Im Exil: Fußball in der Ukraine

Die ukrainische Flagge mit einem Fussball
Bildrechte: Colourbox.de

In der Ukraine war Fußball schon immer sehr populär. Zu Sowjetzeiten waren die Klubs der Ukrainischen SSR in der Wysshaja Liga, der "Höchsten Liga", stark vertreten. Dynamo Kiew holte dort die meisten Titel. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion erlebte der ukrainischen Fußball jedoch zunächst eine schwere Zeit. Viele Topspieler wechselten nach Russland, weil sie sich dort bessere Karrierechancen versprachen. Und als Rechtsnachfolger der UdSSR erbte Russland auch fußballerisch alle Wertungspunkte der FIFA und UEFA.   

Alles auf Anfang

Der Neuanfang des ukrainischen Fußballs war schwer. Erst in den 2000ern konnte sich der ukrainische Fußball mit neuen talentierten Spielern wie Andrej Schewtschenko und unter dem legendären Trainer Oleg Blohin konsolidieren. Auch wenn die großen Erfolge ausblieben, war doch spätestens seit der WM-Teilnahme 2006 in Deutschland mit der Sbirna Ukrajiny zu rechnen.

Das Desaster von 2012

Große Hoffnungen setzten die ukrainischen Fans in ihre Mannschaft bei der Heim-EM 2012, die gemeinsam mit Polen ausgetragen wurde. Ebenso groß war die Enttäuschung, als die Gelb-Blauen bereits in der Vorrunde ausgeschieden waren. Was dabei zum Politikum werden sollte, war die Tatsache, dass zwei der drei Vorrundenspiele im ostukrainischen Donezk ausgetragen wurden. Gewissermaßen ein fußballerisches Präludium des aktuellen Ukrainekonflikts.

Der Milliardärs-Klub

Im Mittelpunkt der Kritik stand damals Rinat Achmetov, einer der reichsten und mächtigsten Oligarchen des Landes. Ihm wurde vorgeworfen, das Gleichgewicht des ukrainischen Fußballs zu Gunsten des überwiegend russischen Ostens verschieben zu wollen. Tatsächlich war das Donezker Kohlebecken Achmetovs ureigene Spielwiese. Hier wurde er geboren, hier hat er studiert, hier hat er auch in den 1990er Jahren in der Kohle- und Stahlindustrie sein milliardenschweres Vermögen gemacht. Achmetov unterstützte großzügig die prorussische Partei der Regionen mit Präsident Janukowitsch an der Spitze. Seit 1995 ist er schließlich Besitzer des traditionsreichen Fußballvereins Schatjar Donezk. Mit massiven Investitionen brachte Achmetov den Bergarbeiter-Klub nicht nur an die Spitze der nationalen Liga, sondern auch zu wichtigen internationalen Erfolgen. 2009 wurde Schachtjar gegen Werder Bremen UEFA-Cup Sieger und spielt heute gegen die ganz Großen in der Champions League mit.

Ein Land verändert sich

Doch 2014 erlebte die Ukraine ihre zweite Maidanrevolution. Mitten in Kiew fanden blutige Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten statt. Präsident Janukowitsch und seine engsten Vertrauten verließen fluchtartig das Land. Die Krim wurde von Russland annektiert und im Donezker und Lugansker Gebiet entfesselten Separatisten mit russischer Unterstützung einen unerbittlichen Kampf gegen die neue ukrainische Regierung. Innerhalb weniger Wochen veränderte sich alles im Land, auch der Fußball.

Fußballklubs wechseln die Seiten oder gehen ins Exil

Zusammen mit der Krim wechselten auch die beiden Erstligaklubs der Halbinsel die Seiten – Tawrija Simferopol und  PFK Sewastopol wurden russisch. Die ukrainische Premjer Liha musste von 16 auf 14 Teilnehmer reduziert werden. Vier Klubs aus der umkämpften Ostukraine mussten ins Exil gehen, darunter die Erstligisten Sorja Lugansk und Achmetovs Schachtjar Donezk.

Von der Arena ins Luxushotel

Anhand von Schachtjar wird die Tragweite des Einschnitts am deutlichsten sichtbar. Die moderne Donbass-Arena, von Achmetow für rund 176 Millionen Euro erbaut und 2009 eröffnet, wurde nach zwei Granatentreffern unbespielbar. Der Klub musste auf andere Trainings- und Spielstätten ausweichen.  Sein neues Hauptquartier hat Schachtjar heute in einem Kiewer Luxushotel aufgeschlagen, das ebenfalls dem Oligarchen gehört. In Kiew werden auch die Trainingseinheiten abgehalten.

1.200 Kilometer westwärts

Die Suche nach einem geeigneten Stadion für die Heimspiele erwies sich jedoch als deutlich schwieriger. Dieses musste schließlich den hohen internationalen Standards genügen. Fündig wurde man ausgerechnet in Lwiw, in der tiefsten Westukraine, wo man dem Klub und seinem Besitzer nicht gerade viel Sympathie entgegen bringt. Das Lwiwer Stadion wurde speziell zur EM errichtet, der örtliche Klub konnte sich die Miete in Folge nicht leisten. Achmetov und Schachtajar hatten schließlich keine andere Wahl, als in diesen saueren Apfel zu beißen. So spielt der Klub heute in einem Stadion, das 1.200 Kilometer von seiner ursprünglichen Heimat entfernt liegt und oft mehr Gästefans als die der Heimmannschaft beherbergt. Und Rinat Achmetow, dessen Einnahmequellen im Osten heute brach liegen, muss die aufkommenden Kosten tragen. Statt Neuverpflichtungen wurden jüngst Spieler verkauft. Achmetow selbst rutschte in der weltweiten Forbes-Liste der Milliardäre von Rang 47 (2013) auf aktuell Rang 771. Im gleichen Zeitraum schrumpfte sein Vermögen von geschätzten 15,4 auf 2,7 Milliarden Dollar.