Piwo, Panzer, Punks: Das Naschestwie-Rock-Festival in Russland

Erst Bier und Rock, dann Überlebenstraining: Auf dem größten russischen Rock-Open-Air geht das. Denn dort hat auch das Verteidigungsministerium seit Jahren seine Zelte aufgeschlagen. Regt sich jetzt leiser Widerstand?

Panzer auf einer Wiese, Fahnen verschiedener Truppenteile, ein Militärzelt und Soldaten: Typisches Bild eines Truppenübungsplatzes oder Militärmuseums, könnte man denken. Doch weit gefehlt. Diese Szenerie spielt sich schon seit Jahren auf einem Festivalgelände in Bolschoe Sawidowo ab, in der Nähe der Stadt Twer, etwa 150 Kilometer von Moskau entfernt. Und es ist nicht irgendein Festival, es ist "Naschestwie", das größte und traditionsreichste Rock-Open-Air in Russland. Es findet bereits seit 1999 statt und lockt jährlich bis zu 200.000 Besucher an.

"Die schlechte Molly" putscht

Bislang störte sich kaum einer an den Bildern feiernder Festivalbesucher vor der Kulisse martialischer Militärtechnik mit aufgemalten Slogans aus dem Zweiten Weltkrieg. Doch dieses Jahr scheint sich etwas geändert zu haben. Rund eine Woche vor Festivalbeginn haben fünf namhafte Bands abgesagt. Die Begründung: Entgegen der Zusagen der Festivalleitung, es würde 2018 keine Zusammenarbeit mit dem russischen Verteidigungsministerium geben, findet diese doch statt. So schrieb die Band "Poschlaja Molli" (Die schlechte Molly) auf Twitter: "Freunde! Heute haben wir überraschend erfahren, dass am Festival Naschestwie auch das Verteidigungsministerium der Russischen Föderation teilnehmen wird. Daher sagen wir unseren Auftritt ab. Dort, wo Musik ist, gibt es keinen Platz für Waffen."

Ein Vorgang, der große öffentliche Resonanz und eine Flut von Kommentaren hervorgerufen hat. Obwohl die fünf Bands bei einem LineUp mit über 100 Teilnehmern kaum ins Gewicht fallen und auch nicht zu den wichtigsten gehören. Bands wie "Leningrad" oder "Megapolis", die weit über Landesgrenzen bekannt sind, nehmen auch weiterhin teil und stören sich nicht am Militärbereich des Festivals.

Warum die Aufregung?

Das Meinungsspektrum der Kommentatoren geht weit auseinander. Während die einen die Protestbands als "maidan-gestörte Ukraineunterstützer" beschimpfen, werden sie von anderen für ihren couragierten zivilgesellschaftlichen Einsatz gefeiert. Manch einer sieht sogar eine Zeitenwende in der russischen Gesellschaft anbrechen, in der der Militarismus langsam zurückgeht. Andere wiederum streuten Gerüchte, es werde als Ersatz der Alexandrow-Militärchor eingesetzt. Dieser musste prompt dementieren.

Diese Aufregung kann die Organisatorin des Festivals Ewgenia Kiseljowa nicht verstehen. Der Online-Zeitung meduza.io sagte sie in einem Interview, dass die Anwesenheit der Militärs für die Bands keine Überraschung gewesen sein konnte. Immerhin arbeite das Festival bereits seit zehn Jahren erfolgreich mit der Militärischen Kunstfliegerstaffel zusammen, ihre Show zähle zu den beliebtesten Attraktionen des Festivals.

Überlebenstraining beim Feiern

Seit 2013 hat das russische Verteidigungsministerium auch einen eigenen Bereich auf dem Gelände, wo es seine Technik zur Schau stellt und "Attraktionen" anbietet. In Folge der Krim-Annexion hat wurde Russland von einer Welle des Patriotismus und Militarismus überrollt. Da fiel es gar nicht so sehr auf, dass Punks fröhlich von Kanonenrohren winkten und Festivalbesucher zwischen den Konzerten ein Überlebenstraining bei Mitgliedern der Spezialeinheiten absolvierten.

"Ich muss sagen, dass viele Musiker sich nach ihren Konzerten gerne in diesem Bereich aufhalten", so Kiseljowa weiter. "Und Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums führen die Künstler über den "Pfad des Kundschafters", machen mit ihnen Überlebenstraining im Wald und zeigen ihnen andere, für sie exotische Dinge." Dass die Anwesenheit von Militärtechnik auf einem Rock-Festival assoziiert wird, kann sie auch nicht verstehen. Für sie seien die Militärs eher diejenigen, die die Bevölkerung vor Krieg schützen würden. Und überhaupt sollten sich die Kritiker an die eigene Nase fassen: "Die Herren Punks, wann zieht ihr denn eure Hosen in Camouflage-Optik aus?"  Für Kiseljowa ist damit klar, die Absagen der Bands stellen einen plumpen Versuch dar, sich "billige PR" zu verschaffen.

 

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: TV | 18.05.2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Juli 2018, 17:43 Uhr