Großrazzia im "jüdischen Nest"

Im Frühjahr 1920 ist die Luft in Deutschland explosiv. Revolutionäre, Demokraten wie Revanchisten ringen noch immer um die Macht. Dazwischen eine große Masse: arbeitslos, versorgt mit minimalen Essensrationen, zusammengepfercht auf engstem Raum. Besonders im Berliner Scheunenviertel, wo fünfmal so viele Menschen pro Quadratkilometer wohnen wie im Berliner Durchschnitt.

Zeitungsauschnitt mit Bericht von der Großrazzia am 20. Februar 1920
Zeitungsauschnitt mit Bericht von der Großrazzia am 20.2.1920 Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gegen dieses "jüdische Nest" in Berlins Mitte richten sich Angriffe völkischer Nationalisten schon seit Wochen. Und die Zahl derer, die diese Menschen verteidigen, schmilzt von Tag zu Tag. Für den Berliner Polizeipräsidenten Eugen Ernst die Gelegenheit, endlich Kante zu zeigen. Am 20. Februar lässt er das Scheunenviertel abriegeln und durchsuchen nach Ausländern, die gegen Meldeauflagen verstoßen oder sich in anderer Form "lästig machen". Fast 300 Personen - Männer, Frauen, Kinder - werden verhaftet und anschließend interniert. In einem ehemaligen Kriegsgefangenlager bei Zossen.

Die ersten "Judenlager" in Zossen

Die Frage des Vorgehens gegen lästige Ausländer beschäftigt die Behörden schon seit längerer Zeit. Über 600 der Verhafteten, die bereits wiederholt mit dem Strafrichter in Berührung gekommen sind, wurden in das Lager nach Zossen gebracht. Dieses wird jetzt als Konzentrationslager für unzuverlässige Ausländer dienen. Es ist wohl keine Frage, dass es sich in erster Linie um polnische und galizische Juden handelt.

Völkischer Beobachter 15. April 1920

Die rechtsnationale Presse jubelt. Und verstärkt den Druck. Genau so müsse die Politik weiter verfahren. Und tatsächlich: Der Rechtsruck kommt. Die Völkischen dominieren die Debatten im Preußischen Landtag wie im Reichstag. Und wie sehr die völkische Position der kulturellen Abgrenzung gegen alles "Fremdstämmige" im politischen Mainstream der Zeit verankert ist, zeigt sich als im Januar 1921 das Thema "die neue Internierungspraxis Preußens" aufkommt. Es sei gut, diese Menschen auszusondern, da "die Auswanderung der deutschen Arbeiter erschreckende Formen angenommen hat. Jeder Einwanderer vom Osten bedeute im Westen einen auswandernden gut qualifizierten deutschen Arbeiter" heißt es in einer der Debatten.

Eine Abkehr von der aktuell praktizierten Politik der Internierungslager "verschlechtere die Zusammensetzung unserer Bevölkerung" und sei auch der "physischen und sittlichen Gesundheit des Volkes" nicht zuträglich.

Die Praxis der Internierung von 1921 bis 1923

Das Land Preußen betreibt in diesen maßgeblichen Jahren der Internierungspraxis zwei große Lager. Eines in Stargard/Pommern und eines in der Lausitz, in Cottbus-Sielow, in einem ehemaligen Kriegsgefangenenlager. Wie es zur Umwidmung des Lagers in Cottbus kam, lässt sich anhand von Akten des Stadtarchivs ziemlich genau rekonstruieren, denn die Stadt war mit der Nachnutzung als Internierungslager für "lästige Ausländer" alles andere als glücklich.

Bis zu 10.000 Kriegsgefangene waren in Sielow seit Kriegsbeginn interniert. Mit Kriegsende signalisiert die Stadt dem Reichsfiskus: Sie will das Gelände der einstigen Rennbahn so schnell es geht zurück. Doch die Entlassungen und der Rückbau verzögern sich. Hunderte Russen etwa wollen nicht zurück in das nun revolutionär gewendete Russland. Und unter der Hand wird das Lager neu belegt – durch das Preußische Innenministerium. Formal hat die Stadt nur einen Mietvertrag mit dem Reich. Eine Übernahme des Lagers durch den Preußischen Staat lehnt man ab. Gewährt den Verantwortlichen auf Bitte aber Aufschub - fast zwei Jahre lang.

Internierung "lästiger Elemente"

In dieser Zeit sorgt das Lager immer wieder für Schlagzeilen. Auch im Rahmen parlamentarischer Debatten und Untersuchungsausschüsse. 1921 etwa wird bekannt, dass in Cottbus auch sogenannte "lästige Elemente aus der oberschlesischen Bewegung" aus politischen Gründen interniert wurden. Was das meint, zeigen in Cottbus erhaltene Untersuchungsakten der Polizei. Etwa der Bericht des inhaftierten Architekten Robert Kühne. Ihm wie einigen anderen Mitgliedern der schlesischen SPD wirft die Reichswehr Beteiligung am sogenannten "Oberschlesischen Aufstand" vor, mithin Unterstützung polnischer Rebellen.

Die Nachricht geht dem Gefangentransport voraus. Bereits am Cottbusser Bahnhof werden die Häftlinge von einem Mob empfangen und mit Schlägen traktiert:

Die Behandlung im Lager war in den ersten Tagen eine überaus harte. Wir wurden gleich bei unserer Ankunft aufnotiert. Bei dieser Aufnotierung fielen ein großer Teil der Gefangenen um. Ein Beamter wollte diesen Leuten helfen und uns Wasser bringen, wurde aber von dem Beamten Herrn Kuckuk mit den Worten daran gehindert: "Lass die Schweine liegen!" Der Lagerbeamte mißhandelte mehrere Internierte auf lebensgefährliche Weise. Auch wurden sie von Angehörigen der Reichswehr mit Maschinengewehren bedroht.

Robert Kühne Auszug aus dem Bericht von 1921

Wochen später stellt sich heraus: An den Vorwürfen gegen die Inhaftierten ist absolut nichts dran. Die Männer werden entlassen.