Ukraine Die Zeit der Oligarchen ist vorbei

Die ukrainischen Oligarchen haben massiv an Vermögen und Einfluss verloren. Ihre Zeit sei vorbei, sagt Jurij Jakymenko vom Kiewer Razumkov Centre, einer der ältesten NGOs der Ukraine. Bald würden sie verschwunden sein.

Herr Jakymenko, den wichtigsten Oligarchen der Ukraine geht es schlecht. Rinat Achmetow und Ihor Kolomojskyj verlieren ihr Vermögen, Dmytro Firtasch könnte von Österreich doch an die USA ausgeliefert werden. Womit hat diese Entwicklung aus Ihrer Sicht zu tun?

Zunächst einmal möchte ich betonen, dass ich vom Begriff "Oligarch" im Jahr 2017 nur wenig halte. Die Leute, die Sie ansprechen, waren tatsächlich Oligarchen, doch es ist schon eine Weile her. Denn die Vertreter der großen Wirtschaft haben längst nicht mehr den Einfluss, den sie früher hatten. Diese Entwicklung nahm komischerweise 2010 Fahrt auf, als Wiktor Janukowitsch den Präsidentenposten übernahm. Er wollte seine Vormachtstellung festigen und hat dabei ehemalige Oligarchen quasi entmachtet. Nach der Maidan-Revolution ist die generelle Linie natürlich eine etwas andere, doch der Trend bleibt: Die Oligarchen haben immer weniger Einfluss auf die aktuelle Politik - und sind damit eigentlich keine Oligarchen mehr.

Es bleibt jedoch dabei, dass mit Petro Poroschenko ein Vertreter der großen Wirtschaft das Amt des Präsidenten ausübt. Manche Medien betonen, er wäre mittlerweile der einzige Oligarch, der zulegt. Wie sehen Sie das?

Die Behauptung an sich sehe ich skeptisch, zumal Poroschenko nach seiner Wahl die Kontrolle über sein Unternehmen an einen Blind Trust übergeben hat. Wie kann einer zulegen, wenn er sein Unternehmen nicht kontrolliert? Das wäre sowieso nur Theorie, doch auch diese geht aus Statistiken nicht vor. Dass Poroschenko sich als Präsident sicherer als andere fühlt, ist allerdings unumstritten. Ebenfalls wie die Tatsache, dass er versucht, seine Macht zu festigen. Und das gelingt ihm offenbar auch.

Es ist bemerkenswert, dass Achmetow, Kolomojskyj und Firtasch gleichzeitig Probleme kriegen. Ist das in der Form eher ein Zufall oder eine Bestätigung der Tendenz, dass die Oligarchen ihren Einfluss verlieren?

Firtaschs Probleme mit der US-amerikanischen Justiz haben auf jeden Fall ihre Besonderheiten. Bei Achmetow und Kolomojskyj mischt selbstverständlich auch die große Politik mit. Sie sind aber nicht die einzigen. Die Top 20 reichsten Menschen des Landes müssen gerade kämpfen. Da muss von einer Tendenz, von einem Trend gesprochen werden. Und dieser Trend ist, dass die rohstoffabhängige Wirtschaft, von der Achmetow, Kolomojskyj oder Firtasch profitieren, weltweit an Bedeutung verliert. Weil die Ukraine von dieser Wirtschaft immer noch sehr abhängig ist, muss das Land mit massiven Nachteilen leben. Faktisch ist das also die Wirtschaft von vorgestern. Und genau das ändert sich gerade.

Heißt das, die Ukraine würde in zehn Jahren keine Achmetows und Kolomojskyjs mehr haben?

Ich kann die Zukunft nicht vorhersehen, das ist nicht mein Job. Klar ist jedoch: Wir sind in unserer marktwirtschaftlichen Entwicklung viel zu spät. Doch normalerweise ist die Zeit der Oligarchen nun vorbei. Wenn es so weitergeht wie jetzt, werden sie bald keinen Platz mehr haben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Jurij Jakymenko ist seit November 2011 stellvertretender Generaldirektor des Kiewer Razumkov Centre, einer der ältesten politischen NGOs der Ukraine. Zwischen 1995 und 2002 arbeitete der 50-Jährige in verschiedenen Funktionen in der Präsidialverwaltung des ukrainischen Präsidenten.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR | 14.04.2016 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. April 2017, 19:09 Uhr