Fresko in Sankt-Georgs-Kirche „Capra“ in Bukarest
Fresko in der Sankt-Georgs-Kirche "Capra" in Bukarest. Bildrechte: Anton Roland Laub

Rumänien Der Mann, der Kirchen versetzte

Der Glaube versetzt Berge, heißt es so oft. In den 1980er-Jahren versetzte ein rumänischer Ingenieur hingegen Kirchen. Ihn trieb dabei weniger der Glaube, als vielmehr die technische Herausforderung. Wir haben ihn in Bukarest besucht.

von Annett Müller

Fresko in Sankt-Georgs-Kirche „Capra“ in Bukarest
Fresko in der Sankt-Georgs-Kirche "Capra" in Bukarest. Bildrechte: Anton Roland Laub

Wie eine rund 700 Tonnen schwere Kirche um mehr als 200 Meter verschieben, um das Gotteshaus vor dem Abriss zu bewahren? Der Bukarester Bauingenieur Eugeniu Iordachescu kann sich noch sehr genau an diese Operation erinnern, auch wenn sie gut 36 Jahre zurückliegt: "Meine Kollegen hatten mich für die Idee für verrückt erklärt.“

Im Schneckentempo umgezogen

Bukarester Ingenieur Eugeniu Iordachescu
Der Bukarester Ingenieur Eugeniu Iordachescu erfand eine Lösung, wie man Kirchen versetzen kann. Bildrechte: Annett Müller/MDR

Fünf Monate dauerte die Vorbereitung zur Umsetzung: Der Kirchenboden wurde entfernt und durch eine Stahlkonstruktion ersetzt, in die die Arbeiter Beton pumpten. Auf der neu entstandenen Platte konnte das Gotteshaus wie auf einem Tablett auf ausgelegte Schienen gesetzt und mit Seilwinden zum neuen Bestimmungsort gezogen werden.

Mit einer Geschwindigkeit von zwei bis drei Metern pro Stunde ging es im Schneckentempo voran. Rund 100 Stunden dauerte die Umsetzungsaktion. Die Kirche hätte in sich zusammenrutschen können, doch die Premiere ging tadellos über die Bühne. "Ich hatte riesiges Lampenfieber", erzählt der 89-jährige Bauingenieur im MDR-Interview. "Die Arbeiter bekreuzigten sich während der Operation, sie sprachen von einem Wunder, als sie sahen, wie sich die Kirche bewegte." Iordachescu rettete mit dem orthodoxen Gotteshaus ein fast 300 Jahre altes Kulturdenkmal.

Neue Architektur für "neuen Menschen"

Die Versetzung der "Schitul Maicilor" gilt bis heute in Rumänien als technisches Meisterwerk, zugleich ist sie Teil einer skurrilen Geschichte im Ceausescu-Regime. Nach einem schweren Erdbeben von 1977 ließ der Diktator die Innenstadt umbauen. "Systematisierung" nannte er seine Pläne, die er Jahre zuvor schon in anderen Städten und Dörfern erprobt hatte: Die bürgerliche Wohnkultur sollte ersetzt, Städte verdichtet und verstreute Dörfer zu Zentraldörfern zusammengelegt werden.

Nicolae Ceausescu träumte von einer neuen Architektur für den vermeintlichen "neuen Typus des sozialistischen Menschen", er sah ihn in Plattenbauten leben und in Kollektiv-Kantinen speisen. Für sich selbst konzipierte der Diktator in den 1980er-Jahren das komplette Gegenteil: eine pompöse Machtzentrale, in der er über Zentralkomitee, Parteiführung und Ministerien schalten und walten wollte. Allein in Bukarest wurden deshalb zehntausende Menschen zwangsumgesiedelt, Tausende Einfamilienhäuser dem Erdboden gleichgemacht - die "Systematisierung" wurde für viele Bukarester zur persönlichen Tragödie.

Kirche wie auf ein Tablett heben

Vereinzelt gab es heftige Proteste in der Hauptstadt, stoppen konnten sie den Ceausescu-Plan nicht. In den 1980er-Jahren verschwand ein Drittel des historischen Stadtzentrums in Bukarest, über 20 Kirchen wurden geschliffen, weil sie im Weg standen. Sieben Gotteshäuser aber blieben vom Abriss verschont, dank Iordachescus Idee, sie "ein paar Meter hinter die Sichtachsen der kommunistischen Prachtboulevards zu schieben". Den Bukarester Ingenieur trieb bei der Umsetzung weniger der Glaube an Gott, als vielmehr die technische Herausforderung. "In vielen schlaflosen Nächten hatte ich nach einer Lösung gegrübelt“, erzählt Iordachescu. Die Idee kam ihm, als er einen Kellner beobachtete, der mühelos Gläser auf einem Tablett balancierte: "Ich dachte, ich muss die Kirche wie auf einem Tablett abstellen."

Sankt-Georgs-Kirche „Capra“ in Bukarest, Bild um 1985
Die Sankt-Georgs-Kirche "Capra" in Bukarest (Bild von 1985) Bildrechte: Eugeniu Iordachescu

"Retter der Kirchen"

Bukarester Ingenieur Eugeniu Iordachescu (rechts) neben dem früheren Patriarchen der Rumänisch-Orthodoxen Kirche, Iustin Moisescu, Bild stammt aus den 1980er-Jahre
Ehre von der Kirchenführung: Der frühere Patriarch der Rumänisch-Orthodoxen Kirche, Iustin Moisescu mit Ingenieur Iordachescu (rechts). Das Bild stammt aus den 1980er-Jahren. Bildrechte: Eugeniu Iordachescu

Auch wenn Iordachescus Erfindung in Rumänien bis heute als Novum gefeiert wird, neu ist seine Idee nicht. Schon vor über 100 Jahren wurde 1907 im badischen Ebingen eine Villa auf Schienen auf die andere Straßenseite gezogen. In den 1960er-Jahren ließ man auf diese Weise ägyptische Tempelanlagen umsetzen, weil sie einem Stausee im Weg standen. Ingenieur Eugeniu Iordachescu wusste davon nichts. Es gab kein Internet, es herrschte Kalter Krieg und Iordachescu musste sich seine Methode selbst ausdenken. Rumänische Medien feiern ihn heute noch als den "Retter der Kirchen". In der Tat wären die Gotteshäuser ohne seinen Einsatz abgerissen worden.

"Trauma für die gesamte Familie"

Anton Roland Laub
In Bukarest geboren, in Berlin lebend: Fotograf Anton Roland Laub. Bildrechte: Lotte Laub

Stattdessen blieben die sakralen Bauten erhalten. Sie wurden hinter kommunistischen Plattenbauten und mehrgeschossigen Ministerien versteckt, und damit symbolisch und physisch aus der Öffentlichkeit verdrängt. "Sie sollten unsichtbar sein", sagt der aus Bukarest stammende Fotograf Anton Roland Laub im MDR-Interview. Er hatte Mühe, die Gotteshäuser in der räumlichen Enge mit seiner Kamera einzufangen. Laub will den beweglichen Kirchen - den "Mobile churches" - wie er seinen Fotobuch von 2017 nennt, ein Gesicht geben.

Als Kind hatte er die sogenannte Systematisierung selbst erlebt. Für den sozialistischen Umbau von Bukarest wurde das Elternhaus von Laubs Mutter abgerissen: "Mein Großvater erlitt daraufhin einen Schlaganfall und verstarb später. Er musste damit den Abriss nicht mehr erleben. Seine Familie musste danach in einen unfertigen, monontonen Plattenbau ziehen," erzählt Laub. Die Versetzung sei ein "Trauma für die gesamte Familie" gewesen.

Launisches Diktatoren-Ehepaar

Hommage an das Diktatoren-Ehepaar Elena und Nicolae Ceausescu - Das Gemälde stammt vom rumänischen Maler Ion Bitzan.
Hommage an das Diktatoren-Ehepaar, das Gemälde stammt vom rumänischen Maler Ion Bitzan. Bildrechte: Annett Müller/MDR

Doch warum ließ der Diktator in seinem Abrisswahn ausgerechnet sieben Kirchen retten? Ceausescu galt als atheistisch, christliche Feiertage wurden im kommunistischen Regime abgeschafft. Und dennoch ließen sich die meisten Rumänen den Glauben nicht verbieten. Selbst hochrangige Parteifunktionäre gingen heimlich in die Kirche oder ließen sich zu nächtlicher Stunde trauen, weil sie glaubten, dass es dann niemand mitbekommen würde.

Anton Roland Laub recherchierte in den vergangenen Jahren in Bukarest die Geschichte der versetzten Gotteshäuser, sprach mit Architekten und Urbanisten, studierte sämtliche Protokolle der Bau-Besprechungen mit dem Diktatoren-Ehepaar: "Nicolae und Elena Ceausescu waren so launisch, dass sie ständig ihre Entscheidungen revidierten und absurde Dinge entschieden." Auf diese Weise überlebten auch die sieben Kirchen.

Die beweglichen Kirchen von Bukarest

„Schitul Maicilor“ - Nonneneinsiedelei in Bukarest, Bild um 1982
Für seinen Palast ließ der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu ein Drittel der Altstadt von Bukarest abreißen. Bei sieben Kirchen, die ihm im Wege standen, ließ er Gnade walten. Sie wurden auf Schienen weggezogen.

Die "Schitul Maicilor" - eine Nonneneinsiedelei von 1726 war die erste von sieben Kirchen, die Ingenieur Eugeniu Iordachescu in Bukarest von 1982 an versetzen ließ. Die Kirche wurde durch Bohrlöcher in den Kirchenwänden am Fundament horizontal abgeschnitten und mit einer neuen Bodenplatte versehen, die wie ein Tablett funktionierte, sodass man das Gotteshaus auf Schienen heben konnte.
Bildrechte: Eugeniu Iordachescu
Plan zur Versetzung der Kirche „Schitul Maicilor“ in Bukarest
Die Zeichnung zeigt die damaligen Planungen für die Versetzung - von Standort 1 zu Standort 2. Insgesamt mussten 245 Meter überwunden werden. 101 Stunden dauerte die Aktion. Bildrechte: Eugeniu Iordachescu
Bukarester Ingenieur Eugeniu Iordachescu mit einem Bild, auf dem von ihm versetzten Sankt-Nikolaus-Kirche in Bukarest zu sehen ist
… um an diesen Standort in der Innenstadt zu gelangen. Nicht alle Kirchen wurden mit dem Segen ihrer Priester versetzt. Einige Geistliche befürchteten, dass mit der Verschiebung die Originalität des Gotteshaus verloren gehen würde. Bildrechte: Anton Roland Laub
Sankt-Nikolaus-Kirche des Klosters Mihai Voda in Bukarest
Besonders schnell ging es bei der Neuen-Sankt-Johannes-Kirche am 30. Mai 1986 zu. In nur vier Stunden war die Aktion beendet, das Gotteshaus wurde aber auch nur um 23 Meter versetzt. Ein Umzug mit Folgen … Bildrechte: Eugeniu Iordachescu
Umstrittenes Fresko in der Sankt-Nikolaus-Kirche in Bukarest
Das orthodoxe Gotteshaus steht heute eingekeilt zwischen Hochhäuser im Zentrum von Bukarest. Die Blocks überragen die Kirche um einiges. Bildrechte: Annett Müller/MDR
Im Inneren der „Olari“-Kirche in Bukarest ein Bild des rumänisch-orthodoxen Patriarchen Daniel
Im Inneren der Kirche ein Bild des aktuellen Patriarchen Daniel. Fotograf Anton Roland Laub ist bei seinen Recherchen unter den Bukarestern auf viel Unmut über die orthodoxe Kirche gestoßen: "Vor 1989 wurde die Kirche aus dem öffentlichen Raum verdrängt, heute ist sie hingegen omnipräsent." Bildrechte: Anton Roland Laub
„Schitul Maicilor“ - Nonneneinsiedelei in Bukarest, Bild um 1982
Für seinen Palast ließ der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu ein Drittel der Altstadt von Bukarest abreißen. Bei sieben Kirchen, die ihm im Wege standen, ließ er Gnade walten. Sie wurden auf Schienen weggezogen.

Die "Schitul Maicilor" - eine Nonneneinsiedelei von 1726 war die erste von sieben Kirchen, die Ingenieur Eugeniu Iordachescu in Bukarest von 1982 an versetzen ließ. Die Kirche wurde durch Bohrlöcher in den Kirchenwänden am Fundament horizontal abgeschnitten und mit einer neuen Bodenplatte versehen, die wie ein Tablett funktionierte, sodass man das Gotteshaus auf Schienen heben konnte.
Bildrechte: Eugeniu Iordachescu
„Schitul Maicilor“ - Nonneneinsiedelei in Bukarest nach ihrer Versetzung 1982
Die "Schitul Maicilor" nach der Verschiebung - im Bild hinten. Am ursprünglichen Ort war das orthodoxe Gotteshaus noch von einer Klosteranlage von 1726 umgeben. Die musste zurückbleiben und wurde abgerissen. Bildrechte: Eugeniu Iordachescu
„Schitul Maicilor“ - Nonneneinsiedelei in Bukarest
Der in Berlin lebende Fotograf Anton Roland Laub nahm die "Schitul Maicilor" im Winter auf. Laub nennt die Umsetzung der sieben Kirchen eine "Rettung in die Bedeutungslosigkeit". Bildrechte: Anton Roland Laub
„Schitul Maicilor“ - Nonneneinsiedelei in Bukarest nach ihrer Versetzung 1982
Nur einen Monat nach der Versetzung im Juni 1982 musste das orthodoxe Gotteshaus auf Druck von Ceausescu schließen. Die Kirche wurde erst nach dem Sturz des Diktators wieder für die Gläubigen geöffnet. Es kommt nur, wer sie auch kennt. Viele würde im Innenhof der Blöcke gar keine Kirche vermuten. Bildrechte: Annett Müller/MDR
„Schitul Maicilor“ - Nonneneinsiedelei in Bukarest
Auf dem Foto, das Ingenieur Iordachescu hält, ist die Sankt-Nikolaus-Kirche zu sehen - das älteste Bauwerk, das der Fachexperte versetzen ließ. Das Gotteshaus stammt von 1591. Bildrechte: Annett Müller/MDR
„Schitul Maicilor“ - Nonneneinsiedelei in Bukarest
Rund 290 Meter legte das Gotteshaus im Oktober 1985 zurück … Bildrechte: Eugeniu Iordachescu
Versetzung von Sankt-Nikolaus-Kirche des Klosters Mihai Voda im Jahr 1985
Unverarbeitete Vergangenheit in der Sankt-Nikolaus-Kirche: Auf einem Fresko ist der Hitler-Verbündete Ion Antonescu (links) mit dem orthodoxen Patriarchen Nicodim Munteanu zu sehen. Hinweise zu den Verbrechen Antonescus fehlen. Unter seiner Militärdiktatur waren Anfang der 1940er-Jahre Hunderttausende Juden Opfer des Holocaust in Rumänien geworden. Darüber hinaus ließ Antonescu auch viele Roma in Arbeitslager nach Transnistrien deportieren. Bildrechte: Annett Müller/MDR
Kirche des Entschlafens der Gottesmutter „Olari“ in Bukarest
Die Kirchen wurden alle auf Schienen gesetzt und mit Seilwinden an ihren Bestimmungsort gezogen. Ein Bild der "Olari"-Kirche, die im Jahr 1758 fertig gebaut worden war. Bildrechte: Eugeniu Iordachescu
Kirche des Entschlafens der Gottesmutter „Olari“ in Bukarest
Ihre Umsetzung Anfang der 1980er-Jahre dauerte 43 Stunden. Bildrechte: Anton Roland Laub
Bau der Kathedrale der Erlösung des rumänischen Volkes in Bukarest
Der Unmut hat damit zu tun, dass in der Nachbarschaft des einstigen Ceausescu-Palastes derzeit die Kathedrale der Erlösung des rumänischen Volkes entsteht: Ihre Grundfläche entspricht zwei Fußballfeldern - Platz für mindestens 5.000 Gläubige. 120 Meter hoch soll sie werden - vergleichbar mit einem 30-geschossigen Hochhaus. Das ist höher als der frühere Diktatoren-Palast. Veranschlagte Kosten laut Kirche: 91 Millionen Euro. Bildrechte: Annett Müller/MDR
Rumänien - Rumänisches Parlament
Diesen Palast ließ der rumänische Diktator für sich bauen. In dem größten Bauwerk Europas sitzen heute unter anderem das rumänische Parlament und das Verfassungsgericht Rumäniens. Bildrechte: Annett Müller/MDR
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Alles bald vergessen?

Keiner hatte in den 1980er-Jahren geglaubt, dass man Gotteshäuser versetzen und ein Stück beiseite schieben kann. Ingenieur Eugeniu Iordachescu belehrte sie alle eines Besseren, auch die Ceausescus. "In spätestens 50 Jahren werden die Leute denken, dass man die Kirchen genau dort gebaut hat, wo sie jetzt stehen", glaubt Iordachesu. Sollte er Recht behalten, wäre der brutale Eingriff des Diktator-Ehepaares in die Bukarester Stadtarchitektur vergessen und Geschichte.

Kirche des Entschlafens der Gottesmutter „Olari“ in Bukarest, Bild um 1982
Kurz vor dem Umzug 1982: Kirche des Entschlafens der Gottesmutter "Olari" in Bukarest. Bildrechte: Eugeniu Iordachescu

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im Fernsehen: Zeitreise | 18.04.2017 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Mai 2018, 22:17 Uhr