Neubauten in Moskau
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Russisches Parlament macht den Weg für den Abriss tausender Plattenbauten in Moskau frei

Die Staatsduma hat am Freitag in zweiter Lesung dem sogenannte Renovierungsgesetz zugestimmt. Es macht den Weg für den Abriss tausender Häuser im Zentrum Moskaus frei. Den Bewohnern droht eine Umsiedlung.

Neubauten in Moskau
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Trotz Protesten hat die russische Staatsduma einem gigantischen Bauprojekt in Moskau zugestimmt. Tausende Plattenbauten aus der Nachkriegszeit, vor allem sogenannte Chruschtschowkas, sollen abgerissen werden. Das berichtete die russische Nachrichtenagentur Interfax am Freitagabend. Nach Angaben des stellvertretende Parlamentspräsidenten Pjotr Tolstoi werden jedoch nur Wohnhäuser entfernt, deren Bewohner zuvor mehrheitlich zugestimmt hätten. Das Gesetz zur Erneuerung baufälligen Gebäudebestands in Moskau muss offiziell in einer weiteren Lesung genehmigt werden, das gilt jedoch in der Regel als Formalie. Nach Angaben des Radiosenders Echo Moskwy demonstrierten am Freitag rund 200 Menschen stundenlang vor der Duma. Ein Oppositionspolitiker und drei weitere Teilnehmer wurden kurzzeitig festgenommen. Das Projekt von Bürgermeister Sergej Sobjanin trifft seit Wochen auf Widerstand, viele rechtliche und finanzielle Fragen sind ungeklärt. Viele betroffene Moskauer fürchten zudem, aus der Innenstadt in Hochhausviertel am Rand Moskaus umgesiedelt zu werden. Präsident Wladimir Putin hat die Pläne zwar begrüßt. Doch die soziale Unruhe in Moskau, die Sobjanin ausgelöst hat, kommt für den Kreml ungelegen. Im kommenden Jahr findet sowohl die Bürgermeisterwahl in Moskau als auch die Präsidentenwahl statt, bei der Putin absehbar antreten wird.

Das sogenannte Renovierungsgesetz war bereits Ende April in erster parlamentarischer Lesung angenommen worden. In der Bevölkerung ist das Vorhaben jedoch höchst umstritten. So war zunächst von rund 8.000 Gebäuden die Rede, die abgerissen und deren Bewohner umgesiedelt werden sollten. Dabei sind viele der Wohnhäuser alles andere als sanierungsbedürftig und befinden sich zudem in bester Stadtlage. Deswegen befürchten Betroffene kommerzielle Interessen hinter dem Abrissprogramm und sehen ihr Recht auf Wohneigentum in Gefahr, da sie keine Möglichkeit haben, gerichtlich gegen eine Umsiedlung vorzugehen.  

Bei einer Anhörung am 6. Juni 2017 hatten neben Politikern auch 300 Bürger in der Duma die Möglichkeit, sich zum Thema zu äußern. Nach Aussage eines Parlamentariers konnte jeder der 24 Moskauer Abgeordneten aus seinem Wahlkreis bis zu zehn Bürger zur Teilnahme an der Diskussion einladen.  Ausgewiesene Gegner des "Revovierungsgesetzes" waren offenbar nicht zur Anhörung zugelassen worden. Außerdem war bekannt geworden, dass Vertreter der Staatsduma 16.000 von 20.000 dort eingereichten Protestunterschriften als gefälscht abgelehnt hatten.

An einer Protestkundgebung gegen das Gesetz am 14. Mai in Moskau waren nach Angaben der Veranstalter mehr als 20.000 Menschen gekommen. Die Teilnehmer forderten, das Gesetz komplett zurück zu nehmen. Mittlerweile hat die Stadtverwaltung darauf reagiert und umfangreiche Änderungen ins Gesetz eingebracht.    

Osteuropa

Chruschtschowkas: Moskaus billige Wohnungen sollen verschwinden

Sie wurden ab Ende der 1950er Jahre in Moskau gebaut: Chruschtschowkas. Nun sollen die billigen Plattenbauten Luxusappartements weichen. Die Bewohner der Chruschtschowkas sollen neue Wohnungen bekommen.

Wohnanlagen am Abend mit Lichtern in den Fenstern, 2009
Wohnen in Moskau. Wohnen in Chruschtschowkas. Nicht komfortabel aber preiswert. Und ... Bildrechte: IMAGO
Wohnanlagen am Abend mit Lichtern in den Fenstern, 2009
Wohnen in Moskau. Wohnen in Chruschtschowkas. Nicht komfortabel aber preiswert. Und ... Bildrechte: IMAGO
Moskau
... oft in bester Lage. Mitten im Zentrum. Doch Moskau wächst. Zunehmend auch in die Höhe. Baugrund ist knapp und teuer. Bildrechte: IMAGO
Nikita Sergejewitsch Chruschtschow
Mit dem Bau der Häuser wurde Ende der 1950er Jahre begonnen. Damals war Nikita Chruschtschow Partei- und Staatschef und so wurde er zum Namensgeber für die Plattenbauten. Bildrechte: IMAGO
Neubauten werden 1962 gebaut
Die Vier- und Fünfgeschosser wurden damals schnell hochgezogen, um die akute Wohnungsnot zu mildern. Bildrechte: IMAGO
Moskau Wohnhäuser Chruschtschowkas Chruschtschowki
Die meisten Chruschtschowkas wurden aus Betonfertigelementen gebaut. Die hellhörigen und schlecht gedämmten Wohnungen mit einer prognostizierten Lebensdauer von 30 bis 50 Jahren waren als Übergangslösung gedacht. Bildrechte: IMAGO
4-Stöckiger Chruschtschowka Wohnblock
Doch die meisten Chruschtschowkas stehen immer noch. Anfang der 1990er Jahre wurden die damaligen Mieter Eigentümer der Wohnungen. Und so unkomfortabel die Wohnungen auch sein mögen: So mancher Bewohner will nicht so ohne weiteres weg. Bildrechte: IMAGO
Mütter mit ihren Kindern auf einem Spielplatz in einem begrünten Hinterhof in einem Wohngebiet im Zentrum von Moskau, aufgenommen im Mai 2005
Zwar sind die Wohnungen nicht einmal drittklassig, doch das Umfeld stimmt: Zwischen den Häusern gibt es kleine Parks und Spielplätze. Läden, Schulen und Kliniken sind oft in Laufweite. Bildrechte: dpa
Ein Fünfstöckiges Haus der Chruschtschow-Zeit wird abgerissen
Doch der Abriss hat bereits begonnen. Bildrechte: IMAGO
Sergej Sobjanin
Auf Initiative von Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin hat das Parlament nun ein Gesetz beschlossen, das den Weg für den Abriss von tausenden Chruschtschowkas frei macht. Auf den frei werdenden Flächen sollen Hochhäuser mit Luxusappartements entstehen. Den Bewohnern der Plattenbauten verspricht man Ersatzwohnraum. Bildrechte: IMAGO
HIO Moskau Wohnhäuser Chruschtschowkas Chruschtschowki
Sie sollen möglichst Wohnungen in ihrem Quartier bekommen. Doch einige Chruschtschowkabewohner befürchten, dass sie am Ende doch an der Peripherie Moskaus landen. Bildrechte: IMAGO
Moskau Wohnhäuser Chruschtschowkas Chruschtschowki Demo
Gegen das "Renovierungsgesetz" und die Umsiedlung der Chruschtschowkabewohner hatten in Moskau tausende Menschen demonstriert. Die Frustration sei so groß, dass einige Betroffene bereit seien, für ihre Wohnung zu töten, hatte eine russische Journalistin der MDR-Redaktion "HEUTE IM OSTEN" Afang Mai 2017 gesagt. Bildrechte: IMAGO
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4-Stöckiger Chruschtschowka Wohnblock
Doch die meisten Chruschtschowkas stehen immer noch. Anfang der 1990er Jahre wurden die damaligen Mieter Eigentümer der Wohnungen. Und so unkomfortabel die Wohnungen auch sein mögen: So mancher Bewohner will nicht so ohne weiteres weg. Bildrechte: IMAGO

Über dieses Thema berichtet der MDR im TV auch in: MDR AKTUELL | 09.06.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Juni 2017, 22:11 Uhr