferropolis , Gräfenhainichen.
Melt! Festivals 2016. Bildrechte: imago/STAR-MEDIA

Normalerweise finden hier bei Gräfenhainichen im Sommer Megaevents wie das Melt!-Festival mit bis zu 30.000 Besuchern statt. Anfang Juli 2020 gab Geschäftsführer Thies Schröder bekannt, das Veranstaltungsgelände sei akut von Insolvenz bedroht. Ferropolis fehlten rund 400.000 Euro Umsatz. Insbesondere seien die laufenden Kosten vor allem zum Erhalt der Industriedenkmäler ein Problem. Noch kurz vor der Pandemie seien rund 350.000 Euro in die "Stadt aus Eisen" investiert worden. Denn an den Tagebau-Großgeräten wie der "Medusa" nagt der Rost ...

Ruinen vor Natur

1995 wurde die "Stadt aus Eisen" gegründet, mitten im Bitterfelder Braunkohlerevier auf dem Gelände der ehemaligen Grube Golpa-Nord. Ein Veranstaltungsort sollte Ferropolis werden, der Besucher, Geld und Zukunft in die Region lockt, aber auch die Lebensgeschichten der Bergarbeiter und Bergarbeiterinnen bewahrt. Thies Schröder, Landschaftsplaner und Zeitschriftenverleger, stieß damals durch einen Zeitungsartikel auf das Projekt und war fasziniert. Die Dimension der Technik und der Maschinen beeindruckte ihn. Ein bisschen fühlte er sich wie in einem romantischen Gemälde, "wo Ruine und Natur und Landschaft eine besondere Kraft entfalten".

Ferropolis sei nach dem Ende der DDR und dem Tagebau-Aus gewissermaßen aus der Krise entstanden, erinnert Schröder. Er kämpft nun mit seinem Team dafür, dass die "Stadt aus Eisen" auch die Pandemie überdauert; nicht nur als Kulisse für Konzerte, sondern als Monument einer Ära.

"Ich bin Bergmann, wer ist mehr?" 

Jahrzehntelang war der Tagebau Golpa-Nord ein Ort entfesselter Industriekräfte und Umweltsünden, aber auch sicherer Arbeitsplätze und großartiger Leistungen von Arbeitern und Arbeiterinnen oder Ingenieuren. So wie Horst Richter verbrachten viele von ihnen meist ihr ganzes Erwerbsleben in der Kohle.

Mit 14 Jahren begann Richter als Schlosser-Lehrling, mit Ende 20 wurde er der erste Leiter von Golpa-Nord. Ab 1964 sollten dort täglich 10.000 Tonnen Rohbraunkohle den Tagebau verlassen. In der DDR hing die ganze Wirtschaft am "Schwarzen Gold". Golpa-Nord musste die Kraftwerke Vockerode und Zschornewitz versorgen. Ausfälle durfte es nicht geben, wie Richter erklärt, die Kraftwerke hatten nur geringe Vorräte in ihren Bunkern. Etwa drei Jahrzehnte, so hatte man errechnet, sollten die Vorräte aus dem Tagebau reichen. Doch der war, wie Baggerfahrer Roland Hermann berichtet, kein einfaches Terrain: Die großen Findlinge, Tonschichten und Sand in den Kohleflözen erlaubten oft nur vorsichtiges Arbeiten. Das aber bei jedem Wetter, in drei Schichten, Tag und Nacht.

Das eigene Dorf wegbaggern

Der Job war hart, aber angesehen und gut bezahlt: "Ich bin Bergmann, wer ist mehr?", hieß es damals. Als Gratifikation diente auch der Grubenschnaps. Der war im Tausch für Mangelware wie eine harte Währung, erzählt Hermann, der 1981 sein eigenes Elternhaus im nahen Gremmin mit wegbaggern musste. 250 Dörfer wurden zu DDR-Zeiten der Kohle geopfert, auf die das Land seit der weltweiten Energiekrise der 1970er-Jahre immer mehr setzte. Proteste gab es kaum, verdienten doch viele in der Region so ihr Brot. Rund 800 Menschen arbeiteten direkt in Golpa-Nord.

"Den könnte ich noch im Schlaf baggern"

Ferropolis - Die Stadt aus Eisen
Monika Miertsch, Baggerfahrerin Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit der großen Zentralwerkstatt im benachbarten Gräfenhainichen, den Kraftwerken und den anderen Tagebauen im Revier war der Bedarf an Arbeitskräften enorm und nicht zu decken. So wurde von Anfang an auch um Frauen geworben. Aus den Ungelernten wurden Schlosserinnen, Mechanikerinnen, Lokführerinnen. Schließlich leitete eine Frau, Helge Häger, das Braunkohlekombinat Bitterfeld, sie war Chefin von knapp 50.000 Leuten. Ende der 1970er-Jahre sind 40 Prozent der Belegschaft in der Braunkohle weiblich. Monika Miertsch gehörte seit 1970 dazu, als Baggerfahrerin in Golpa-Nord fuhr sie gleich das älteste Gerät, den Bagger 197, Baujahr 1941, der heute "Mosquito" heißt: "Den könnte ich noch im Schlaf bedienen", sagt sie, als sie im Führerhaus an den Hebeln das System der Eimerleitenwinden erklärt.

Die Geschichten, die Monika Miertsch, Roland Hermann oder Horst Richter zu erzählen wissen, sollen nicht verloren gehen. Studierende der Burg Giebichenstein führten Interviews, um sie in eine App einzuspeisen. Doch ihre Wirkung entfalten diese Geschichten freilich am besten in der "Stadt aus Eisen", mit den Tagebau-"Dinos" am authentischen Ort.

"Da gab es Tränen"

Dass es den noch gibt, ist keine Selbstverständlichkeit, wie Karl-Ernst Reinknecht klar macht. Er ist der Experte für die Giganten aus Stahl und begutachtet als TÜV-Prüfer Tagebau-Großgeräte von der DDR bis in die heutige Zeit. Nach der Wende, bedauert er, habe man innerhalb weniger Jahre eine Sprengladung nach der anderen angesetzt: Aus rund 500 Geräten wurde "Schrott, Schrott, Schrott". Als die Förderbrücke Espenhain dran war und das Publikum dazu klatschte, drehte er sich um, fuhr nach Hause und weinte: "Ja, da gab es Tränen, weil da keiner zu wissen schien, was sich für eine technische Leistung dahinter verbarg."

Was aus einer Idee entstehen kann

Nach 70 Millionen Tonnen war Golpa-Nord 1991 wie geplant "ausgekohlt". Der plötzliche komplette Ausstieg aus der Kohle-Industrie jedoch stürzte viele Menschen in der Region in eine schwere Krise. Von 60.000 Arbeitsplätzen blieben nur 3.000. In Golpa-Nord gründeten ehemalige Kumpels, die sich nun selbst abwickelten, wie zum Trotz, einen Förderverein, um beispielsweise das Modell des 617er Baggers, einst größter Eimerkettenbagger der Welt, in Schuss zu halten.

Ein Plan
Erste Entwürfe für die Stadt aus Eisen Bildrechte: Stiftung Bauhaus Dessau / Mitteldeutscher Rundfunk

Zur selben Zeit überlegte eine Gruppe Landschaftsplaner am wieder gründeten Bauhaus Dessau, ob aus ehemaligen Gruben wie in Golpa nicht etwas ganz Neues enstehen könnte. Städteplaner Harald Kegler und Martin Brück, damals Student, schafften es, Klaus Schucht, bei der Treuhand zuständig für Bergbau und selbst vom Fach, bei einem wilden Outdoor-Trip für ihre Idee vom "Industriellen Gartenreich" zu begeistern. So wurde aus Verschrottungsgeld Mittel zur Sanierung, und aus Golpa-Nord ein Expo-2000-Projekt. Nach der Flutung des Tagebaus rund um die Halbinsel wurde die "Stadt aus Eisen" mit einem spektakulären Konzert von Mikis Theodorakis eröffnet. "Das war wunderbar, für alle Beteiligten, ein Erfolgserlebnis, dass aus einer völlig aberwitzigen Idee heraus tatsächlich so etwas entstehen kann!", erinnert sich Kegler.

Zukunft von Ferropolis

Zukunftsideen gibt es auch heute für Ferropolis. Schüler und Schülerinnen können zum Projekttag kommen, um etwas über Braunkohle und den Tagebau zu lernen, in dem vielleicht ihre Großeltern arbeiteten, aber auch um an Solar-Modellautos zu tüfteln. Es sind Fördermittel für die Sanierung der Großgeräte bewilligt worden. 1,3 Millionen Euro stehen zur Verfügung, für die Entrostung der "Medusa" und einen Fahrstuhl, damit künftig alle barrierefrei aufs Dach steigen können.

Ferropolis - Die Stadt aus Eisen
Tüfteln für die Zeit nach der Kohle Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Thies Schröder will zeigen, dass der Ort lebt. Er findet, Ferropolis sei ein Beispiel dafür, wie man mit dem Ausstieg aus der Kohle umgehen könne: "Ein solcher Ausstieg, eine solche Veränderung braucht auch starke Symbole, Orte, auf die man noch in Jahren mit seiner Familie gehen kann, um über seine eigene Biografie erzählen und stolz sein zu können."

ks.

Dieser Artikel wurde erstmals im Juli 2020 veröffentlicht und im Juli 2022 ergänzt.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | Techno House Deutschland | 31. Juli 2022 | 23:40 Uhr