Die geheime "Staatsreserve" Mangelwirtschaft, Bevorratung und die Sache mit Berlin

Nach der friedlichen Revolution und der Währungsunion 1990 begann in der DDR der Run auf Westprodukte. DDR-Waren wurden plötzlich Ladenhüter. Sorgfältig befüllte Warenlager waren auf einmal nichts mehr wert und wurden verramscht.

Haushaltswaren werden zum Verkauf angeboten
Bildrechte: MDR/Mahmoud Dabdoub

Die DDR war eigentlich in der ganzen Zeit ihrer Existenz eine Mangelwirtschaft. Versorgungsengpässe bestimmten den Alltag der Menschen nicht nur bei Südfrüchten. Um aber wenigstens teilweise eine bessere Verteilung der knappen Waren räumlich und zeitlich zu ermöglichen, wurde seit 1965 eine sogenannte Staatsreserve vorgehalten, deren Spuren sich kaum noch finden lassen. Klaus Fleming, ehemals Betriebsleiter des Sportartikelgroßhandels Gera, erklärt, was es mit der sagenumwobenen Staatsreserve auf sich hatte: "Hochwertige Konsumgüter wurden in Reserve gehalten. Farbfernseher, Staubsauger, Küchengeräte. Vielleicht immer ein Drittel des gesamten Bedarfs eines Bezirkes." Diese Reserve diente aber nicht nur zur besseren zeitlichen Verteilung der Unterversorgung, sie wurde auch immer wieder gezielt als politisches Mittel eingesetzt, wie sich Klaus Fleming erinnert: "Man hat immer versucht, eine Reserve im Hintergrund zu behalten, um bei bestimmten Ereignissen gut dazustehen. Parteitage und Wahlen natürlich."

Aber auch für die Grundversorgung wurde eine Staatsreserve angelegt. So wurde 1956 der 16 Kilometer lange Autobahnabschnitt Bautzen-Ost bis Weissenberg durch einen Beschluss des DDR-Ministerrates für den Verkehr geschlossen und umzäunt. Dann wurden auf diesem Abschnitt 66 aneinander gereihte Lagerhallen zur Getreidelagerung gebaut.

Was es sonst noch an Lagern der Staatsreserve gab, lässt sich nur noch schwer herausfinden. So sollen Teile der Staatsreserve neben speziellen Lagern auch in den Produktionsbetrieben selber vorgehalten worden sein, aber auch im VEB-Maschinenhandel oder im VEB Maschinen- und Materialreserven. Dazu gehörten neben Lebensmitteln auch Akkumulatoren, Fahrzeug-Starter-Batterien, Leuchtmittel, Fahrzeugreifen, Niederspannungskabel, Fernmeldekabel usw. Das alles wurde von der sogenannten "Verwaltung der Staatsreserve" betrieben und auf Antrag des Fachministers vom Ministerrat zur Verwendung freigegeben.

Kohlemangel – der Dauerbrenner

Gerade in dem Bereich, in dem eine umfassende Vorratslagerung sinnvoll gewesen wäre, existierte keine: in der Energieversorgung.

Seit die DDR statt auf russisches Erdöl und Erdgas vor allem auf die heimische Braunkohle setzte, hatte sie ein grundsätzliches Problem. Wegen der kalten Winter sollten ab Mitte der Achzigerjahre Kohlelagerplätze bei den Kraftwerken mit einem Vorrat für 14 Tage eingerichtet werden. Dabei ergaben sich zwei Probleme: Rohbraunkohle neigt bei Lagerung zur Selbstentzündung und Briketts der in der DDR vorhandenen Kohlequalität zerbröseln bei Frost. So klappte es flächendeckend nie wirklich, Vorräte anzulegen. Kam der Frost, kam die Kohle nach den langen Bahnfahrten aus der Lausitz kaum aus den Waggons heraus. Im für DDR-Verhältnisse hochmodernen Kraftwerk Thierbach bei Leipzig organsierte man sich gar ein "MIG"-Triebwerk, dessen Schub die angefrorene Kohle aus den Waggons pustete.

Alles für die Hauptstadt

Wer in Berlin lebte, dem ging es einfach besser, das wussten die Berliner, aber das wusste man auch in der "Provinz". In den Hauptstadtdepots lagerte alles, wonach man sich etwa in Dresden oder Sömmerda oft vergeblich umsah. Hannelore Kuhnt, frühere Konsumkaufhallenleiterin in Berlin-Lichtenberg, sagte im Gespräch mit dem MDR-Nachrichtenmagazin "EXAKT": "Im Gegensatz zur Republik konnten wir aus dem Vollen schöpfen. Da gab es alles. Von der ungarischen Salami über Gurken, Ketchup, Letscho..." Aber auch in der Bekleidungsindustrie lief es nicht anders. Wurden von einem bestimmten Modeartikel nach Planvorgabe 5.000 Stück hergestellt, ging es an die Verteilung. Arnold Senft, ehemals Abteilungsleiter im "Magnet"-Kaufhaus Leinefelde, fuhr zweimal im Jahr zum Wareneinkauf zur Leipziger Messe: "Und dann ging Berlin vorne weg und sagte: 'Das gefällt uns, das wollen wir haben.' Und dann haben die gesagt:
'3.000 davon bekommen wir.' Und dann mussten wir sehen, dass wir die restlichen 2.000 unter den 15 Bezirkendiese aufteilten. Das führte dazu, dass manche Kaufhäuser von dieser Menge am Ende vielleicht drei oder fünf oder gar nichts bekamen und das war schon ärgerlich." Zum Teil führte diese Bevorzugung Berlins zu absurden Verhältnissen. So wurden in drei großen Lagerhallen Berge von Sandpapier vorgehalten. Ob man das nun in der Hauptstadt wirklich brauchte oder nicht.