Erinnerungen und Begegnungen "Unsere" Käthe Kollwitz - Vereinnahmung einer Künstlerin in der DDR

Ich kannte sie aus meinem Lesebuch der Klasse 8. Eingebettet in Texte von Bertolt Brecht, Erich Weinert, Max Zimmering, gab es die Lithografie von der Mutter mit dem Kind auf dem Arm.

Wir lernten, dass jeder Text, jedes Bild eine Botschaft ist: "Was will uns die Künstlerin damit sagen?" Niemand lehrte uns, dass Bilder Freunde sein konnten, die man in Ausstellungen wiederfand wie alte Bekannte:"Ach, Nolde! Ach, Kandinsky! Ach Kollwitz!"

Wenn mir damals jemand gesagt hätte, Käthe Kollwitz würde in der DDR leben, so hätte ich es geglaubt. Die Grafikerin, Malerin und Bildhauerin war eine von "uns", eine, die zum System passte. Scheinbar. Denn sie starb noch vor Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 in Moritzburg bei Dresden.

Die letzte Station: Moritzburg

In Moritzburg? Meine nächste Irritation.

Von den Orten, die sich mit dem Namen Käthe Kollwitz verbinden, kam mir zuerst Berlin in den Sinn, denn dort im Prenzlauer Berg, in der Weißenburgerstraße, die heute ihren Namen trägt, hat sie mit ihrer Familie gewohnt – mehr als ein halbes Jahrhundert lang. Die am 8. Juli 1867 in Königsberg als Käthe Schmidt geborene Kollwitz haben die Kriegswirren ins sächsische Moritzburg geführt. Und auch wenn es nur neun Monate waren, die ihr dort verblieben, so gilt der Moritzburger "Rüdenhof" heute - wie es im Museumsdeutsch heiß - "als der letzte erhalten gebliebene authentische Ort, an dem Käthe Kollwitz gelebt hat".

Der Rüdenhof

Prinz Ernst Heinrich von Sachsen lädt Käthe Kollwitz nach Moritzburg ein. Er ist ein passionierten Kunstsammler, kennt die Künstlerin bereits aus Berlin und hat schon vor dem Zweiten Weltkrieg ihre Werke für seine Sammlung angekauft. Doch das Barock-Schloss ist zu markant als militärisches Ziel und der Gast wird im nahegelegenen Rüdenhof untergebracht.

Nach dem Tod von Käthe Kollwitz versucht ein Freundeskreis, unter dem Deckmantel des DDR-Kulturbundes, im Rüdenhof eine Gedenkstätte einzurichten. Vergeblich, denn "unsere Käthe Kollwitz" hätte niemals die Einladung eines Prinzen angenommen. Dieses historische Detail war in der DDR unerwünscht.

Die benutzte Künstlerin

Käthe Kollwitz hat sich nicht wehren können gegen ihre Vereinnahmung in der DDR. Sie war keine proletarische Künstlerin. Ihre Zeichnung von Karl Liebknecht auf dem Totenbett, die sie auf Wunsch der Familie Liebknecht anfertigt, wird später immer wieder, wie ihre Arbeiten über den Weberaufstand und den Bauernkrieg, als Beweis für politische Gesinnung benutzt. Die künstlerische Umsetzung, die ihr dabei so wichtig war, wird dabei vernachlässigt. Sie selbst schreibt in ihrem Tagebuch:

"Ich hab als Künstler das Recht, den Abschied der Arbeiterschaft von Liebknecht darzustellen, ja den Arbeitern zu dedizieren, ohne dabei Liebknecht zu folgen. Oder nicht?"

Käthe Kollwitz in ihrem Tagebuch

Käthe fühlt sich bereits in Kindertagen von Menschen angezogen, die schwere Arbeit verrichten, und streift mit ihrer Schwester Lise durch die Hafengassen von Königsberg.

Das eigentliche Motiv aber, warum ich von jetzt an zur Darstellung fast nur das Arbeiterleben wählte, war, weil die aus dieser Sphäre gewählten Motive mir einfach bedingungslos das gaben, was ich als schön empfand. (...) Ohne jeden Reiz waren mir Menschen aus dem bürgerlichen Leben. Das ganze bürgerliche Leben erschien mir pedantisch. Dagegen einen großen Wurf hatte das Proletariat.

Käthe Kollwitz in ihrem Tagebuch

Wie fest diese Vorurteile in unserem Denken verankert sind, habe ich an mir selbst gemerkt und muss Abbitte leisten. Käthe Kollwitz war eine fortschrittliche Künstlerin, die stets um eine Symbiose von Inhalt und Form bemüht war.

Die Familie Kollwitz hat immer wieder gegen den politischen Missbrauch aufbegehrt.

Da gibt es ja diese schöne ausführliche Eintragung in ihren Tagebüchern, dass sie nicht revolutionär, sondern evolutionär ist und dass sie, wenn sie zu der Zeit noch jung wäre, sicherlich auf die Barrikaden gegangen wäre.

Prof. Arne Kollwitz, Enkel Feature "Käthe Kollwitz: Letzte Tage in Moritzburg"

Enkel Arne Kollwitz erinnert sich weiter, dass die Vereinnahmung seiner Großmutter durch die DDR sogar ihr Bild in der Bundesrepublik beeinflusste:

In Westdeutschland war es ja auch so, dass ihre Rezeption nach dem Krieg durchaus gelitten hat durch diese propagandistische Verwertung durch die DDR. Auch in Westdeutschland hatte mein Vater Probleme, offizielle Stellen davon zu überzeugen, dass sie eben keine Kommunistin ist.

Prof. Arne Kollwitz, Enkel Feature "Käthe Kollwitz: Letzte Tage in Moritzburg"

Der verbotene Film

Zurück zur letzten Lebensstation von Käthe Kollwitz. Der letzte Raum im Moritzburger Rüdenhof liegt im Dunkel. In ihm wird an den Tod der Künstlerin erinnert. Auf einem alten Röhrenfernseher mit einem noch älteren Videorekorder läuft ein Dokumentarfilm. Auch dieser Film hat eine merkwürdige Geschichte. Als 1986 in der DDR von der DEFA das Leben von Käthe Kollwitz verfilmt wurde, hatte der Regisseur Ulrich Teschner kurz darauf die Idee, einen Dokumentarfilm über ihre letzten Tage in Moritzburg zu drehen. Der Film zeigte bis dahin unbekannte Details, doch er wurde nie gezeigt. Es war eine ungeliebte Wahrheit.

Das Ende in Moritzburg

Wie selbstbestimmt Kollwitz bis zum Schluss war, weiß niemand. Vielleicht war die 77-Jährige auch darin ihrer Zeit weit voraus. Sie stirbt am 22. April 1945 - allein, denn die Enkelinnen und der Prinz sind schon fort, geflohen vor der anrückenden Sowjetarmee. Moritzburger Bürger setzen alles daran, ihr in diesen letzten Kriegstagen ein würdiges Begräbnis zu bereiten. Der Tischler im Ort wird bekniet, einen Sarg zur Verfügung zu stellen. Magnolienblüten und Efeu schmücken den Sarg, in dem Kollwitz am 24. April 1945 beigesetzt wird.

Auf Wunsch der Angehörigen wird der Sarg von Käthe Kollwitz später auf den Zentralfriedhof Lichtenberg in das Familiengrab umgebettet. An ihre Ruhestätte in Moritzburg erinnert nur eine nachträglich angebrachte Metalltafel an der Friedhofsmauer.

Über die Autorin

Kathrin Aehnlich wurde in Leipzig geboren, studierte zunächst an der Ingenieurschule für Bauwesen und später am Leipziger Literaturinstitut. Vor ihrer Tätigkeit im MDR arbeitete sie im Chemieanlagenbau-Kombinat Leipzig, im Kombinat für Baureparaturen sowie im Leipziger Zoo. Sie schreibt Erzählungen und Romane (u.a. "Wenn die Wale an Land gehen" 2013). Die Schriftstellerin ist Autorin zahlreicher Features und Dokumentarfilme und arbeitet außerdem als Feature-Redakteurin bei MDR KULTUR.

(zuerst veröffentlicht am 07.07.2017)

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