Kriegsende Hochstapler und Kriegsheld: Thomas Stafford

Am 6. Mai 1945 erhielt der amerikanische Unteroffizier Thomas Stafford den Befehl, mit seinem Zug den Ort Jägersgrün in Sachsen einzunehmen, den deutschen Widerstand zu brechen und die Sprengung der Straßenbrücke über die Zwickauer Mulde zu verhindern. Doch was in Jägersgrün geschah, sollte das Leben des jungen Mannes verändern und wahrscheinlich Hunderten von Soldaten in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges das Leben retten.

Szenen Zweiter Weltkrieg über den Fall des Thomas Stafford.
Nachgestellte Szene aus der ZEITREISE-Sendung “Kriegsende in Mitteldeutschland“: Maximilian Jähnen (rechts) aus Großobringen ist eigentlich Zeitsoldat der Bundeswehr. Für die ZEITREISE schlüpft er in die Rolle des Helden Thomas Stafford. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Jägersgrün stießen Stafford und sein Trupp auf einen vermeintlichen Zivilisten, der sich als Oberst der Wehrmacht entpuppte. Seine Uniform hatte dieser nur versteckt. Nach den Regeln der US-Armee galten Wehrmachtsangehörige, die ihre militärische Identität verschleiern wollten als Spione und sollten erschossen werden. Den deutschen Offizier ergriff die Panik.

Thomas Stafford
Thomas Stafford war Unteroffizier im 347. Infanterieregiment der "87th Infantry Division" unter Generalmajor Culin. Diese Division gehörte zur 3. US-Army, die im April 1945 innerhalb weniger Tage ganz Thüringen einnahm und später nach West-Sachsen vorrückte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Er machte Stafford daraufhin ein verlockendes Angebot: Er würde den US-Soldaten zu seinem Generalstab führen. Denn es sei besser, sich sofort den Amerikanern zu ergeben, statt weiter zu kämpfen und am Ende in russische Kriegsgefangenschaft zu geraten.

Daraufhin forderte Stafford den Oberst auf, in Funkkontakt mit seinem Stab zu treten. Der Oberst erwiderte, es gebe keinen Funkkontakt und bot an, sofort mit ihm hinter die Frontlinie zum deutschen Generalstab zu fahren.

Szenen Zweiter Weltkrieg über den Fall des Thomas Stafford.
Andreas Bräuer, Unternehmer aus Pausa bei Plauen und erfahrener Reenactmentdarsteller, spielt den Deutschen Oberst. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Reenactment-Dreh in Thüringen Im Rahmen der Sendung MDR-ZEITREISE “Kriegsende in Mitteldeutschland“ fanden die Reenactment-Dreharbeiten nicht am eigentlichen Schauplatz in Sachsen, sondern in Thüringen statt. Denn der ansässige Natur- und Heimatverein Niederzimmern hat Erfahrungen damit, die Geschehnisse aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges nachzustellen. Das konnte der Verein bereits in sieben Dokumentationen beweisen. Darin spielen sie Szenen des Kriegsgeschehens vom Frühjahr 1945 nach.

Ende Zweiter Weltkrieg: Das Abenteuer von Thomas Stafford

Stafford war zum Zeitpunkt der Begegnung mit dem deutschen Oberst 21 Jahre jung. Die Aussicht auf ein schnelles Ende des Zweiten Weltkrieges war mehr als verlockend. Wie er später selbst notierte, machte er in diesem Moment darum zwei Fehler: Er ließ sich auf das Abenteuer ein und informierte seine Vorgesetzten nicht über sein Vorhaben.

Seinem Fahrer Jones befahl Stafford, ein weißes Betttuch über die Motorhaube ihres Jeeps zu spannen. Der Rest seines Trupps sollte in Jägersgrün auf seine Rückkehr warten. Dem deutschen Oberst gegenüber behauptete er ein Offizier, ein Hauptmann, zu sein. Das war leicht möglich, denn die amerikanischen Kampfuniformen waren vom einfachen Soldaten bis hin zum Hauptmann alle gleich. Man verzichtete auf Rangabzeichen, um die Kommandeure zu schützen und um deutschen Scharfschützen keine Ziele zu bieten.

Aufnahme Drohne Reenactment Ende Zweiter Weltkrieg
Friedensmission mit weißem Bettlaken in Kriegszeiten (nachgestellte Szene aus der ZEITREISE-Sendung “Kriegsende in Mitteldeutschland“) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zu dritt machten sie sich auf den Weg, tief hinter die vordersten Linien der Amerikaner. Auf dem Beifahrersitz des Jeeps saß der deutsche Oberst, hinter ihm Tom Stafford. Seine Pistole stets auf den Rücken des deutschen Offiziers gerichtet.

Als angeblicher Hauptmann hinter die Kampflinie

Es sollte eine lange Fahrt werden, viel länger als gedacht. Der Divisionsgeneral des Obersts wollte eine Kapitulation nicht verantworten und verwies auf den Generalstab des 12. Korps. Der hatte seinen Sitz in Karlsbad. Der Kommandierende General Herbert Osterkamp befahl den angeblichen Unterhändler der Amerikaner zu sich. Mit einer Motorradeskorte ging es nun weiter bis Karlsbad. Gut 50 Kilometer entfernt von der deutsch-amerikanischen Kampflinie.

Reenactment Ende Zweiter Weltkrieg
Thüringer Verein stellt Szenen aus dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

General Osterkamp wunderte sich über die Jugend des angeblichen Hauptmanns. Nach längerer Diskussion mit seinen Stabsoffizieren, darunter etliche weitere Generäle, entschloss sich Osterkamp, eine Kapitulationsurkunde zu unterzeichnen. Unter der Bedingung, dass sich alle 40.000 von ihm befehligten, deutschen Soldaten in amerikanische und nicht in russische Gefangenschaft begeben können.

Riskantes Spiel mit Happy-End

Stafford, der mit seinem Fahrer Jones so lange im Flur des Generalstabes warten sollte, hatte in diesen Minuten Todesangst. Was, wenn die Deutschen erkennen würden, dass er nicht einmal Offizier und nicht im Auftrag seiner Kommandeure hier war. Er sah sich schon abgeführt und erschossen.

Er hatte hoch gepokert, doch er gewann das Spiel. General Osterkamp bestand darauf, die Kapitulation in der Mitte zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Generalsstab zu unterzeichnen. Doch Stafford wusste nicht einmal, wo sich sein Stab befand. Er tippte also einfach auf einer Karte des Generals auf den kleinen Ort Carlsfeld, unweit von Jägersgrün. Er hoffte einfach darauf, wieder möglichst nah an seine Truppen heran zu kommen.

Kurz danach setzte sich ein Konvoi deutscher Limousinen in Bewegung. Dazwischen der Jeep von Stafford. Sein Ziel: Carlsfeld in Sachsen. Dort, im Gasthaus "Grüner Baum", unterzeichneten der deutsche General und der amerikanische Sergeant Stafford die Kapitulation des 12. Deutschen Armeekorps. Alle Kampfhandlungen sollten sofort eingestellt werden. Die deutschen Truppen begaben sich ab dem 7. Mai in amerikanische Gefangenschaft und wurden in vier Lagern entlang der Mulde interniert.

Zweiter Weltkrieg: Bedingunslose Kapitulation

Als Thomas Stafford wieder seine Kompanie erreichte, wusste sein Kommandeur angesichts der mitgeführten Kapitulationsurkunde nicht, ob er seinen Sergeant bestrafen oder belobigen sollte. Er tat keines von beidem, sondern leitete schnell die Kapitulation der Deutschen an seine Vorgesetzten weiter.

Die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reichs wurde schließlich am 8. Mai in Berlin Karlshorst von Feldmarschall Keitel unterzeichnet. Ab dem 9. Mai, Mitternacht, ruhten offiziell an allen Fronten die Waffen.

Gedenktafel an die Friedenstat von Thomas Stafford im Gasthof "Grüner Baum" in Carlsfeld.
Gedenktafel im Gasthof "Grüner Baum" in Carlsfeld Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im Vogtland, Nordböhmen und im westlichen Erzgebirge war der Krieg allerdings schon zwei Tage früher zu Ende. Jede Stunde eher, die nicht mehr geschossen wurde, rettete vermutlich Hunderten deutschen und amerikanischen Soldaten das Leben. Möglich wurde dies durch das Husarenstück des jungen Sergeants Thomas Stafford. Ein Mann, der sich selbst zum Hauptmann gemacht hatte und doch nur ein Unteroffizier war. Am Gasthof "Grüner Baum" in Carlsfeld erinnert heute eine kleine Gedenktafel an seine Friedenstat.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Zeitreise | 08. Mai 2022 | 22:20 Uhr

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