Die ukrainische Flagge mit einem Fussball
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Im Exil: Fußball in der Ukraine

von Denis Kliewer

Die ukrainische Flagge mit einem Fussball
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In der Ukraine war Fußball schon immer sehr populär. Zu Sowjetzeiten waren die Klubs der Ukrainischen SSR in der Wysshaja Liga, der "Höchsten Liga", stark vertreten. Dynamo Kiew holte dort die meisten Titel. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion erlebte der ukrainischen Fußball jedoch zunächst eine schwere Zeit. Viele Topspieler wechselten nach Russland, weil sie sich dort bessere Karrierechancen versprachen. Und als Rechtsnachfolger der UdSSR erbte Russland auch fußballerisch alle Wertungspunkte der FIFA und UEFA.   

Alles auf Anfang

Andrej Schewtschenko (Kiew)
Einstmals einer der besten Stürmer der Welt: Andrej Schewtschenko (Aufnahme von 1999). Bildrechte: IMAGO

Der Neuanfang des ukrainischen Fußballs war schwer. Erst in den 2000ern konnte sich der ukrainische Fußball mit neuen talentierten Spielern wie Andrej Schewtschenko und unter dem legendären Trainer Oleg Blohin konsolidieren. Auch wenn die großen Erfolge ausblieben, war doch spätestens seit der WM-Teilnahme 2006 in Deutschland mit der Sbirna Ukrajiny zu rechnen.

Das Desaster von 2012

Ukrainische Fußballnationalelf 2012
Große Hoffnungens setzten die Ukrainischen Fußballfans in ihre Nationalelf im eigenen Land 2012. Bildrechte: dpa

Große Hoffnungen setzten die ukrainischen Fans in ihre Mannschaft bei der Heim-EM 2012, die gemeinsam mit Polen ausgetragen wurde. Ebenso groß war die Enttäuschung, als die Gelb-Blauen bereits in der Vorrunde ausgeschieden waren. Was dabei zum Politikum werden sollte, war die Tatsache, dass zwei der drei Vorrundenspiele im ostukrainischen Donezk ausgetragen wurden. Gewissermaßen ein fußballerisches Präludium des aktuellen Ukrainekonflikts.

Der Milliardärs-Klub

Im Mittelpunkt der Kritik stand damals Rinat Achmetov, einer der reichsten und mächtigsten Oligarchen des Landes. Ihm wurde vorgeworfen, das Gleichgewicht des ukrainischen Fußballs zu Gunsten des überwiegend russischen Ostens verschieben zu wollen. Tatsächlich war das Donezker Kohlebecken Achmetovs ureigene Spielwiese. Hier wurde er geboren, hier hat er studiert, hier hat er auch in den 1990er Jahren in der Kohle- und Stahlindustrie sein milliardenschweres Vermögen gemacht. Achmetov unterstützte großzügig die prorussische Partei der Regionen mit Präsident Janukowitsch an der Spitze. Seit 1995 ist er schließlich Besitzer des traditionsreichen Fußballvereins Schatjar Donezk. Mit massiven Investitionen brachte Achmetov den Bergarbeiter-Klub nicht nur an die Spitze der nationalen Liga, sondern auch zu wichtigen internationalen Erfolgen. 2009 wurde Schachtjar gegen Werder Bremen UEFA-Cup Sieger und spielt heute gegen die ganz Großen in der Champions League mit.

Zu Besuch im Kiewer Exil von Schachtar Donezk

Ostblogger Danko Handrick und sein Team haben in Kiew beim Training von Schachtar Donezk zugesehen
Fußball in Zeiten des Krieges – das heißt für die ukrainische Spitzenmannschaft FC Schachtar Donezk, im Exil zu trainieren und zu spielen. Das sportliche Aushängeschild der Ostukraine wählte im Sommer 2014 die ukrainische Hauptstadt Kiew als Ausweichquartier. Spieler und Betreuer leben und trainieren jetzt auf unabsehbare Zeit hier. Bildrechte: MDR/Markus Zergiebel
Ostblogger Danko Handrick und sein Team haben in Kiew beim Training von Schachtar Donezk zugesehen
Fußball in Zeiten des Krieges – das heißt für die ukrainische Spitzenmannschaft FC Schachtar Donezk, im Exil zu trainieren und zu spielen. Das sportliche Aushängeschild der Ostukraine wählte im Sommer 2014 die ukrainische Hauptstadt Kiew als Ausweichquartier. Spieler und Betreuer leben und trainieren jetzt auf unabsehbare Zeit hier. Bildrechte: MDR/Markus Zergiebel
Ostblogger Danko Handrick und sein Team haben in Kiew beim Training von Schachtar Donezk zugesehen
Timur Morozow ist Schachtar-Fan und hofft, dass seine Mannschaft bald wieder in Donezk spielen kann. Die Spiele im westukrainischen Exil seien fast immer wie Auswärtsspiele, weil es weder in Kiew noch in Lwiw (Lemberg) echte Schachtar-Fans gebe. Bildrechte: MDR/Markus Zergiebel
Ostblogger Danko Handrick und sein Team haben in Kiew beim Training von Schachtar Donezk zugesehen
Damit sich überhaupt Schachtar-Fans eine Reise zu den Spielen ihres Klubs in Lemberg leisten können, subventioniert Klub-Eigentümer Rinat Achmetow großzügig. Er trägt die Reisekosten und die Eintrittskarte gibt es für umgerechnet 90 Cent. Bildrechte: MDR/Markus Zergiebel
Ostblogger Danko Handrick und sein Team haben in Kiew beim Training von Schachtar Donezk zugesehen
Ungefähr die Hälfte der Mannschaft von Schachtar kommt aus Brasilien, zum Beispiel der offensive Mittelfeldspieler Wellington Nem. Fußball in Zeiten des Krieges – das geht auch an ihnen nicht spurlos vorbei. 2014 hatten sich einige der brasilianischen Spieler bei einem Freundschaftsspiel in Frankreich aus Angst um Gesundheit und Leben schon abgesetzt. Sie kehrten wenig später zurück, da ihre Chancen auf einen Wechsel zu einem anderen Klub sehr gering sind. Oligarch Achmetow verpflichtet ausländische Spieler weit über ihrem Marktwert. Kein Verein würde ihnen einen ähnlich hohen Verdienst zahlen oder eine überhöhte Ablösesumme für sie zahlen. Stellungnahmen zum Konflikt in der Ukraine sind von ihnen nicht zu bekommen. Bildrechte: MDR/Markus Zergiebel
Ostblogger Danko Handrick und sein Team haben in Kiew beim Training von Schachtar Donezk zugesehen
Bekannt ist der russlandnahe Fußballclub unter seinem russischen Namen "Schachtjor Donezk", aber auf Ukrainisch heißt der Verein "Shakhtar Donetsk" - wie der Name hier auf der Box zu sehen ist. Der russlandnahe Club aus der Ostukraine hat es nicht leicht bei den Kämpfen um Punkte auf nationalem Fußball-Parkett im westukrainischen Exil. Doch wenn der Traditionsklub international antritt, dann ist er wieder eine gesamtukrainische Mannschaft. So zum Beispiel am 17. Februar 2015, als Donetsk in seinem Exil in Lemberg den deutschen Rekordmeister Bayern München zum Champions-League-Achtelfinale empfing und ihm mit einem 0:0 die Stirn bot. Bildrechte: MDR/Markus Zergiebel
Ostblogger Danko Handrick und sein Team haben in Kiew beim Training von Schachtar Donezk zugesehen
Die Donezker Fußballer sind in der Ukraine die einzige Mannschaft, die mit dem Hauptstadtklub Dynamo Kiew mithalten können. Möglich wurde dies durch die Übernahme von Shakhtar durch den Milliardär Rinat Achmetow Mitte der 1990er-Jahre. Seitdem gewann Shakhtar neun Mal die Landesmeisterschaft und ebenso oft den Landespokal. Damit spielt Donezk auch regelmäßig im europäischen Klub-Fußball mit. 2009 gelang den "Bergarbeitern" gegen Werder Bremen sogar der Sieg im UEFA-Cup. Bildrechte: MDR/Markus Zergiebel
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Ein Land verändert sich

Doch 2014 erlebte die Ukraine ihre zweite Maidanrevolution. Mitten in Kiew fanden blutige Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten statt. Präsident Janukowitsch und seine engsten Vertrauten verließen fluchtartig das Land. Die Krim wurde von Russland annektiert und im Donezker und Lugansker Gebiet entfesselten Separatisten mit russischer Unterstützung einen unerbittlichen Kampf gegen die neue ukrainische Regierung. Innerhalb weniger Wochen veränderte sich alles im Land, auch der Fußball.

Fußballklubs wechseln die Seiten oder gehen ins Exil

Zusammen mit der Krim wechselten auch die beiden Erstligaklubs der Halbinsel die Seiten – Tawrija Simferopol und  PFK Sewastopol wurden russisch. Die ukrainische Premjer Liha musste von 16 auf 14 Teilnehmer reduziert werden. Vier Klubs aus der umkämpften Ostukraine mussten ins Exil gehen, darunter die Erstligisten Sorja Lugansk und Achmetovs Schachtjar Donezk.

Von der Arena ins Luxushotel

Anhand von Schachtjar wird die Tragweite des Einschnitts am deutlichsten sichtbar. Die moderne Donbass-Arena, von Achmetow für rund 176 Millionen Euro erbaut und 2009 eröffnet, wurde nach zwei Granatentreffern unbespielbar. Der Klub musste auf andere Trainings- und Spielstätten ausweichen.  Sein neues Hauptquartier hat Schachtjar heute in einem Kiewer Luxushotel aufgeschlagen, das ebenfalls dem Oligarchen gehört. In Kiew werden auch die Trainingseinheiten abgehalten.

1.200 Kilometer westwärts

Die Suche nach einem geeigneten Stadion für die Heimspiele erwies sich jedoch als deutlich schwieriger. Dieses musste schließlich den hohen internationalen Standards genügen. Fündig wurde man ausgerechnet in Lwiw, in der tiefsten Westukraine, wo man dem Klub und seinem Besitzer nicht gerade viel Sympathie entgegen bringt. Das Lwiwer Stadion wurde speziell zur EM errichtet, der örtliche Klub konnte sich die Miete in Folge nicht leisten. Achmetov und Schachtajar hatten schließlich keine andere Wahl, als in diesen saueren Apfel zu beißen. So spielt der Klub heute in einem Stadion, das 1.200 Kilometer von seiner ursprünglichen Heimat entfernt liegt und oft mehr Gästefans als die der Heimmannschaft beherbergt. Und Rinat Achmetow, dessen Einnahmequellen im Osten heute brach liegen, muss die aufkommenden Kosten tragen. Statt Neuverpflichtungen wurden jüngst Spieler verkauft. Achmetow selbst rutschte in der weltweiten Forbes-Liste der Milliardäre von Rang 47 (2013) auf aktuell Rang 771. Im gleichen Zeitraum schrumpfte sein Vermögen von geschätzten 15,4 auf 2,7 Milliarden Dollar.

Zuletzt aktualisiert: 10. Juni 2016, 12:26 Uhr