Mobilfunkinnovation aus der DDR

Die DDR baut schon 1979 ihr erstes Mobilfunktelefon: Zehn Kilo schwer, 40 Kilometer Reichweite. Im Inland kam es zwar nie zum Einsatz – vielmehr besserte der Export das knappe Devisenkonto auf.

Das ist die unglaubliche Geschichte der "Blaumeise 3": Auf diesen Namen wurde das erste Mobilfunktelefon der DDR getauft. Entwickelt und gebaut wurde das analoge Gerät ab 1979 im Funkwerk Köpenick in Berlin. Als Vorläufer des Handys erscheint das gute Stück zwar ziemlich unhandlich, aber es war unbestreitbar "mobil", wenn auch 10 kg schwer. Mit seinen 10 Watt Sendeleistung erzielte es eine Reichweite von mehr als 40 Kilometern.

Begonnen hatte die Geschichte des DDR-Handys mit einem lukrativen Auftrag aus Mexiko: Die Mexikaner wollten Ende der 70er Jahre ihr Land fernmeldetechnisch aufrüsten. Das topografisch schwierige Land-Gebiete sollten per Funk für Telefontechnik erschlossen werden. In Mexiko gab es damals 92.000 abgelegene Ortschaften mit weniger als 200 Einwohnern, in denen es kein Telefon gab. Da die damaligen Marktführer wie Motorola und Co. nur vorgefertigte Lösungen anbieten konnten, bekam die DDR den Auftrag für eine individuelle Lösung und damit auch die Chance auf ein Stück vom Devisen-Kuchen. 400 Mio. harte US-Dollar lockten die Genossen, deshalb versprach die DDR-Wirtschaftsdelegation den Mexikanern den Auftrag ausführen zu können. Das Problem, die gewünschte Technik gab es zum damaligen Zeitpunkt in der DDR noch nicht, sie musste erst entwickelt werden.

So bekamen die Mitarbeiter vom VEB Funkwerk Köpenick den Auftrag für die Entwicklung eines analogen Mobilfunknetzes.  Die Ingenieure Horst-Dieter Wigankow, Günther Neeße und Gottfried Schuppang wurden damit zu echten Handy-Pionieren. Sie entwickelten auf dem Reißbrett ein Pilot-Netz für Drahtlosverbindungen in Mexiko. Erleichternd kam hinzu, dass sich die Tüftler aus Ostberlin auch Bauteile aus dem Westen für ihre Entwicklung besorgen konnten. Dennoch standen die Entwickler unter einem gehörigem Zeitdruck, die reguläre Arbeitszeit reichte nicht aus. Deshalb wurden die Endgeräte an die Entwickler verteilt und das Funknetz mit sogenannten "Telefonieübungen" zu Hause in der Freizeit getestet. Innerhalb von 17 Monaten gelang ihnen dann das Meisterstück: Ein funktionierendes analoges Mobilfunk-Netz, das ab 1981 von DDR-Ingenieuren in Mexiko installiert wurde.

Mit einem zehn Watt leistungsstarken Funksender konnten Distanzen zur Basisstation in über 40 Kilometer Entfernung gesendet werden. Über eine damals übliche Wählscheibe wählte man sich auch mit der "Blaumeise 3" ins Fernmeldenetz ein. Die Basisstationen lagen meist auf Bergen, von wo aus die Gespräche ins nationale Fernmeldenetz eingespeist wurden, erklärt Diplom-Ingenieur Gottfried Schuppang. Pro Dorf installierten die Ostberliner ein Telefon. Die DDR-Erfindung war eine Sensation für die Mexikaner, die nun in ihren Dörfern telefonieren konnten. Für die DDR bedeute das einige lukrative Nachfolgeaufträge. So wurden die ostdeutschen "Handys" mit den entsprechenden Mobilfunknetzen später auch im Jemen, auf Madagaskar und in Algerien aufgebaut. Während das Meisterstück im Ausland gefeiert und zum Exportschlager wurde, durfte es in der DDR nicht zum Einsatz kommen. Schließlich hätte man damit ganz einfach in den Westen telefonieren können, die Stasi wäre der Überwachung nicht mehr Herr geworden, sagt Schuppang.

Über dieses Thema berichtet MDR auch im TV : MDR | 21.11.2011 | 20:15 Uhr