Rumänien nach 1990 Gehen oder bleiben?

Weil sich in Rumänien die Wende nur langsam vollzieht, sind etwa drei Millionen Menschen ausgewandert. Auch die "Wende-Generation" sucht ihr Glück fern der Heimat.

von Annett Müller

Selbst in seiner Berliner Wohnung hat Ciprian Cirniala eine Landkarte von Rumänien aufgehängt. "Familientradition", sagt der 33-Jährige. "Vor der Wende haben wir vor der Karte sitzend überlegt, wohin wir fahren würden." Inzwischen ist die rumänische Landkarte ist zu klein geworden. Cirniala braucht für seine Lebenswelt eine Weltkarte: Der Historiker ist nach Berlin gezogen, um seine Doktorarbeit zu schreiben. Seine Mutter arbeitet in Italien. Onkel, Tante und Nichten haben Fahrkarten nach Spanien und Kanada gelöst, um dort ihr Glück zu suchen. Nur der Vater ist zu Hause geblieben, mit 57 ist er zu alt für einen Job im Westen: Er hütet das Haus in Bivolari, einer rund 4.500 Einwohner zählenden Gemeinde in der ostrumänischen Moldau - einer der ärmsten Regionen Europas, wo viele mit 150 Euro im Monat auskommen müssen. Das ist selbst im dörflichen Bivolari viel zu wenig zum Leben.

Erdbeerpflücker - erste Auswanderer-Generation

Die Cirnialas gehören zu den drei Millionen Rumänen, die mittlerweile im Ausland arbeiten. Lange Zeit hat man sie in der Heimat abschätzig "Erdbeerpflücker" genannt, weil die erste Auswanderer-Generation in den 1990er-Jahren als Tagelöhner auf spanischen Erdbeerfeldern anheuerte. Das ist Vergangenheit, längst verdingen sich Rumänen in allen möglichen Berufen im Ausland: Als Handwerker auf Baustellen und Obstplantagen; in deutschen Kliniken als Krankenschwestern oder Ärzte oder sie pflegen, wie Ciprians Mutter, privat Senioren. Die Alternative wäre gewesen, dass die 54-Jährige in ihrer Heimat ein Stück Ackerland bewirtschaftet oder auf dem Schwarzmarkt geschmuggelte Waren vertreibt. Die Mutter hat bei diesen Zukunftsaussichten lieber die Flucht nach vorn angetreten. "Wo man geboren ist, ist Zufall", sagt ihr Sohn Ciprian, "das Schicksal aber sollte man selbst in die Hand nehmen". Und so arbeitet die Mutter eben jetzt in Italien. Er selbst wird als Akademiker eines Tages mit seinem Doktortitel an einer Hochschule unterrichten können - ob in Deutschland oder anderswo. Dem mehrsprachigen jungen Mann steht die Welt offen.

Milliarden Euro für Zuhause

Gehen oder bleiben? Diese Frage stellt sich seit der Wende ganz Rumänien. Wer geht, verändert seine Heimat aus der Ferne. Denn die Auswanderer schicken jährlich Milliarden Euro ins Land, um die daheimgebliebene Verwandtschaft zu unterstützen. Sie kurbelten damit zu Hause in den vergangenen Jahren deutlich die Wirtschaft an. Doch ihr Weggang hat auch Kehrseiten: Beispielsweise die "allein gelassene Eurogeneration" - Kinder, deren Eltern im Ausland arbeiten und deswegen zu Hause allein oder bei den Großeltern aufwachsen. Laut rumänischer UNICEF ist derzeit fast jedes zehnte Kind in Rumänien davon betroffen. Sie erleben die Wende und Öffnung des Landes - 23 Jahre später - als persönliches Drama. Sie lernen schon in der Kindheit, dass erst die Arbeit kommt und dann die Familie.

Doch nicht nur das. Folge der millionenfachen Auswanderung ist zudem ein enormer Arbeitskräftemangel in Rumänien. Wer zu Hause geblieben ist, könnte eine gute Stelle ergattern. Doch statt sich zunächst Qualifikationen zu erarbeiten, wird gern geschummelt: Junge Leute blähen ihre Lebensläufe künstlich auf, um schnell Karriere zu machen. Und ausgerechnet der rumänische Regierungschef Victor Ponta ist dabei das prominenteste Beispiel: Die Universität Bukarest wies dem studierten Juristen im vorigen Jahr ein massives Plagiat seiner Doktorarbeit nach. Ein Drittel der Arbeit soll er eins zu eins abgekupfert haben. Doch weil in Rumänien das Bildungsministerium und nicht die Hochschulen den Doktortitel entziehen dürfen, sitzt Ponta als Kabinettschef die Sache aus. Für ihn kam weder der Titel-Entzug noch der Rücktritt in Frage. Von seinem Plagiat, so sagte er kürzlich selbstgefällig dem rumänischen Nachrichtenportal "Hotnews", bleibe "lediglich eine Narbe, auf die man ihn wohl noch in 20 Jahren ansprechen" werde.

Nachwende-Politiker durch Korruption mächtig geworden

Dabei gehört ausgerechnet der 1973 geborene Ponta zu jener neuen Generation, auf die Rumänien so gewartet hat. Eine Generation, die wegen ihres Alters nicht mehr in die kommunistischen Seilschaften verstrickt sein dürfte und von der man sich einen Mentalitätswechsel und Reformen erhofft. Eine Generation, die das Land zur Wende so dringend gebraucht hätte. Stattdessen blieb aber die Nomenklatur aus dem Ceausescu-Regime am Ruder. Für sie war und ist Rumänien eine Art Selbstbedienungsladen. Viele Nachwende-Politiker sind durch Amtsmissbrauch, Korruption und kriminelle Privatisierungen reich und mächtig geworden. Ein klassisches Übergangsphänomen in Osteuropa, das aber in Rumänien bis heute nicht überwunden ist.

23 Jahre nach der Wende tummeln sich im Bukarester links-liberalen Regierungsbündnis USL Oligarchen, Securitate-Offiziere und politische Wendehälse. Dass sie das Schicksal des Landes bestimmen, liegt unter anderem am fehlenden Bruch mit der Vergangenheit. Securitate-Verstrickungen wurden nur zögerlich aufgearbeitet und erst recht nicht sanktioniert. Kommunistische Seilschaften waren kein Makel für die Karriere, sondern eine Voraussetzung dafür. Es herrscht das Prinzip eine Hand wäscht die andere. In Anspielung auf diese Verhältnisse gibt es in Rumänien das geflügelte Wort, dass man niemanden fragen solle, wie er seine erste Million verdient hat. Mit ehrlicher Arbeit gewiss nicht, meinen viele im Land. Dass Regierungschef Ponta und seine Generation hier eine moralische und politische Wende herbeiführen, ist schwer vorstellbar. Der Nachwuchs ist mit der postkommunistischen Nomenklatur bestens vernetzt. Pontas Doktorvater - Ex-Premier Adrian Nastase -, der ihm den Aufstieg in die Politik ermöglichte, saß bis vor kurzem wegen illegaler Parteienfinanzierung im Gefängnis. "Wer unter Männern von gestern aufgewachsen ist, bleibt ein Mann von gestern", meint die Fernseh-Journalistin "Maria Popescu".

Lebenszeit für die Übergangszeit opfern

Rumänische Erntehelfer auf einem Feld bei Bornheim
Rumänsiche Erdbeerpflücker auf einem Feld in Deutschland Bildrechte: IMAGO

Die 1981 geborene "Popescu" arbeitet seit knapp zehn Jahren in der rumänischen Medienbranche. Ihren richtigen Namen will sie aus der Geschichte lieber heraushalten, sie fühlt sich dadurch freier beim Erzählen. Die junge Journalistin verdient 500 Euro im Monat, wenngleich sie in der Woche mehr als 50 Stunden arbeitet. Mit einem solchen Gehalt lassen sich in Bukarest aber gerade einmal die monatlichen Nebenkosten und Lebensmittel zahlen. Einen Urlaub oder eine private Rentenversicherung sind für Popescu reiner Luxus. Wenn sie krank wird, muss die junge Frau ihr hart verdientes Geld beim Arzt für Schmiergeld ausgeben. Andere hätten sich bei solch einem Leben schon längst im Westen umgesehen. Nur Popescu nicht, obwohl sie die besten Voraussetzungen zum Auswandern hat. Sie spricht fließend Deutsch, weil sie im Ceausescu-Regime die deutsche Schule besucht hat. Bis heute drängen sie die Eltern, nach Österreich oder Deutschland umzuziehen. "Sie haben sich als Opfergeneration gesehen, die erst Ceausescu ertragen hat und dann die turbulente Nachwendezeit. Sie wollen nicht, dass auch ich meine Lebenszeit einer Übergangszeit opfere", erzählt Popescu. "Von 31 Schülern meiner einstigen Schulklasse sind nur fünf in Rumänien geblieben." Gemeinsam waren sie in der Wendezeit 1990 von österreichischen Familien sechs Wochen lang eingeladen worden. "Man hat uns damals mit Essen gemästet, weil wir als Armenkinder des Ceausescu-Regimes galten." Den Armen-Status hat Rumänien noch heute: "Nur würde ich im Westen nicht mehr mit offenen Armen empfangen, sondern als Armutszuwanderer behandelt. Das will ich nicht", sagt Popescu.

Glauben an schnelle Wende zum Besseren verloren

Ciprian Cirniala hat das nicht abhalten können: "Iren, Griechen, Türken haben uns in den vergangenen Jahrzehnten die Suche nach dem Glück im Ausland und die Auswanderung vorgelebt." Statt rumänischer Armutszuwanderer ist Cirniala Nachwuchs-Akademiker. In Bukarest würde er in dieser Position gerade mal 250 Euro im Monat verdienen. Wie damit in der Forschung oder im Alltag vorankommen? "Mein Land hat sich bis heute politisch und materiell so wenig verändert, dass ich den Glauben an eine schnelle Wende verloren habe", sagt er resigniert. Inzwischen hat der junge Mann in Berlin eine Familie gegründet. Dass er mit ihr eines Tages nach Rumänien zieht, kann er sich nicht vorstellen.

Über Annett Müller geboren 1971 in Hildburghausen (Thüringen)
Studium der Journalistik und Psychologie in Leipzig und Edinburgh (Schottland), freiberufliche Journalistin für MDR, DeutschlandRadio und eurotopics, lebt in Bukarest und Leipzig

(erste Veröffentlichung am 04.04.2013)

Zuletzt aktualisiert: 20. September 2016, 13:39 Uhr